Gastkommentar

Andrea Mork © Privat
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Dossier

"Das Haus der Europäischen Geschichte. Zur Konstruktion eines transnationalen Ausstellungsnarrativs"

Gastkommentar

24.10.2018
  • Wien (Gastkommentar) - Geschichte hat mit Politik gemeinsam, dass sie alle angeht. Dies ist der Grund, warum sie in die Öffentlichkeit gehört. Historische Museen schaffen einen Raum, in dem gesellschaftliche Selbstreflexion stattfinden kann. Das Haus der Europäischen Geschichte, das im Mai 2017 in Brüssel eröffnet wurde, mag als Beispiel dienen, um Fragen zu beleuchten, die mit einer Museumsneugründung verbunden sind.

  • Was ist Europa?

  • Weder geografisch noch politisch ist Europa ein klar umrissener Raum. Europa ist ein Mosaik von fabelhafter Vielfältigkeit, ein Kontinent, der die größten Unterschiede in sich vereint. Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels sich ergänzender, konkurrierender und antagonistischer Ideen und Entwicklungen.

  • Methode und theoretisches Fundament

  • Seit Jänner 2011 arbeitete ein akademisches Team, Historiker und Museumsfachleute aus verschiedenen europäischen Ländern, mit verschiedenem Bildungshintergrund, aus verschiedenen Denktraditionen kommend, zusammen, um ein europäisches Narrativ zu entwickeln. Anstatt von oben herab eine scheinbar konsistente Identität zu definieren, erschien es uns angemessen, an das Konzept des "kulturellen Gedächtnisses" anzuknüpfen - wegen der ihm innewohnenden Multiperspektivität und seines kritischen Potenzials.

  • Das Museum strebt nicht an, die Vielfalt der Nationalgeschichten darzustellen. Die Leitfrage ist "Was bindet den Kontinent zusammen?" Um die ungeheure Stoffmenge zu bewältigen, konzentrieren wir uns auf Phänomene a) die in Europa entstanden sind, b) die in ganz Europa wirkungsmächtig gewesen sind und c) die bis heute relevant sind. Diese Ereignisse und Entwicklungen bilden die Rahmengeschichte, innerhalb derer die unterschiedlichen Erfahrungen und Interpretationen dargestellt werden können. Statt einen scheinbar globalen, objektiven Standpunkt einzunehmen, versuchen wir, ein bewusstes Spiel mit der Relativität der Perspektiven in Gang zu setzen. Das Museum will ein europäischer Gedächtnisspeicher werden, der die Erfahrungen und Interpretationen in ihrer ganzen Verschiedenheit und Widersprüchlichkeit umfasst.

  • Der zeitliche und geografische Rahmen

  • Wir haben der Versuchung einer allumfassenden Präsentation der europäischen Geschichte widerstanden. Die Dauerausstellung konzentriert sich auf das 19. und 20. Jahrhundert unter besonderer Berücksichtigung der europäischen Integration nach 1945. Im 19. Jahrhundert machte sich Europa auf den Weg in die Moderne - politisch, ökonomisch, gesellschaftlich und kulturell. Ideen und Konzepte wurden auf den Weg gebracht, die uns bis heute bestimmen.

  • Wie wir alle wissen, ist jede Art von Geschichtspräsentation eine Konstruktion. Dass dabei notwendigerweise Lücken entstehen, Nicht-Integrierbares, Eigensinniges, sei ausdrücklich zugestanden und kann vom Besucher mit Recht beanstandet werden. Ein Museum aber ist keine Enzyklopädie.

  • Wie mit umstrittenen Erinnerungen umgehen?

  • Die erste Hälfte des 20. Jahrhundert wird als "Zeitalter der Zerstörung" präsentiert - erschüttert von zwei Weltkriegen, einer Weltwirtschaftskrise unbekannten Ausmaßes und dem Niedergang der liberalen Demokratien, während Diktatur und Totalitarismus auf dem Vormarsch sind. Die Dialektik der Moderne zeigt sich im Umschlagen äußerster Rationalität, wie sie sich in der neuzeitlichen Gesellschaft entwickelt hat, in äußerste Irrationalität, die sich in den verschiedenen Gewaltexzessen, im Massenkrieg und im totalitären Terror manifestiert.

  • In diesem Kontext, ist die Gegenüberstellung von Nationalsozialismus und Stalinismus von zentraler Bedeutung. Die Totalitarismusdebatte war den Kuratoren ständige Mahnung, bei dieser Gegenüberstellung besonders vorsichtig und differenzierend vorzugehen. Aus sehr unterschiedlichen ideologischen Wurzeln hervorgegangen und innerhalb völlig verschiedener historisch politischer Rahmenbedingungen entstanden, sind sich Nationalsozialismus und Stalinismus doch in ihrer Skrupellosigkeit und ihrem radikal gewalttätigen Charakter verbunden. Die Ausstellung zeigt die Strukturelemente zweier Systeme, die einander Todfeinde waren, beide aber einen entschiedenen Bruch mit Liberalismus und Demokratie bedeuten.

  • Welche Rolle spielt die europäische Integration?

  • Die europäische Integration wird als das Ergebnis eines langen und schmerzvollen Lernprozesses und zugleich als "Produkt" des Kalten Krieges kenntlich gemacht. Einige westeuropäische Staaten machen sich auf den Weg supranationaler Kooperation mit dem Ziel, die aggressiven Tendenzen des Nationalismus, namentlich des deutschen, und das Risiko eines neuen Krieges einzudämmen.

  • Zu viele Rückschläge und strukturelle Probleme werden benannt, als dass ein teleologische Geschichtsbild entstehen könnte (vom Scheitern der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft bis zum Brexit). Und das ist das eigentliche Bewegungsgesetz der europäischen Integration: Die ständige Bewegung durch Widersprüche, von denen auch der letzte nicht der letzte ist.

  • Welche Lehren kann man aus der Geschichte ziehen?

  • Die moralische Hinterlassenschaft der Shoah ist konstitutiv für das Selbstverständnis Europas geworden, eines Kontinents, der sich seiner eigenen humanistischen Traditionen nicht mehr sicher sein kann. Für Tony Judt "ist die wiederentdeckte Erinnerung an Europas tote Juden Definition und Garantie für die wiedergefundene Humanität des Kontinents."

  • Nach dem Ende des Kalten Kriegs haben Mittel- und Osteuropäer auch den kommunistischen Totalitarismus in die Debatte zurückgebracht. Diese Vorgänge sind keine nur Osteuropa betreffende Angelegenheit. Wie unsere Ausstellung zeigt, verblassen die Erinnerungen an diese traumatischen Erfahrungen keineswegs mit wachsender zeitlicher Distanz. Deshalb ist die Verpflichtung zur Erinnerung eine Art kategorischer Imperativ geworden.

  • Kritik an der Ausstellung

  • Das Haus der Europäischen Geschichte ist seit seiner Eröffnung breit rezipiert worden und hat eine vorwiegend positive Resonanz erfahren. Der Großteil der Kritik nimmt daran Anstoß, dass bestimmte Themen nicht oder nicht ausreichend gewürdigt werden. Die Kommentatoren fordern mehr zu Frauen und Immigranten, mehr zum Holocaust, mehr zu den Opfern des Kommunismus, mehr zur Europäischen Integration und zur NATO, und ... diese Liste ließe sich fortsetzen. Jedem dürfte klar sein, dass in einem Museum die Geschichte Europas nicht erschöpfend dargestellt werden kann.

  • Problematischer ist die Kampagne, welche die polnische Regierung seit Monaten gegen das Museum führt. Im Kern geht es um fünf Vorwürfe: Die Ausstellung sei negativ, dem Nationalstaat und dem Christentum feindlich, neo-marxistisch in ihrer Grundhaltung und deutschlandfreundlich in exkulpierender Absicht. Was die Kritiker, namentlich die Platform of European Memory and Conscience monieren, ist die kritische Perspektive der Ausstellung. Wie wichtig das Thema genommen wird, verraten die Briefe des polnischen Kultusministers Piotr Glinski und seines ungarischen Amtskollegen Zoltan Balog an Antonio Tajani, den Präsidenten des Europäischen Parlaments, in denen sie gegen das Geschichtsbild des Brüsseler Museums protestierten.

  • Wir haben den Eindruck, dass die Kritiker schlecht über die Ausstellung informiert sind. Vieles, was sie als fehlend monieren, ist in der Ausstellung durchaus vorhanden; vieles, was sie als ideologisch verunglimpfen, ist falsch wiedergegeben. Was an dieser Kritik aber besonders verstört, ist die ostentative Missachtung der wissenschaftlichen Freiheit, die dem Museum vom Europaparlament von Anfang an zugestanden worden ist. Gefordert wird eine europäische Identität, die sich christlich, nationalstaatlich, antikommunistisch und heroisch definiert. Das wäre nun tatsächlich das genaue Gegenteil dessen, was wir mit der offenen, auf Verständigung ausgerichteten Konzeption anstreben, die zum wechselseitigen Austausch historischer Erfahrungen und kultureller Erinnerungen beitragen möchte.

  • Europa hat ein schwieriges Erbe. Und doch verfügt Europa über die Fähigkeit zur Selbstanalyse. So wie Jacques Le Goff es formuliert hat: "Ist nicht kritisches Denken immer eines der wichtigsten Werkzeuge der Europäer gewesen?"

Zur Person

Andrea Mork, Chefkuratorin am Haus der Europäischen Geschichte

Andrea Mork, Chefkuratorin am Haus der Europäischen Geschichte, Brüssel. Sie ist, zusammen mit dem Akademischen Projektteam, verantwortlich für die Entwicklung des Konzepts und des Narrativs für die Dauerausstellung. Andrea Mork studierte Geschichte und Politische Wissenschaften an der RWTH Aachen und schrieb ihre Doktorarbeit über “Richard Wagner als politischer Schriftsteller. Weltanschauung und Wirkungsgeschichte". Sie war Projektleiterin verschiedener Ausstellungen am Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Bonn (“Ungleiche Schwestern. Frauen in West- und Ostdeutschland“; Verfreundete Nachbarn. Deutschland - Österreich“; „Leni Riefenstahl“ und „Skandale in Deutschland seit 1945“) und Mitglied verschiedener Beratungsgremien, unter anderem des Wissenschaftlichen Beirats für die Ausstellungsreihe „Karl der Grosse - Macht, Kunst, Schätze” (2014).

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