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Egger (re.), Tran: "Ziel ist, irgendwann die Krankheit zu besiegen" © LBG
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Aus dem Alltag einer Krebsforscherin: "Undenkbar, nicht mehr im Labor zu stehen"

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31.01.2018
  • Von Sylvia Maier-Kubala / APA-Science

  • Wien (APA-Science) - Die Molekularbiologin Gerda Egger vom Ludwig Boltzmann Institut Applied Diagnostics und ihre PhD-Studentin Loan Tran sprachen mit APA-Science darüber, warum es sie in die Forschung zog, über unterschiedliche Karriereplanungen und was die Arbeit im klinischen Umfeld für sie so erfüllend macht.

  • "Dass ich hier angekommen bin, ist vielen glücklichen Zufällen geschuldet", meinte Egger, die am LBI, das im weitläufigen Gelände der Medizinischen Universität Wien untergebracht ist, die Programmlinie "Molekulare Pathologie" leitet (siehe "Wollen keinen Tumor-Screenshot, sondern Live-Beobachtung"). "Heute sehe ich viele junge Leute, die sehr zielstrebig sind und genau wissen, was sie machen wollen. Ich war damals einfach oft zur richtigen Zeit am richtigen Ort." Etwa, als sie nach ihrem Studium der Genetik in ein Labor auf der Medizinischen Biochemie spaziert ist, um nach einem Praktikumsplatz zu fragen. "Dort habe ich so nette Menschen getroffen, und daraus hat sich dann meine PhD-Arbeit ergeben", erinnerte sich die Forscherin. In dieser Arbeit beschäftigte sie sich erstmals mit der Epigenetik, die sich im Lauf der Zeit zu ihrem Forschungsschwerpunkt entwickelt hat. Dieser Teilbereich der Genetik hat chemische Veränderungen auf der DNA im Blickfeld, welche die Genaktivität und Zellentwicklung beeinflussen können.

  • Von Wien nach Los Angeles und retour

  • Dann wollte die junge Forscherin ins Ausland. Die Wahl fiel auf die US-Westküste, weniger aufgrund strategischer Karriereüberlegungen, sondern "weil das für mich und meinen Partner gleichermaßen gepasst hat". In Los Angeles fand sie ein Top-Labor am Norris Comprehensive Cancer Center and Hospital an der University of Southern California, und blieb fünf Jahre. Nachdem sie Mutter geworden war, zog es sie jedoch in die Heimat zurück. Wie es der Zufall wollte, lernte sie den Pathologen Lukas Kenner (siehe "Von Krebs, Mäusen und anderen Tieren") kennen und fand über ihn eine Anstellung an der Medizinischen Universität in Wien.

  • "Es war wohl diese Begeisterung für den Job, die mir vieles eröffnet hat, und die ich auch bei anderen Menschen immer wieder gespürt habe", meinte Egger. Gerade auch am LBI, als sie die Kollegen von der Nuklearmedizin kennengelernt habe. "Wir machen so ähnliche Dinge und wissen nichts voneinander. Das treibt mich an, dass man Menschen trifft, die erkennen, was wichtig und interessant ist, die etwas angehen wollen."

  • Von Kleinauf neugierig

  • Das Interesse an der Natur und daran, den Dingen auf den Grund zu gehen, sei schon immer da gewesen. "Ich bin als Arbeiterkind am Land aufgewachsen, zur Hälfte am Bauernhof meiner Freundin", erzählte Egger. Von der Neugier angetrieben, zerlegte sie schon früh alles, was ihr in die Hände kam. Die große Schwester studierte Medizin, aber das war für das handlungsorientierte Mädchen eher abschreckend. "Ich habe sie nur dicke Bücher auswendig lernen gesehen." Ihre Neugierde führte schließlich auch zur Wahl des naturwissenschaftlichen Studiums und, damit verbunden, vielen beglückenden Stunden im Labor. "Das ist die Basis, hier entdeckt man die Dinge. Hier kann man in Zellen hineinschauen oder lernt, wie eine Zelle reagiert", zeigte sich die Molekularbiologin überzeugt.

  • In jungen Jahren sei es unvorstellbar für sie gewesen, diese Laborarbeit eines Tages nicht mehr zu machen. "Aber so ist es jetzt, das ist der Lauf der Dinge." Nun ist sie mit vielen administrativen Angelegenheiten beschäftigt, arbeitet Projektideen in Forschungsanträge ein, schreibt Projektberichte oder Anträge für die Ethikkommission. Auch die Lehre nimmt viel Zeit in Anspruch. "Das direkt weiterzugeben, woran man selber forscht, und junge Studenten und Studentinnen begeistern zu können, macht große Freude", betonte Egger. Ins Labor geht sie nur noch, um nachzuschauen, was die Mitarbeiter machen. "Wenn ich sehe, da geht etwas weiter - das ist das Schönste."

  • Jugend ist strukturierter

  • Fast den Großteil ihrer Zeit, etwa 80 Prozent, verbringt Tran, PhD-Studentin am LBI, noch im Labor, wo sie forscht und Experimente durchführt. "Das macht mir wirklich am meisten Spaß", betonte auch die Biomedizinerin. Woran sie arbeitet? Sie entnimmt Tumorzellen aus einem Tumor und lässt sie in einer 3D-Matrix wachsen (ein sogenanntes Organoid). Das Ziel ist, eine lebende Biobank zu etablieren. "Hat man die Zellen erst einmal molekularbiologisch charakterisiert, kann man dann auch Medikamente austesten und schauen, wie ein spezieller Tumor auf ein bestimmtes Medikament reagiert", erläuterte die PhD-Studentin.

  • Früh schon habe sie gewusst, dass sie klinisch forschen möchte. Bei Gerda Egger machte sie ihre Bachelorarbeit und kam dort das erste Mal mit der Epigenetik in Kontakt. "Dass es noch eine andere Ebene gibt, wie Krankheiten entstehen können, die nicht nur Gene betrifft, finde ich faszinierend", erzählte die junge Deutsche. "Ich bin ziemlich begeistert davon, wie wir Methoden finden können, um der Entstehung von Krankheiten entgegenzuwirken."

  • Während es auch bei Tran ein Zufall war, der sie nach Wien verschlagen und ihr Interesse an der Krebsforschung geweckt hat, so verlässt sie sich bei anderen Dingen nicht auf ihr Glück. "Unsere Generation geht schon strukturierter daran, welche Universität man wählt oder in welche Forschungsgruppen man hinein möchte", stellte sie fest. Für den Master ging sie nach Stockholm und absolvierte dadurch wieder Auslandssemester an anderen Unis, "weil die viele Netzwerke bieten". Sie schätzt die heute stark international verknüpfte Forschung und die vielen Möglichkeiten, zu reisen. "Das ist für einen jungen Forscher sehr spannend. Demnächst darf ich einen Forschungsaufenthalt in Japan verbringen", freute sie sich.

  • Kampf gegen den Tumor gewinnen

  • Es sei sicher eine Motivation, als Forscherin direkt im Krankenhaus zu arbeiten und so Patientenzugang zu haben. Wird ein Patient operiert, erhält Tran direkt nach der OP die Probe und nimmt die Tumore dann in Kultur. "Man darf nie vergessen, dass da ein Mensch gelegen ist, der stundenlang operiert wurde", gab sie zu bedenken.

  • Will man als Forscher Krankheiten heilen? Tran: "Ich weiß nicht, wie realistisch das ist. Aber sicher ist es etwas, das uns weiter vorantreibt." Egger wünscht sich, dass die Forschung einmal den Krebs bezwingt. "Es kommt ein Punkt, an dem die Pathologen, Nuklearmediziner und Chirurgen in den Tumorboards mit ihrem Latein am Ende sind. Wenn sie Fälle besprechen und sagen müssen, es gibt nichts mehr. Das möchte ich irgendwann erleben, dass wir in letzter Instanz den Kampf gegen den Tumor gewinnen."

  • Service: LBG Career Center: http://cc.lbg.ac.at/

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