Gastkommentar

Helga Nowotny © APA (Pfarrhofer)
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Dossier

"Die Wissenschaft darf sich nicht zurückziehen"

Gastkommentar

26.01.2017
  • Wien (Gastkommentar) - "Fake News is no News" - und zwar in doppeltem Sinn: Weil es sich nämlich einerseits um Falschnachrichten, andererseits aber auch um nichts Neues handelt. In der Geschichte hat es immer Falschmeldungen und Intrigen gegeben, von denen etwa Shakespeares Dramen voll sind. Schon im Alten Rom wurde die Seeschlacht zwischen Marc Anton und Octavian durch ein gefälschtes Testament ausgelöst, nicht zu reden von den Propagandafeldzügen des vergangenen Jahrhunderts, wo auf allen Seiten fast ausschließlich mit Fake News gearbeitet wurde.

  • Es ist also nichts Neues, doch es erschüttert uns dennoch. Was uns dabei am meisten aufregt, ist die Dreistigkeit mit der hier operiert wird. Es scheint nämlich, als ob sich niemand mehr die Mühe macht, irgendetwas zu verbergen. Fake News wird wie Falschgeld offen gehandelt. Dass es Falschgeld ist, wissen alle, aber solange es Abnehmer gibt, wird es weiter zirkulieren. Die Abnehmer sind nicht nur "die Dummen", sondern auch jene, die davon profitieren. Diese Zirkulation gilt es mit zu bedenken.

  • Thomas Friedman, einer der renommiertesten amerikanischen Journalisten, schrieb kürzlich in der "New York Times" einen Artikel, in dem er das Jahr 2016 zum Umschlagpunkt ("Tipping Point") in unserem Umgang mit den Digitalen Medien erklärte. Er meint, dass all unsere Interaktionen in der digitalen Welt ein kritisches Ausmaß erreicht haben. Der Cyberspace sei nun der Ort für den es gilt: "Everything and everyone is connected, and no one is in charge" oder "Alles und jeder ist verbunden, aber niemand ist zuständig". Es gebe dort keine roten Ampeln, keine Polizei, keine Richter - es ist sozusagen ein anarchischer Ort. In den Idealvorstellungen derer, die an der Errichtung des Internets beteiligt waren, war das World Wide Web einmal ein emanzipatorischer Ort. Es hat nun auch Charakteristika eines Albtraums angenommen, wie sich mehr und mehr herausstellt.

  • Am 10. Dezember 2016 wurden in Stockholm die Nobelpreise verliehen. Der Präsident der Nobelpreisstiftung, Carl-Henrik Heldin, sagte dort unter anderem: "Die unangenehme Wahrheit ist, dass wir nicht mehr davon ausgehen können, dass Wissenschaft, Fakten und Wissen von den Menschen geglaubt werden." Ich möchte versuchen aufzuzeigen, was die Wissenschaft tun sollte, um dieser Feststellung entgegenzuwirken.

  • Vier-Stufen-Plan: Keine defensive Haltung

  • Ausgangspunkt für meinen Vier-Stufen-Plan ist die These, dass sich die Wissenschaft nicht in die Defensive drängen lassen darf. In dem Augenblick, wo man sich als Opfer sieht, das von ablehnenden oder verneinenden Haltungen umgeben ist, gibt man von vornherein Terrain auf, das man nicht so einfach verloren geben darf.

  • In "Stufe eins" klopft sich die Wissenschaft ein wenig schuldbewusst auf die Brust und gibt zu, dass sie auch Fehler gemacht hat. Wir sind mit selbst daran schuld, so hört man, dass wir als Teil einer Elite gesehen werden, die sich von der Welt und der übrigen Bevölkerung getrennt hat. Auch wir in der Wissenschaft haben die Menschen abgehängt. Um dem entgegenzuwirken, müssen wir daher besser und mehr kommunizieren. Es ist bisher nicht gelungen, alle zu erreichen und sie von unserer Leidenschaft und Begeisterung zu überzeugen. - Dagegen ist im Prinzip nichts einzuwenden, nur sollte man sich auch im Klaren sein, dass dem Grenzen gesetzt sind.

  • So sollte man sich fragen, was es ist, das wir meistens vom wissenschaftlichen Wissen kommunizieren. Das sind vor allem die großartigen Ergebnisse - also Wunder und Spaß. Das ist zwar auch wichtig, besonders um junge Menschen zu begeistern, wir wissen aber auch, dass es dann zusätzliche Maßnahmen braucht, um diese Begeisterung zu erhalten. Außerdem muss vermittelt werden, dass Wissenschaft zwar großartig, aber auch harte Arbeit ist.

  • Das führt direkt zu "Stufe zwei": Es sollte besser vermittelt werden, worin eigentlich das wissenschaftliche Arbeiten besteht. Ergebnisse fallen nämlich nicht vom Himmel. Forschung besteht aus Prozessen, die manchmal in Sackgassen führen. Man muss mit schiefgegangenen Experimenten umgehen, neu beginnen usw. Der französische Nobelpreisträger Francois Jacob hat nicht von ungefähr von der "Tageswissenschaft" und der "Nachtwissenschaft" gesprochen. Wir vermitteln jedoch nur die Tageswissenschaft, das Glorreiche, Glänzende und Schöne. Die Frustrationen und Schattenseiten gehören aber mit dazu.

  • Zur zweiten Stufe gehört somit auch, zu vermitteln, was eigentlich eine wissenschaftliche Tatsache ist und wie man zu ihr gelangt. Der polnische Immunologe und Erkenntnistheoretiker Ludwik Fleck veröffentlichte 1935 das Buch "Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache", in dem er die Entdeckung des Syphiliserregers schildert. Er zeigt deutlich, wie lange der Weg sein kann bis man nachweisen kann, dass etwas eine wissenschaftliche Tatsache ist. Die Entstehungsgeschichte solcher Fakten sollte viel stärker vermittelt werden. Dazu gehören auch die Fragen: "Was ist ein Beweis?", "Wie überprüft man in der Wissenschaft Behauptungen?" und "Wie kommt man in der Wissenschaft von kritischer Auseinandersetzung zu Konsens?"

  • Nun komme ich zu "Stufe drei": Hier geht es darum, die Erwartungen, die wir alle haben, und die Ereignisse, die eintreten, zueinander in ein Verhältnis zu stellen. Die Wahrscheinlichkeitsrechnung tut das in einer geordneten Art und Weise - wir sind aber in der Regel nicht besonders gut in Wahrscheinlichkeitsrechnung. Wir haben immer das Problem, dass unsere Erwartungen auseinanderklaffen mit dem was dann passiert. Hätten wir uns vorstellen können, dass ein wissenschaftlich so blendend aufgestelltes Land wie Großbritannien beschließt, aus der EU auszutreten, oder dass Donald Trump als US-Präsident angelobt wird?

  • Diese Liste ist beliebig lange fortsetzbar. Zum Teil handelt es sich hier zwar um politische Ereignisse, die immer mit einem gewissen Zufall behaftet sind. Zum Teil sind es aber auch Ereignisse und Prozesse wie der Klimawandel oder die Versauerung der Ozeane. Diese Prozesse schaukeln sich fast unmerklich auf, bis dann ein Umschlagspunkt erreicht wird. Dann stellt sich die Frage: Hätten wir es wissen können? Über den Frust der Unterschichten in Europa und den USA gibt es genügend sozialwissenschaftliche Studien; es gibt unter schwierigsten Bedingungen durchgeführte Untersuchungen zum Terrorismus; wir wissen im Umwelt- und Gesundheitsbereich unglaublich viel - und trotzdem passiert dann nichts.

  • Die wichtigste Botschaft auf "Stufe drei" lautet daher: Unsere Imagination und unsere Vorhersagen sind begrenzt. Trotzdem gibt es Möglichkeiten, diese Komplexität einigermaßen zu erfassen und solche Umschlagpunkte zu erkennen. Die Komplexitätsforschung arbeitet mit Simulationsmodellen, die interessante Aussagen erlauben. Auf diese Weise können wir die Bevölkerung auch ein Stück besser vorbereiten und helfen, diese komplexen Zusammenhänge und ihre Verknüpfungen ein Stück besser zu verstehen. Dazu gehört allerdings auch die Vermittlung von Ungewissheit mit der Aussagen über zukünftige Ereignisse behaftet sind.

  • Dann kommt "Stufe vier" in der sich die Wissenschaft am weitesten aus ihrer Komfortzone herauswagen muss: Hier geht es für die Forscher darum, zu verstehen, dass Wissen nicht automatisch zum Handeln führt. Das ist für Wissenschaftler schwer zu akzeptieren, weil sie glauben: Wenn wir etwas wissen, wissen wir auch was zu tun ist.

  • Erkenntnisse und die Schlüsse daraus sind aber in sehr komplexe gesellschaftliche und politische Zusammenhänge eingebettet. Handeln ist z. B. in politische Institutionen eingebunden, die sich an Wahlzyklen orientieren. Aber auch unser Gehirn ist so organisiert, dass es Dinge unterschätzt, die in der Zukunft liegen. Das führt dazu, dass Wissen eben oft nicht direkt zum richtigen Handeln führt. Einer der Gründungsväter der modernen Naturwissenschaften, Francis Bacon, war ein Vorreiter der Anwendung des Wissens. Von ihm stammt der Satz "Wissen ist Macht". Er hat noch heute Gültigkeit, doch ist Wissen nur dann wirkungsmächtig, wenn man das es richtig anzuwenden versteht. Man muss den Kontext mitbedenken und einbeziehen und meistens gibt es mehrere Wege die vom Wissen zum Tun führen.

  • Ich bin überzeugt, dass sich die Wissenschaft angesichts der offen zur Schau getragenen Missachtung von Fakten nicht in die Enge treiben lassen darf. Sie muss ein aktiver Player bleiben. Wir brauchen die Medien und hoffen, mit ihnen gemeinsam die Fake News wieder an den Rand zu drängen und ein besseres Verständnis dafür vermitteln zu können, wie Wissenschaft funktioniert. Sie kommt nämlich ohne Fake News aus.

Zur Person

Helga Nowotny, Vorsitzende des ERA Council Forum Austria

Helga Nowotny ist Professorin em. für Wissenschaftsforschung, ETH Zürich, Leiterin des 2014 vom Wissenschaftsministerium eingerichteten ERA-Council Forum Austria und Gründungsmitglied des Europäischen Forschungsrates (ERC). Von 2007 bis 2010 war sie Vizepräsidentin des ERC. Von März 2010 bis September 2013 war sie ERC-Präsidentin. Sie promovierte in Wien im Fach Jura, gefolgt von einem Ph.D. an der Columbia University, New York, bevor sie ihre wissenschaftliche Laufbahn in der Wissenschafts- und Technikforschung begann. Nowotny ist Mitglied des Hochschulrates der Ludwig Maximilians Universität München, war bis Juni 2011 Vorsitzende des Scientific Advisory Board der Universität Wien und ist Mitglied von diversen internationalen Advisory Boards. Sie ist auswärtiges Mitglied der Royal Swedish Academy of Sciences und langjähriges Mitglied der Academia Europaea. Sie hat zahlreiche Ehrungen und Auszeichnungen erhalten. Helga Nowotny hat mehr als 300 Artikel in Wissenschaftsjournalen veröffentlicht. 2015 erschien ihr aktuelles Buch "The Cunning of Uncertainty" im Polity Press Verlag.

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