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Henzinger fordert mehr Bottom-up-Forschung © APA (Techt)
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"Der schönste Job, den man sich überhaupt vorstellen kann"

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30.08.2018
  • Wien/Klosterneuburg (APA-Science) - Das Institute of Science and Technology (IST) Austria in Klosterneuburg genießt in der Grundlagenforschung in vielerlei Hinsicht eine Sonderstellung. Warum das so ist und ob er als leidenschaftlicher Informatiker in seiner Position als IST-Präsident noch zum Forschen kommt, erzählte Thomas Henzinger im Gespräch mit APA-Science.

  • APA-Science: Wie schätzen Sie den derzeitigen Status und Stellenwert der Grundlagenforschung in Österreich ein?

  • Henzinger: Ich finde zuerst einmal die Frage interessant. Es ist ein österreichisches Spezifikum, zwischen Grundlagenforschung und angewandter Forschung zu unterscheiden. In meinem eigenen Gebiet - ich bin Informatiker - gibt's den Unterschied ja praktisch nicht. Gute Forschung hat meistens Anwendungen, oft unvorhergesehene.

  • Es gibt allerdings zwei verwandte Unterscheidungen, die selten gemacht werden, die aber ganz wichtig sind: Es gibt zum einen von der Neugier des Forschers getriebene und es gibt zielgerichtete Forschung. Zum Beispiel, wenn die Industrie die Effizienz eines Motors auf eine bestimmte Art und Weise um zehn Prozent steigern will.

  • Die zweite Unterscheidung: Es gibt Top-Down- und Bottom-Up-Forschung. Top-Down sind Projekte und Forschungsthemen, die vorgegeben und als strategisch wichtig gesehen werden. Das kann aus Industrie, Forschungsförderung oder Politik kommen, während Bottom-up-Forschung rein vom Forscher kommt. Forscher gehen immer in die Richtung, die ihnen am interessanten und ergiebigsten erscheint. Und da sehe ich in Österreich ein sehr signifikantes Ungleichgewicht. Es gibt viel mehr Top-Down und viel mehr Themenforschung als Bottom-up und von Neugier bzw. Forschern getriebene Forschung.

  • APA-Science: Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

  • Henzinger: Das liegt an der Stärke verschiedener Lobbys und daran, dass das Gesamtportfolio zu wenig Beachtung findet. Die Industrie ist natürlich sehr interessiert an Top-Down-Forschung, aber in Österreich sind es auch die Politik und Ministerien. Man braucht sich nur die Größe des Budgets von FFG (Forschungsförderungsgesellschaft - Förderung angewandter Forschung; Anm.) versus FWF (Wissenschaftsfonds; Anm.) anschauen. Ersteres ist im Wesentlichen Top-Down-Forschung. Das liegt letztendlich daran, dass es für einen Politiker oder auch für die etablierte Industrie oft schwer zu akzeptieren ist, dass der Forscher am besten weiß, wo die wertvollsten nächsten Ergebnisse erwartet werden können.

  • APA-Science: Weil angewandte Forschung quasi auch leichter zu "verkaufen" ist?

  • Henzinger: Ja. Und bei Top-Down kann man Centers und Flagship-Projekte eröffnen und rote Bänder durchschneiden. Ich habe in Österreich auch schon total verblüffende Sätze gehört wie: "Man kann es doch nicht den Forschern überlassen, woran sie forschen."

  • Es ist nicht nur falsch vom Verständnis her, dass es heißt, die Politik und die Industrie wissen, was die besseren strategischen Richtungen sind. Es ist auch falsch vom anderen Gesichtspunkt her, nämlich wenn man wirklich drauf schauen will, was der Wirtschaft und der Gesellschaft am meisten bringt. Das sind nämlich meistens genau die unvorhergesehenen Erkenntnisse, um die auch neue Industrie entstehen kann.

  • APA-Science: Schadet die im Juli hochgekochte Debatte um unseriöse Forschungspublikationen dem Image der Grundlagenforschung?

  • Henzinger: Das sehe ich vollkommen als ein Randthema. Warum? Es wird vielleicht überraschen, in mehrerlei Hinsicht. Worüber wir hier reden, sind Forscher auf dem Niveau des IST Austria oder auf dem vergleichbaren Level an den österreichischen Universitäten. Wenn jemand in solchen Foren publiziert, dann schadet das einem viel mehr als es hilft. Ich finde das vollkommen überzeichnet und ordne das mehr dem Sommerloch zu.

  • Und auf der anderen Seite muss man auch sagen: Es steht jedem frei zu publizieren, wo er will, und auch zu lesen, was er will. Ob das jetzt Literatur oder Schund ist. Man kann nicht alles regulieren. Wo auch immer manche Leute eine Möglichkeit sehen, finanzielle Vorteile rauszuschlagen, wird das immer wieder passieren. Ich sehe darin nicht ein Problem per se.

  • APA-Science: Diese Freiheit, von der Sie gesprochen haben, rein von der Neugier getrieben zu forschen. Da hat das langfristig gut finanzierte IST Austria ja durchaus eine Sonderstellung. Wie sieht es bei anderen Institutionen aus, etwa den Unis?

  • Henzinger: Das stimmt, aber gerade die Unis haben in diesem Jahr einen sehr großen Finanzierungsschub erhalten, im Gegensatz zum FWF zum Beispiel. Und hier sehe ich das zweite Ungleichgewicht in Österreich. Die erste ist: Top-Down- vs. Bottom-up-Forschung. Das zweite Ungleichgewicht ist kompetitiv vergebene vs. nicht kompetitiv vergebene Forschungsfinanzierung. Das hängt natürlich zusammen. Die meiste Top-Down-Forschung ist eben nicht vollständig offen, weil es ja im Interesse des Forschungsförderers ist, Projekte zu vergeben. Währenddessen ist Bottom-up-Forschung oft auf den kompetitiv vergebenen Anteil angewiesen. Der kompetitiv vergebene Anteil in Österreich gehört deshalb gesteigert.

  • Ich kann mich finanziell vom IST-Standpunkt nicht beklagen und mache das auch nicht. Aber wenn man jetzt nur auf die österreichische Universitätslandschaft schaut, dann ist es ja wieder symptomatisch: Wenn Mittelzuwächse zu verzeichnen sind, dann werden diese auf eine nicht kompetitive Art und Weise gesteigert. Es wird den Universitäten mehr Geld zur Verfügung gestellt anstatt dem FWF. Das hätte man ja genau umgekehrt machen können. Aber so haben natürlich Ministerien mehr Einfluss durch Leistungsvereinbarungen und Themenvorgaben. Darum ist eben Top-Down und nicht kompetitiv das Vorzugsmodell für die Politik, während das aber nicht der Exzellenz und Produktivität der Forschung dient.

  • APA-Science: Wie steht Österreich international als Forschungsstandort da, auch im Hinblick darauf, exzellente Forscherinnen und Forscher aus dem Ausland anzuwerben?

  • Henzinger: Ich muss dazu vielleicht etwas überraschend sagen, dass wir nach wie vor ein Spitzen-Standort sind. Wir haben Spitzen-Wissenschafter, auch an den Universitäten. Auch von der finanziellen Seite her sind wir durchaus kompetitiv, wenn man von wenigen Ausnahmen absieht. Die Schweiz ist ein Einzelfall, mit dem wir nicht konkurrieren können. Auch Deutschland hat in den letzten Jahren im Vergleich zu Österreich sehr viel für Forschung getan. Im Rest von Europa ergibt sich ein differenziertes Bild. Worauf wir in ganz Europa aufpassen müssen, ist Ostasien. Da gibt es unheimlich viel Momentum.

  • APA-Science: Durchgängige Karriereperspektiven - Stichwort Tenure-Track - sind in Österreich noch immer eher die Ausnahme, sieht man etwa vom IST Austria ab. Wie attraktiv ist eine Karriere für einen Jungforscher in der Grundlagenforschung im Vergleich zur Unternehmensforschung, die vielleicht raschere Erfolge und mehr Sicherheit verspricht?

  • Henzinger: Ich hätte diesbezüglich nicht so große Ängste. Weil Bottom-up-Forschung, wo der Forscher frei ist zu machen was er will, ist der schönste Job, den man sich überhaupt vorstellen kann. Das ist einfach so attraktiv, dass es wirklich gute Leute, die auch erfolgreich sein können, immer dahin ziehen wird. Es ist nur schade, dass wir das volle Potenzial nicht ausnützen.

  • Aber ich glaube, langsam bewegen sich die Dinge in die richtige Richtung. Sie haben schon Recht, wir sind noch weit weg von einem vollständigen Tenure-Track-System. Relativ zu vielen anderen Ländern sind wir trotzdem kompetitiv. Ich würde uns nicht schlechtreden, wir könnten nur noch viel besser sein. Rein vom Standort her könnten wir ein Land sein, das ein Magnet für internationale Spitzenwissenschafter ist.

  • APA-Science: Angenommen, Sie selbst hätten plötzlich die politische Entscheidungsgewalt über alle Forschungsagenden: An welchen Stellschrauben würden Sie ganz konkret drehen, um aus Österreich einen solchen Magneten zu machen?

  • Henzinger: Ich würde die kompetitiv vergebene Bottom-up-Forschungsförderung sehr viel stärken, also den FWF. Man müsste auch ganz radikal bei den Karrierestrukturen etwas machen, einen wirklichen und durchgehenden Tenure-Track einführen. Und man müsste damit leben können, dass dann nicht jede Universität in allem was sie tut, exzellent ist. Das geht einfach nicht. Es werden sich Spitzen da und dort herausbilden, manche werden besser in dem sein und andere in dem. Es muss nicht alles gleich gut sein.

  • APA-Science: Das neue EU-Forschungsrahmenprogramm Horizon Europe setzt auf "missionsgetriebene Wissenschaft", zielt unter anderem also auf einige große strategische Themen ab. Sind Sie auch für einen solchen Ansatz?

  • Henzinger: Nein. Ich bin allergisch gegen alle diese strategischen Top-Down-Themen. Das ist zwar gut für Ankündigungen, aber was letztendlich dabei rauskommt, ist nie die effizienteste Art und Weise, Forschungsgelder zu verteilen.

  • APA-Science: Das IST Austria peilt für 2026 den Vollausbau an, die Zahl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter soll von 600 auf 1.000 steigen. Wie sind Sie im Plan?

  • Henzinger: Ich denke, wir sind sogar verblüffend genau im Plan, was die Größe des Wachstums betrifft. Unsere Zielvorgabe ist es, bis 2026 in etwa 90 Forschungsgruppen zu haben. Es ginge auch nicht schneller, rein von der baulichen Seite her. Ich kann ja nicht Forschungsgruppen herholen, wenn wir nicht gleichzeitig die Räumlichkeiten dafür haben. Da sind wir ziemlich genau unterwegs, pro Jahr wachsen wir in etwa um fünf bis sechs Gruppen. Das entspricht eigentlich der Vorgabe, obwohl wir immer betonen, dass wir nie um des Wachsens willen wachsen. Uns ist diese Flexibilität ganz wichtig. Zum Beispiel stellen wir in einem Jahr, wo wir nicht genug wirklich exzellente Leute anziehen können - weil die zum Beispiel andere Institutionen bevorzugen -, nicht nur um zu wachsen einfach andere Leute ein. Wir haben nie Zweite auf der Liste.

  • Hier muss ich der Politik ein großes Lob aussprechen. Für uns ist neben der guten Finanzierung, die für das IST vorgesehen ist, die Flexibilität, die uns gegeben wird, fast noch wichtiger. Dass wir wirklich vollkommen frei sind, in welche Richtung wir wachsen, welche Leute wir berufen und wann das genau passiert.

  • APA-Science: Das ist in Österreich ja durchaus ein Alleinstellungsmerkmal...

  • Henzinger: Ja, das haben wir. Und da würde es helfen, dass auch andere Institutionen diese Art von Flexibilität und längerfristige Planbarkeit haben.

  • APA-Science: Kommen wir zur Forschung am IST Austria zurück: Gibt es da etwas, wo Sie sich in absehbarer Zeit einen größeren Durchbruch erwarten oder erhoffen würden?

  • Henzinger: Das ist immer schwierig zu beantworten. Wissenschaft ist eine Anzahl von kleinen Schritten. Und oft sieht man erst sehr viel später, dass einer dieser kleinen Schritte wirklich ein ganz großer war. Viele dieser kleinen Schritte machen wir andauernd, wenn man sich nur unsere Publikationen anschaut - praktisch in jedem Gebiet, von Computerwissenschaften bis Neuroscience. Zu sagen, welcher dieser kleinen Schritte sich in zehn Jahren als signifikant herausstellt, ist sehr schwer, das trau ich mich wirklich nicht.

  • APA-Science: Was ist für ganz persönlich der Reiz an der Grundlagenforschung?

  • Henzinger: Für mich ist der Reiz eine fast kindliche Neugier. Ich habe die Freiheit, dem nachzugehen, und das herauszufinden, was unheimlich spannend ist, was niemand noch so gesehen oder angedacht hat. Ich glaube, das liegt im Menschsein tief drinnen.

  • APA-Science: Kommen Sie in Ihrer Funktion selbst noch genügend zum Forschen?

  • Henzinger: Man kommt nie genügend zum Forschen. Ich habe eine kleine Forschungsgruppe mit Doktoranden und Post-Docs. Das Schwierige ist nicht, die Zeit dafür Zeit freizumachen. Ich habe zum Großteil noch die Hoheit über meinen Kalender, ich kann Zeit reservieren. Aber das richtig Schwierige ist das 'context switching', ständig zuerst über Management-Probleme nachzudenken und dann aber über ein mathematisches Problem, das nicht in einer Stunde zu lösen ist. Das ist sehr schwierig in meiner jetzigen Position, und da ist meine Rolle in der Forschung mehr und mehr zum Supervisor reduziert. Ich gebe halt Studenten Ideen und Kommentare, statt dass ich selber lang über Probleme nachdenken kann.

  • Das Gespräch führte Mario Wasserfaller / APA-Science

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