Gastkommentar

Barbara Imhof und Rene Waclavicek © LIQUIFER Systems Group Vienna
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Dossier

"Draußen ist drinnen. Indoor leben am Mond"

Gastkommentar

29.09.2016
  • Wien (Gastkommentar) - Extrem ist das Klima, gering die Schwerkraft, sehr heiß oder sehr kalt, je nachdem, ob man sich in der Sonne oder im Schatten befindet: Die Bewohner des Mondes werden in Häusern leben, die mit Sonnenlicht gedruckt wurden, und deren biosphärische Eigenschaften heute jede Stadt auf der Erde vor Neid erblassen lassen würden: schonender Umgang mit Ressourcen, Nahrungsmittelproduktion vor Ort und absolutes Recycling. Das alles gut geschützt unter drei Metern Mondstaub auf einer Oberfläche mit faszinierender Landschaft.

  • Das Raumschiff Erde ist vom Mond nur eine Zwei-Tagesreise oder 384.400 km weit entfernt und reist mit uns an Bord durch das All. Vom Mond aus gesehen steht die Erde jedoch stets an derselben Stelle am Himmel. Die Ursache liegt in seiner Entstehungsgeschichte, als ein junger Planet bei seiner Kollision mit der Erde große Brocken herausschlug, die sich zu der Kugel formten, die wir heute sehen. Im Inneren des Trabanten blieb die Materiedichteverteilung jedoch exzentrisch, so dass uns heute der Mond immer sein Gesicht und nie den Rücken zuwendet. Man möchte fast sagen, dass unser Trabant das frühe Universum und seine Geschichte im Gedächtnis trägt.

  • Wohl auch aus diesem Grund präsentierte ESA Generaldirektor Jan Wörner letztes Jahr sein Konzept des Moon Village, einer permanenten Siedlung am Mond, die ausgestattet mit diverser Infrastruktur und in internationaler Zusammenarbeit errichtet werden soll; sozusagen auch als Zwischenstation auf dem Weg zum Mars.

  • Der Alltag auf dem Mond würde sich aufgrund der vorherrschenden Bedingungen anders gestalten als auf der Erde. Ein Mondtag ist 14 Erdentage lang, mit einer mittleren Temperatur von +123 Grad Celsius. Während der ebenso langen Mondnacht herrschen Temperaturen von -233 Grad Celsius im Mittel. Es gibt hier praktisch keine Atmosphäre, Sonnenlicht trifft ungehindert auf die Oberfläche und vor tödlichen Sonnenwinden schützt kein Magnetfeld. Unter solchen Bedingungen kann Wasser, wenn überhaupt, nach gängiger Auffassung nur auf wenigen Flecken in den Polregionen existieren. Hier gibt es Zonen in der durch Einschläge geformten Landschaft, in denen die Tage nie enden. In anderen herrscht ewige Nacht, ein Zustand der Wassereis möglich macht.

  • Der hohe Energie- und Materialaufwand, den die Überwindung der Erdschwerkraft bei einem Raketenstart zwangsweise mit sich bringt, sowie der Entwicklungsfortschritt der 3D-Druck-Technik in der jüngeren Vergangenheit, haben hinsichtlich der Architektur von Habitaten auf planetaren Oberflächen das Interesse für das Bauen mit dem Material vor Ort erhöht.

  • Beispielsweise könnte man mit Sonnenlicht Mondsand sintern, ein 3D-Druckverfahren, bei dem mittels fokussiertem Sonnenlicht Sand geschmolzen wird, um so Bausteine oder ganze Habitate drucken zu können. Eine 3 Meter dicke Schicht aus Mondregolith müsste man so aufbauen, um ausreichend Schutz vor gefährlichen Sonnenwinden sowie kosmischer Hintergrundstrahlung bieten zu können. Fenster, durch die man in die Landschaft schauen kann, wird es nur an wenigen Stellen geben können. Der psychologisch wichtige visuelle Bezug zur Außenwelt wird live durch Kamerabilder hergestellt werden müssen. Das Betreten dieser faszinierenden Landschaft ist nur im Raumanzug möglich, ebenso Golf spielen und rasante Fahrten im Mondbuggy durch kraterübersäte Gegenden. Das Leben am Mond ist also, egal was man gerade tut, eine permanentes Indoorleben, denn selbst wenn man nach draußen geht befindet man sich im Inneren eines schützenden Raumanzugs.

  • Die Besatzung der ersten Mondbasis wird zum Überleben im wesentlichen Luft, Wasser, Nahrung und Energie benötigen. Für die konstante Versorgung mit Sonnenenergie bieten sich die zuvor beschriebenen Stellen an den Polen an. Auch für das Auffinden von Wassereis kommen diese Zonen infrage. Dennoch ist hier der bewusste Umgang mit Ressourcen wie Luft, Wasser, Energie und Material im Allgemeinen oberste Maxime. Eine Mondbasis wird ähnlich autonom wie die Biosphäre unseres Raumschiffs Erde, als abgeschlossenes ökologisches System funktionieren müssen. Sein Gleichgewicht wird auf einer Mischung aus technologischen und natürlichen Systemen beruhen. Ein Gewächshaus zum Nahrungsmittelanbau wird eine der wichtigsten Komponenten sein. Gemüse und Obst ermöglichen eine ausgeglichene Diät. Süßkartoffel, Gurken, Tomaten, Salat, werden hier angebaut werden.

  • Umfangreiche Studien in den letzten 50 Jahren haben erwiesen, dass die Beziehung Mensch-Pflanze positiven Einfluss auf die Psyche und das Gebäudeklima ausüben kann. Das reibungsfreie und produktive Zusammenleben von Menschen in solch einer Situation stellt aber wie immer eine der größten Herausforderungen dar. Private Rückzugsmöglichkeiten und Gemeinschaftsräume müssen daher selbst auf engstem Raum eingeplant werden. Möglichkeiten, Räume mit mehreren Funktionen bespielen zu können, umzubauen oder in ihrer Gestaltung zu verändern, werden genauso wichtig sein, wie das Erlernen von Fähigkeiten in interkultureller Verständigung. So wie Jan Wörner sein Moon Village beschreibt, werden viele Nationen zusammen arbeiten müssen, um den Plan einer permanenten Mondbasis verwirklichen zu können.

  • Die schwierigen Anforderungen, die unter solch extremen Bedingungen erfüllt sein müssen, damit das Überleben auf dem Mond möglich ist, sind im Grunde jenen sehr ähnlich, vor denen wir auch auf unserem Heimatplaneten stehen, angesichts seiner stetig wachsenden Städte. Die fortschreitende Ressourcenknappheit macht das Einrichten und die Erhaltung von Ökosystemen mit stabilen Kreisläufen notwendig, und wird die Architektur und Stadtplanung im 21. Jahrhundert wesentlich mitbestimmen.

Zur Person

Von Barbara Imhof und Rene Waclavicek, LIQUIFER Systems Group

Barbara Imhof ist Architektin und Geschäftsführerin der LIQUIFER Systems Group, einer interdisziplinären Plattform von ExpertInnen aus den Feldern Architektur, Design, Human Factors, Systemingenieurswesen, Terramechanik, Physik und Satellitentechnologien. Die Forschungsaktivitäten sind unter anderen im Bereich der Entwicklung von Designs für Weltraummissionen und entsprechender Prototypen, sowie deren mögliche terrestrische Anwendung angesiedelt. LIQUIFER Systems Group hatte die technische Leitung für das erste faltbare europäische Weltraumsimulationshabitat SHEE, das 2016 in einer Marssimulation in Rio Tinto erfolgreich eingesetzt wurde

Rene Waclavicek ist seit 2006 Mitglied der LIQUIFER Systems Group. Seine Tätigkeiten innerhalb der Plattform umfassen die Bereiche Architektur, Forschung und Design. Gegenwärtig liegen die Schwerpunkte auf den Liquifer-Projekten Moonwalk, Eden ISS, und RegoLight.

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