Gastkommentar

Kurt Kotrschal © Alexandru Munteanu
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Dossier

"Die präfaktischen Menschen der postfaktischen Gesellschaft und ihr Aufbruch ins Antifaktische"

Gastkommentar

26.01.2017
  • Wien (Gastkommentar) - Mit "Postfaktisch" meint man die neue Beliebigkeit von Gesellschaft und populistischer Politik im Bann egozentrischer Befindlichkeiten, kakophonisch gerahmt von sozialen Medien, ratlosen Journalisten und den moralischen Zeigefingern der letzten aufrechten Anhänger des Rationalen.

  • Offenbar fielen die Fakten in Ungnade. Aus politisch korrektem Respekt vor der Meinung Anderer, oder aber aus deren aggressiver Verachtung?

  • Oder weil die Botschaften der Trumps Sicherheit geben in einer Welt im Multitrauma, egal wie trivial, falsch oder dumm sie auch sein mögen? Mag alles sein. Die Geringschätzung des Faktischen wurzelt jedenfalls auch in der "präfaktischen" Natur des Menschen. Dagegen helfen Bildung und geistiger Anspruch; die aber geraten ins Out, sogar an den Unis.

  • Es bleibe dahingestellt, wie postfaktisch unsere Gesellschaften tatsächlich sind. Diskutieren wir bloß einen medialen Hype, der sich mit ein wenig quantitativer Soziologie in Nichts auflösen wird? Oder aber beobachten wir tatsächlich Ursachen und Wirkungen des Postfaktischen im Zerbröseln von Demokratien und von konventionellen Gesellschaftsstrukturen? Wer weiß das heute schon?

  • Sicher dagegen ist, dass Menschen im Laufe ihrer evolutionären Geschichte nicht als rationale Faktenchecker angelegt wurden. Es bedurfte tausende Jahre abendländische Geistesgeschichte, bis ein Geisteswesen Mensch vermeinte, sich von Tieren und Natur emanzipiert zu haben.

  • Parallel dazu wandelten sich übrigens die Götter von Tier-Hybriden über Olympe voller allzu menschlicher Wesen in den Einen und Einzigen; Gott als Idealprojektion des Geisteswesens Mensch, sozusagen. Nein, nicht "die Menschheit" wandelte sich; immer schon trieb eine dünne Elite von Denkern und Machthabern den geistig-gesellschaftlichen "Fortschritt".

  • Daher war "Wissen ist Macht" bislang wörtlich zu nehmen. Nun aber bröckelt diese Macht durch Digitalisierung und durch soziale Medien.

  • Schwächelnde Demokratien tun sich schwer mit dem ungeahnten Ausmaß an Info-Empowerment der breiten Massen. Und die wählen nun die Populisten an die Macht, jenseits aller rationalen Argumente, wohl auch am Zynismus der klassischen Politik verzweifelnd und selbstbewusst ihrem uninformierten Bauchgefühl folgend. Was bislang in den Philippinen, den USA, Russland, in Polen und der Türkei geschah, wird auch Westeuropa nicht verschonen. Die übrig gebliebene kritische Jugend schwankt zwischen Überforderung und Resignation, wird von den dominierenden Alten und von ihrer eigenen Demokratieskepsis politisch ausgehebelt, wie die Brexit-Abstimmung eben drastisch zeigte. Post- und antifaktische Wähler spülen ebensolche Führer an die Macht, gegen den erbitterten Widerstand der zunehmend machtlosen Rest-Eliten. Das Risiko, sich damit Diktaturen einzuhandeln, wird offenbar billigend in Kauf genommen.

  • So sind sie eben, diese Menschen. Denn in der Evolution entstand ein "ratiomorphes", nicht aber rationales Gehirn, wie weiland bereits der Wiener Evolutionsbiologe Rupert Riedl feststellte. Als Überlebensinstrument sorgt es für rasche Erklärungen und für die angemessene Aneignung einer nicht allzu komplexen Welt, immer bereit für spirituelle Konzepte und Aberglauben. Um daraus einen leidlich rationalen Apparat zu formen, der nach den Regeln der Aufklärung faktenbasiert zu denken vermag, benötigt es viel an jener geistiger Disziplinierung, die wir gemeinhin Bildung nennen. Mühsam, aber überlebenswichtig, denn angesichts einer postfaktischen Welt die Bildungsanstrengungen schleifen zu lassen, wäre per se postfaktisch. Nur Fakten machen die Welt erklärbar, gestaltbar. Das bleibt alternativlos, will man die Zukunft der Biosphäre nicht einfach zynisch in den Wind schreiben.

  • Angepasst ist unser Gehirn vor allem an ein komplexes Sozialleben; daher seine fatale Neigung, die Botschaften von Altvorderen und Propheten ungeprüft zu akzeptieren und sich den unterschiedlichsten Ideologien zu unterwerfen. Fakten zählen nicht, wenn es gilt, Teil eines Ganzen zu werden. Akzeptiert wird, was die anderen glauben, besonders wenn die Meinungsmacher hohes soziales Prestige genießen. Dies trifft aber heute auf die klassischen geistigen Autoritäten - Politiker, Wissenschaftler und Journalisten - kaum mehr zu. Vielmehr überschwemmt eine vorsortierte Meinungsflut Gleichgesinnter über Facebook und Twitter die individuelle Wahrnehmung. Tatsächlich passt der Schlüssel der sozialen Medien perfekt in das Schloss der kommunikativen Veranlagung der Menschen, fast als hätte ein "intelligenter Designer" diese mentale Falle erdacht.

  • Rationale Argumente haben es aufgrund dieser unserer sozialen Grundkonstruktion schwer. Als Beleg mag genügen, dass sogar Menschen in der Wirtschaft irrational agieren. Dies zeigten ausgerechnet die "experimentellen Wirtschaftswissenschaftler", eigentlich die Gralshüter materialistischer Rationalität.

  • Der absurde Streit über die Zahl der Menschen auf Donald Trumps Angelobung gipfelte in der Feststellung einer seiner Sprecherinnen, man würde eben den Fakes der Medien "alternative facts" gegenüberstellen.

  • Damit scheint nun selbst das postfaktische Zeitalter überwunden, es begann die antifaktische Epoche. Geht man davon aus, dass in Washington selbst heute nicht die pure Dummheit regiert, dann wurde hier ein objektives Faktum semantisch ausgehebelt. Eigentlich eine gute Nachricht, denn gegen diese antifaktische Wahrheit des Herrn Trump kann man faktisch besser argumentieren, als gegen jegliches postfaktischen Gewaber der Gefühle.

Zur Person

Kurt Kotrschal, Leiter der Konrad Lorenz Forschungsstelle in Grünau

Kurt M. Kotrschal, Mag.rer.nat., Prof. Dr., geboren 1953 in Linz, Studium der Biologie an der Universität Salzburg, dort auch 1981 Promotion und 1987 Habilitation; 1976-1981 Forschungsaufenthalte an den Universitäten Arizona und Colorado, USA zur Evolution der Fische und zur Funktion von Sinnes-und Nervensystemen. Seit 1990 Leiter der Konrad Lorenz Forschungsstelle für Ethologie in Grünau/Oberösterreich (www.klf.ac.at) und Professor am Department für Verhaltensbiologie, Fakultät für Lebenswissenschaften, Universität Wien. Mitbegründer des Wolfsforschungszentrums (www.wolfscience.at), Leiter einer Arbeitsgruppe Mensch-Tierbeziehung an der Universität Wien (http://mensch-tier-beziehung.univie.ac.at). Forschung an hormonalen, kognitiven und energetischen Aspekten sozialer Organisation und an Mensch-Tierbeziehung. Mehr als 200 wissenschaftliche Beiträge in Fachzeitschriften, Buchbeiträge und Bücher, darunter Österreichs Wissenschaftsbuch des Jahres 2013 (Wolf – Hund – Mensch. Die Geschichte einer Jahrtausende alten Beziehung. Wien: Brandstätter). Wissenschafter des Jahres 2010; Kolumnist der Tageszeitung "Die Presse".

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