Gastkommentar

Peter Tschmuck © mdw
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Dossier

"Die Musikbranche in der Blockchain"

Gastkommentar

25.10.2017
  • Wien (Gastkommentar) - Die Blockchain ist mittlerweile in aller Munde und es stellt sich die Frage, ob es sich um einen vorübergehenden Hype handelt oder ob diese innovative Technologie unser Leben nachhaltig verändern und sämtliche Lebensbereiche durchdringen wird? Wie schon mehrmals im Laufe der digitalen Revolution wird die Musikbranche sehr früh von dieser technologischen Umwälzung erfasst und sie ist daher ein guter Gradmesser dafür, um diese Frage zu beantworten.

  • Der 2. Oktober 2015 kann mit Recht als ein historischer Moment in der Entwicklung der Musikindustrie angesehen werden. Die britische Singer/Songwriterin Imogen Heap hat an diesem Tag öffentlichkeitswirksam ihren Song "Tiny Human" mit Hilfe der Plattform ujomusic auf die Ethereum-Blockchain gestellt. Das Musikstück kann nun online erworben oder lizenziert werden, wobei die Zahlungen - gemäß vordefinierter Splits in einem Smart Contract - unmittelbar und direkt an die Künstlerin und die anderen beteiligten Musiker gehen. Das ist revolutionär, denn das kryptografische Verfahren der Blockchain-Technologie macht diese Transaktion vollkommen sicher und es bedarf keiner Intermediäre wie Labels, Musikverlage oder Vertriebe mehr, um Songs an zahlungswillige Fans zu verkaufen. Damit steigt nicht nur die Musiker-Fan-Bindung, sondern erhöht auch die Effizienz ohne zusätzliche Transaktionskosten.

  • Die Blockchain ermöglicht aber nicht nur eine direkte Austauschbeziehung zwischen Musikschaffenden und Musikkonsumenten, sondern bietet auch Lösungsansätze für andere Probleme, mit der die Branche seit Jahren zu kämpfen hat. So ist das von der EU-Kommission forcierte Projekt einer zentralen Datenbank für Musikverlagsrechte - die Global Repertoire Database - gescheitert, weil keiner der Akteure die Kontrolle über seine Daten an eine zentrale Rechte-Clearingstelle abgeben wollte. Die Blockchain könnte dabei Abhilfe schaffen. Das kryptografische Verfahren erlaubt den Aufbau einer Rechtedatenbank, die dezentral im Netz vor Manipulationen jeglicher Art geschützt ist, und noch dazu Transparenz im Lizenzierungsprozess schafft.

  • Und es gibt auch schon konkrete Anwendungen dazu. Das Dot-Blockchain-Music-Projekt von Benji Rogers verwendet das bc-Musikformat, in dem alle wichtigen Metadaten, vor allem aber Rechteinformationen, eingeschrieben sind. Die solcherart aufbereiteten Musikdateien können über digitale Musikanbieter wie Streaming- und Downloadservices verbreitet werden. Die vordefinierten Regeln wirken wie ein Digital Rights Management-System und erlauben über eine Blockchain-Anwendung die direkte Zahlung an die Rechteinhaber. Ziel ist es, eine umfassende Rechtedatenbank zu generieren, über die im One-Stop-Verfahren Musik verwertet werden kann.

  • Einen anderen Ansatz verfolgt das australische Unternehmen Bittunes. Die Plattform basiert auf der Bitcoin-Blockchain und bietet Musikern die Möglichkeit, ihre Musik über eine P2P-Plattform zu verkaufen. Die Käufer - Music Mover genannt - erwerben einzelne Musiktracks für 50 Cents, wovon eine Hälfte an die Musiker geht und die andere Hälfte an bis zu 5 Vorverkäufer. Musiktitel, die es in Top-100-Charts schaffen, kosten US $1, wovon jeweils 40 Prozent an die Künstler und die Uploader ausbezahlt werden und 20 Prozent bei Bittunes verbleiben. Auch in diesem Fall soll eine monetarisierbare Musikdatenbank auf Blockchain-Basis entstehen.

  • Allerdings ist es derzeit noch zu früh einzuschätzen, welche der bereits existierenden Blockchain-Anwendungen sich nachhaltig durchsetzen können. Die Herausforderungen sind groß. So braucht es eine kritische Masse an Nutzern, sowohl auf der Anbieter- als auch auf der Konsumenten-Seite, damit sich eine Anwendung durchsetzt. Die Transparenz einer öffentlich einsehbaren Datenbank schreckt nicht nur Rechteverwerter, sondern auch Musikschaffende ab. Wer will schon, dass alle Zahlungsströme von jedermann eingesehen werden können? Die gegenwärtigen Strukturen in der Musikindustrie, die auf Kontrolle und Zentralisierung der Entscheidungen setzen, stehen dem dezentralen System eines verteilten Musikregisters entgegen. Die Intermediäre müssen erst einmal vom Nutzen der Blockchain überzeugt werden, bevor sie die neue Technologie anwenden. Labels, Musikverlage und Verwertungsgesellschaften werden mit der Blockchain aber nicht automatisch überflüssig. Sie müssen aber ihre Aufgaben neue definieren. Die Blockchain ist auch kein Heilmittel für alle Probleme des Musikbusiness. Es ist eine Technologie, die das Potenzial zur Problemlösung hat, aber es ist auch ein politischer Aushandlungsprozess, wie Einnahmen in der Industrie verteilt und welche Geschäftsmodelle verfolgt werden.

  • Dennoch gibt es Anzeichen dafür, dass die Blockchain kein vorübergehender Hype im Musikbusiness ist. So haben sich die britische, französische und US-amerikanische Verwertungsgesellschaft mit IBM zusammengetan, um an einer Blockchain-Anwendung zu basteln, die Prozesse der Werkanmeldung und -lizenzierung effizienter gestalten soll. Es wird also auch in der Musikbranche bereits viel Geld in die Hand genommen, um die neue Technologie zu nutzen. Es ist daher nur eine Frage der Zeit, bis sich verschiedene Blockchain-Anwendungen etablieren, die das Musikbusiness erneut revolutionär verändern werden.

  • Ein ausführlicher Beitrag zum Einfluss der Blockchain-Technologie auf das Musikbusiness kann im Blog zur Musikwirtschaftsforschung nachgelesen werden: Das Musikbusiness in der Blockchain.

Zur Person

Peter Tschmuck, Professor für Kulturbetriebslehre an der mdw

Peter Tschmuck ist Professor für Kulturbetriebslehre am Institut für Kulturmanagement und Gender Studies (IKM) der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien (mdw). Er forscht zur Musikwirtschaft, Ökonomik des Urheberrechts, Kunst- und Kulturökonomik, Kulturpolitik sowie zum Kulturmanagement. Er lehrt zudem an der WU und der Donau-Universität Krems. 2010 war er Gastprofessor an der James-Cook-University in Townsville (Australien). 2012 erschien in zweiter Auflage sein Standardwerk "Creativity and Innovation in the Music Industry" und seit Mai 2017 ist sein neuestes Buch "The Economics of Music" im Handel erhältlich. Seit 2012 gibt Peter Tschmuck das "International Journal for Music Business Research" heraus und ist Initiator und Organisator der Vienna Music Business Research Days. Regelmäßig erscheinen Aufsätze und Kommentare im Blog zur Musikwirtschaft in deutscher und englischer Sprache.

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