Gastkommentar

Christian Köberl © NHM/Kurt Kracher
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Dossier

"Das Anthropozän - ein geologisches Zeitalter?"

Gastkommentar

28.05.2018
  • Wien (Gastkommentar) - Seit knapp 20 Jahren wird der Begriff "Anthropozän" nicht nur in der Wissenschaft, sondern auch breit in der interessierten Öffentlichkeit diskutiert. Dieses Interesse geht auf den Atmosphärenchemiker und Nobelpreisträger Paul Crutzen zurück, der frühere Vorschläge - zum Beispiel schon von Vladimir Vernadsky, der bereits 1938 vom Menschen als den Planeten treibende Kraft sprach, oder Eugene Stormer, der den Begriff etwas anders in den 1980er Jahren verwendet - aufgegriffen hat. Bereits 2008 fand die stratigraphische Kommission der Geological Society of London die Idee interessant, das Anthropozän als geologisches Zeitalter - nach dem Holozän kommend - zu betrachten. Seit damals gibt es unter Geowissenschaftern eine intensive Diskussion, ob dieser Vorschlag gerechtfertigt ist oder nicht.

  • Gute Argumente gibt es auf beiden Seiten. Aber vielleicht sollte man zuerst ein paar grundlegende Fakten anführen. Die Erde ist etwa 4.5 Milliarden Jahre alt. Auf der ganzen Welt gibt es Gesteine unterschiedlichen Alters - vulkanische Gesteine, Sedimentgesteine, und viele andere. Eine Teildisziplin der Geologie, die Stratigraphie, befasst sich damit, Gesteine anhand der darin enthaltenen organischen und anorganischen Merkmale zeitlich relativ zu ordnen und auch räumlich weit entfernte Gesteinseinheiten miteinander zeitlich in Beziehung zu setzen, das heißt, zu korrelieren. Dazu unterteilt man die zeitliche Abfolge auf der Erde in verschiedene Erdzeitalter. Hierzu verwendet man verschiedene Arten der Stratigraphie, zum Beispiel die Lithostratigraphie (Gliederung und Korrelation nach unterscheidbaren Gesteinseinheiten), oder die Chronostratigraphie (dabei handelt es sich um eine relative Zeitbestimmung, basierend auf Zeitmarkern in den Gesteinen, wie etwa das Vorkommen bestimmter Fossilien, Ereignishorizonte, oder auch geochemische Änderungen, magnetische Signale, usw.).

  • Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch die Geochronologie. Mit deren Methoden werden die Alter von Gesteinen bestimmt, was wiederum die (relativen) Abfolgen der Stratigraphie auf eine Zahlenbasis stellt. Die Unterteilung der Erdzeitalter erfolgt in mehreren hierarschischen Ebenen. Die obersten sind das Hadäikum, das Archaikum, das Proterozoikum, und das Phanerozoikum. Darunter gibt es dann verschiedene Unterteilungen, wie die bekannten Erdzeitalter Trias, Jura und Kreide, Unterteilungen des Mesozoikums, das wiederum ein Teilabschnitt des Phanerozoikums ist. Auch diese Ebenen kennen noch Unterteilungen - zB die Kreidezeit, die ca. 80 Millionen Jahre umfasst, hat 12 weitere Unterabschnitte (das letzte davon wäre das Maastrichtium, das von 72 bis 66 Millionen Jahre vor unserer Zeit dauerte). Das jüngste Zeitalter, das Quartär (es begann vor ca. 2.6 Millionen Jahre) hat noch fünf Unterabschnitte, der letzte davon das Holozän, das vor ca. 11,700 Jahren begann.

  • Das neu vorgeschlagene Anthropozän wäre also ein Zeitabschnitt vergleichbar mit dem Mastrichtium oder dem Holozän, auf der selben Ebene. Dazu bemerkt man sofort, dass frühere Zeitabschnitte eine deutlich längere Dauer hatten als jüngere Abschnitte. Die Unterteilungen der Kreidezeit (als Beispiel) dauerten jeweils mehrere Millionen Jahre, während das Holozän gerade erst 0.01 Millionen Jahre alt ist. Worauf basieren aber die verschiedensten Erdzeitalter? Im Wesentlichen darauf, was in dieser Zeit bezüglich der Erdentwicklung passierte. Viele Erdzeitalter sind über das erste Auftreten und das spätere Verschwinden von bestimmten Fossilien definiert, das heißt, während des Zeitalters gab es diese oder jene Tier- oder Pflanzengruppe. Aber auch geochemische Änderungen oder Umpolungen des Erdmagnetfeldes gehen in diese Betrachtungen ein. Viele dieser Änderungen haben mit Änderungen der Umweltbedingungen auf der Erde zu tun. Jetzt könnte man die Frage stellen, waren früher die Änderungen auf der Erde so viel langsamer, dass einfach viel länger dauernde Erdzeitalter definiert wurden als in jüngerer geologischer Vergangenheit? Eher nicht. Oder hat das auch etwas mit der Genauigkeit unserer Beobachtungen zu tun?

  • Es gibt als zum Anthropozän als geologisches Zeitalter einige Fragen die zu diskutieren sind, unter anderen: Welchen "Inhalt" hat das Anthropozän? Welche Fossilien, welche geochemischen oder sonstigen Marker können zur Definition herangezogen werden? Wann hat es begonnen? Warum muss man ein neues Zeitalter definieren? Die letzte Frage lassen wir einmal unbeantwortet. Da frühere geologische Zeitalter im Rückblick definiert wurden, ist es natürlich schwierig, ein gerade begonnenes Zeitalter, das noch dazu völlig im Fluss ist, durch einen bestimmten Inhalt (Fossilien oder sonstiger Marker) zu definieren. Es gibt viele - leider oft nicht erfreuliche - Spuren, die der Mensch auf unserem Planeten verursacht hat oder zurücklässt. Um nur einige wenige Beispiele zu nennen: die Umwandlung von normaler Landfläche in Nutzfläche, die Produktion enormer Mengen von Beton (ca. 1 kg für jeden Quadratmeter des Planeten), genug Aluminium, um ganze Kontinente in Alufolie zu verhüllen, Dämme, die Sedimente aufstauen, ein starker Verlust der Biodiversität, gigantische Mengen von Plastik in der Umwelt, und so weiter. Aus dieser Sichtweise her ist es ganz klar: Der Mensch verändert den Planeten Erde sehr stark. Allerdings... was der Mensch tut, und was in der Umwelt abgelagert wird, ändert sich sehr rasch. Manche Arten von Plastik gab es vielleicht 30 Jahre lang, heute gibt es andere. Verschiedenste Metalle gelangen in die Umwelt. Umweltverschmutzung ist schlimm, aber nicht konstant. Die Chemikalien ändern sich permanent. All dies macht es schwierig, diese "Marker" zur Definition des Inhalts eines Erdzeitalters heranzuziehen, da sich viele Dinge nicht in geologischen Zeiträumen (also tausende bis Millionen von Jahren) ändern, sondern in wenigen Jahren. Was wird Bestand haben? Was wird man nach vielen Millionen Jahren noch in den Gesteinsablagerungen des dann schon lang vergangenen Anthropozäns finden? Sogar Plastik verwittert. Es ist also sehr schwer zu sagen, was von Dauer sein wird.

  • Über die Frage, wann denn der Beginn des Anthropozäns anzusetzen wäre, wird heftig diskutiert. Manche Forscher meinen, der Abbau vom Mineralien und Erzen durch Menschen vor ca. 2000 Jahren wäre ein Beginn. Andere setzen das Zeitalter der Industrialisierung an (wobei sich die Frage stellt, wie definiert man das geologisch, welcher Marker ist hier einzusetzen?). Wieder andere sagen, das Jahr 1945, die erste Atombombe in der Atmosphäre. Auch die Permanenz dieser Marker ist kaum gegeben. Sogar die radioaktiven Spuren von Atombombenexplosionen verschwinden mit der Zeit durch normalen radioaktiven Zerfall. Die häufigsten Plutoniumisotope haben Halbwertszeiten von 88, 6.500, und 24,000 Jahren. Also kaum etwas, was man noch nach Jahrmillionen nachweisen kann. Wenn aber schon der Anfang schwer nachweisen ist, der Inhalt sich dauernd ändert und vieles nicht zumindest über "geologische Zeiträume" stabil bleibt, stellt sich die Frage (neben der zur Verweildauer der Spezies Homo Sapiens auf unserem Planeten), ist auf diese Weise ein geologisches Zeitalter überhaupt definierbar? Als soziologischer und gesellschaftlicher Begriff ist das Anthropozän sehr wertvoll, weil es die Probleme aufzeigt, die der Mensch verursacht. Aber gleich ein geologisches Zeitalter? Vielleicht nehmen wir uns dann doch zu wichtig.

Zur Person

Christian Köberl, Naturhistorisches Museum Wien & Universität Wien

Christian Köberl wurde am 18. Februar 1959 in Wien geboren und ist Universitätsprofessor für Impaktforschung und planetare Geologie an der Universität Wien sowie Direktor des Naturhistorischen Museums Wien. Er erforscht vor allem Meteoritenkrater auf der Erde und anderen Körpern des Sonnensystems, um frühe Prozesse auf der Erde aufzuklären, und generell mehr über Meteoriten und die Gefahr, die von ihnen ausgehen könnte, zu erfahren. Der Impaktforscher ist wirkliches Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Verfasser von über 430 wissenschaftlichen Publikationen, hat zahlreiche Fachvorträge bei internationalen Tagungen abgehalten und Tagungen mitorganisiert. Köberl ist Mitherausgeber der Fachzeitschriften „Geochimica et Cosmochimica Acta“ und „Meteoritics & Planetary Science“, war von 2009 bis 2015 Herausgeber der internationalen geologischen Fachzeitschrift „Bulletin of the Geological Society of America“ und ist jetzt Herausgeber der Buchserien der Geological Society of America.

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