Gastkommentar

Oliver Vitouch © AAU/Waschnig
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Dossier

"Bilder malen, nicht Gemäldegalerien verwalten"

Gastkommentar

22.08.2017
  • Wien (Gastkommentar) - Wann ist eine Universität eine gute, vielleicht sogar exzellente Universität? Wenn sie attraktiv ist: Attraktiv für die besten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von nah und fern, attraktiv für die besten Studierenden aus dem Inland, den Nachbarländern und der ganzen Welt, denen gute Arbeits- und Studienbedingungen geboten werden. Diese intellektuelle Attraktivität ist seit jeher der Schlüssel zur Anziehung vielversprechender Talente, die in Wissenschaft und Forschung etwas bewegen wollen. "To be there when the picture is painted", hieß das in den Worten des Nobelpreisträgers Francis Crick, und das "where" geht dem "when" voran: Wo Tauben sind, fliegen Tauben zu.

  • Sind österreichische Universitäten in diesem Sinne attraktiv? Nehmen wir eine interessante Benchmark: Die Niederlande. Sie haben rund doppelt so viele Einwohner wie Österreich, und in etwa das gleiche BIP pro Kopf. Die Niederlande haben derzeit acht Universitäten unter den Top 100 im globalen THE-Ranking (13 unter den Top 200), drei unter den Top 100 im globalen Shanghai-Ranking (neun unter den Top 200). Ohne Übertreibung kann man sagen, dass alle 13 öffentlichen Unis der Niederlande (mit Ausnahme der 14., der Fernuni) ausgezeichnete Plätze einnehmen. Österreichs Unis können hier, mit einer unter den Top 200 @THE und zwei unter den Top 200 @Shanghai, nicht annähernd mit.

  • Was macht Österreich falsch, was machen die Niederlande richtig? Faire, auf Kausalitäten abstellende Ländervergleiche sind immer schwierig, weil der Rahmen unterschiedlich ist: So haben die Niederlande etwa eine ganz andere Unternehmensstruktur (mehr globale Konzerne, weniger KMUs). Dennoch kann man versuchen, einige zentrale Faktoren zu benennen.

  • - Die Niederlande stecken ihre Forschungsförderung praktisch exklusiv in ihre Universitäten. Weder außeruniversitäre Einrichtungen (wie IST Austria oder die deutsche Max-Planck-Gesellschaft) noch Forschungsprämien für Unternehmen, de facto versteckte Standortnachteilsubventionen, verdünnen die Mittel. Auch das Austriakum von Privatunis, die in Wirklichkeit Landeshochschulen sind, kennen sie nicht.

  • - Die Mentalität ist strikt leistungsorientiert (calvinistisch), die Arbeits- und Publikationssprache meist englisch (das dem Niederländischen näher steht als dem Deutschen). Die Auswahl und Förderung von Studierenden erfolgt auf breiter Basis nach Leistungskriterien.

  • - Auf den gut ausgebauten und kostensensibel dotierten FH-Sektor entfallen etwa 60 Prozent der Studierenden; in Österreich sind es 14 Prozent (jedoch bereits 28 Prozent der Absolventen). Die Unis können dafür tatsächlich als "research universities", als forschungsintensive Universitäten, funktionieren. In absoluten Zahlen: An den öffentlichen Unis der Niederlande (inkl. Fernuni) waren 2012/13 rund 240.000 Studierende inskribiert, an den öffentlichen Unis des halb so großen Österreich 300.000.

  • Die Attraktivität und Leistungsfähigkeit der Universitäten eines Landes ist auch von banalen ökonomischen Faktoren abhängig: USA und UK, ehemaliges Weltreich und starker Finanzplatz, sind offenkundige Beispiele dafür, und China betreibt eine wahre Aufholjagd. Österreich zählt nicht zu den größten, aber zu den leistungsstärksten Volkswirtschaften der Welt. Woran krankt es dann? Zum einen am gut gemeinten, aber schiefen Weltbild; zum anderen an der Zersplitterung von Mitteln, die eigentlich in die Unis fließen sollten.

  • Natürlich soll nicht die Geldbörse der Eltern über den Bildungserfolg der Kinder entscheiden, sondern deren Fähigkeiten und Leistungen. Bei uns wird aber das Kunststück vollbracht, auch Leistung eigentlich zu verpönen, selbst wenn es um Universitäten geht. Unis sind weltweit - zumindest ihrem Ideal nach - strikt meritokratische und, ja, auch elitäre, nämlich leistungselitäre, intellektuell elitäre Institutionen. Österreich versucht, das auszublenden: Leistungsorientierung ist irgendwie unfair und jedenfalls diskriminierend. Freilich ist es ein Problem, dass wohlbestallte Eltern ihren Kindern oft bessere Startbedingungen mitgeben können. Aber das ist durch aktive Maßnahmen im Sinne der Chancengleichheit, von der Frühförderung bis zum ausreichend dotierten Stipendium, zu kompensieren. Die Idee, dass Leistung nicht so wichtig ist und dass das schon noch irgendwann wird (vielleicht), ist der Leistungsfähigkeit einer Uni naturgemäß nicht zuträglich.

  • Universitäten sind attraktiv, wenn sie den besten Leuten gute Forschungs- und Studienbedingungen bieten: Das ist hierzulande, bis auf einige gesegnete Nischen, definitiv nicht der Fall. Die österreichischen Unis sind attraktiv für jene, die nicht aus Österreich weg wollen, oder für internationale Studierende, die das Gratisstudium und die urbanen Reize Wiens schätzen, oder für Deutsche, die daheim keinen Studienplatz im Fach ihrer Wahl bekommen. Aber sie sind viel zu wenig attraktiv hinsichtlich jener Kriterien, die Universitäten in einem der reichsten Länder der Welt eigentlich ausmachen sollten. Ganz anders ist das bei den Musikunis: Die sind hochselektiv bei der Aufnahme ihrer Studierenden, solide budgetiert und international überaus gefragt (nicht nur, weil sie so wohlfeil sind). Und siehe da: Die Musikuniversität Wien musste sich im (stark reputationsgetriebenen) QS-Ranking 2016 nur der Juilliard School of Music in New York geschlagen geben, als zweitbeste Institution der Welt. Genau jene Bedingungen, die den wissenschaftlichen Universitäten verwehrt werden - strikte Leistungsorientierung und adäquate Budgetierung - sorgen für globalen Glanz. Unfair? Ja.

  • Österreich braucht eine grundlegende Reform seines Hochschulwesens. Sich dabei ein Scheibchen von anderswo abzuschneiden wäre nicht verkehrt: Von den Niederlanden lernen heißt siegen lernen. Ließe sich das Thema als rein akademisch abtun, bräuchte es ja niemanden aufzuregen. Es geht aber um die Wohlstandssicherung und Innovationskraft dieses Landes, und um die Frage, ob es seine Prosperität behaupten kann. Durch "Weiterwursteln wie bisher" wird das jedenfalls nicht gelingen.

Zur Person

Oliver Vitouch, Rektor der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt und Präsident der Universitätenkonferenz

Oliver Vitouch, geb. 1971, studierte Psychologie an der Universität Wien, wo er 1999 zum Doktor der Naturwissenschaften promovierte und 2001 habilitierte. Von 2000 bis 2002 war er Research Scientist am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin (Center for Adaptive Behavior & Cognition, ABC), ab 2002 Ao. Univ.-Prof. an der Universität Wien. Lehrtätigkeiten führten ihn an die FU Berlin und die Universität St. Gallen. Anfang 2003 folgte er dem Ruf an die Alpen-Adria-Universität Klagenfurt (AAU), wo er die Abteilung für Allgemeine Psychologie und Kognitionsforschung aufbaute. Von 2008 bis 2010 amtierte er als Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Psychologie, von 2006 bis 2012 war er Senatsvorsitzender der AAU, seit Oktober 2012 ist er deren Rektor. Von 2015 bis Mai 2016 war er Präsident der Alps-Adriatic Rectors’ Conference (AARC), einer Rektorenkonferenz mit rund 50 Mitgliedsuniversitäten aus neun Ländern. Von Jänner bis Mai 2016 war er Vizepräsident der Österreichischen Universitätenkonferenz (uniko); nach dem Wechsel Sonja Hammerschmids in die Bundesregierung wurde er Anfang Juni 2016 zum uniko-Präsidenten gewählt. Die Funktionsperiode des Präsidiums währt bis Ende 2017. In seiner Amtszeit hat Vitouch intensiv auf eine bessere Finanzierung der Universitäten (Beschluss des Nationalrats vom 28. Juni 2017) und auf die Einführung eines Modells der Studienplatzfinanzierung (Begutachtungsaussendung der UG-Novelle am 2. August 2017) hingewirkt.

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