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Diverse Marker sind auch im Speichel nachweisbar © APA (dpa)
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Es tut sich viel in der Biomarker-Forschung

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31.01.2018
  • Von Sylvia Maier-Kubala / APA-Science

  • Wien (APA-Science) - Biomarker sind biologische Merkmale, die objektiv messbar sind und auf einen krankhaften Prozess im Körper hinweisen können. Diese Zellen, Gene, Genprodukte oder Moleküle wie Hormone oder Enzyme können den Nachweis für Krebs liefern und gleichzeitig einen Hinweis darauf geben, ob ein Patient auf eine bestimmte Therapie anspricht.

  • Derzeit wird am Austrian Institute of Technology (AIT) an Biomarkern zu Lungenkrebs, Kolon-, Brust-, Prostata- und Schilddrüsenkrebs geforscht, vornehmlich solchen, die DNA-methylierungs- und Tumor-Autoantikörper-basiert sind. Das heißt, sie zeigen durch Tumoren verursachte molekulare Veränderungen an der DNA oder Proteinen auf, welche an "freizirkulierender" Tumor-DNA oder durch Antikörper gegen Tumor-spezifische Proteine im Blut oder anderen Körperflüssigkeiten wie etwa Speichel oder Urin von Krebspatienten nachgewiesen werden können.

  • Ziel ist es, bereits in einem sehr frühen Stadium diese Veränderungen im Blut nachzuweisen. Das größte Potenzial von Biomarkern sieht Andreas Weinhäusel, Leiter der Molekulardiagnostik am AIT, zur Therapiefindung und -verfolgung. "Man ist bestrebt, für einen Patienten aufgrund seines Markerprofils die beste Therapie zu finden oder sieht früher als mit den heutigen Routine-Verfahren, ob ein Patient auf ein Medikament anspricht und kann bei Bedarf die Therapie ändern. Auch ein etwaiger Rückfall lässt sich früher feststellen. Hier tut sich vieles", betont der Forscher. "Am AIT haben wir Biomarker-Kandidaten zur Früherkennung und testen deren Eignung zur Therapiebegleitung bei Lungen- und Kolonkrebs."

  • Neben blutbasierten Markern konzentrieren sich die AIT-Forscher auch auf Biomarker im Speichel. "Speichel ist das Ultrafiltrat des Bluts und diverse Marker sind somit auch hier nachweisbar. Dabei beschränken wir uns nicht auf Krebs, sondern bearbeiten auch viele andere Indikationsgebiete", erzählt Weinhäusel. Der Vorteil an Speicheltests: Speichel ist jederzeit verfügbar und ermöglicht eine nicht-invasive Diagnostik. "Man spuckt einfach wo hinein. Kleinkindern würde man so eine Blutabnahme ersparen, oder auch Geriatrie-Patienten, bei denen eine Blutabnahme schwieriger ist, und bei denen öfter oder regelmäßig Proben genommen werden müssen."

  • Prävention? Kein Geld

  • In (sehr ferner) Zukunft wäre es schön, Speicheltests zum Screening und zur Vorsorge anbieten zu können. Findet man den richtigen Marker, könnte man sich Speicheltests für alle Krebsarten vorstellen. "Aber das ist noch ein langer Weg," schränkt der Forscher ein.

  • Die Biomarker-Forschung ist Pharma-getrieben. In die Früherkennung oder gar Prävention von Krebs wird wenig investiert, obwohl hier aus gesundheitsökonomischer Sicht das größte Potenzial läge. Öffentliche Forschungsgelder wiederum sind knapp, der Förderreigen dreht sich relativ langsam. "Man wartet auf den richtigen Call, reicht ein, hofft, wartet ein Jahr. Weniger als zehn Prozent der eingereichten Projekte werden gefördert. Dann hat man die Finanzierung von ein bis zwei Personen über drei Jahre." In Summe sei der Forschungsbereich Vorsorge und Früherkennung ein schwieriges Unterfangen, konstatiert Weinhäusel: "Hier forschen Akademiker und Idealisten."

  • Gesundheitsökonomische Entscheidung

  • Ob molekulare Tests in die Vorsorgeuntersuchung aufgenommen und man etwa per Blut- oder Speichelprobe auf Krebs getestet werden kann, ist laut dem Experten eine gesundheitspolitische und -ökonomische Entscheidung. "Es gibt sicherlich das Bestreben, die Vorsorge einfacher zu machen. Derzeit existiert Krebs-Vorsorge in Form von Lungenröntgen, Koloskopie und Mammografie."

  • Bereits existierende Bluttests für Lungenkrebs und Kolonkrebs werden (noch) nicht zum Breitenscreening eingesetzt, sondern erst bei Verdacht oder zur Bestätigung der Diagnose. "Die Kosten wären zu hoch, bzw. es müsste eine ökonomische Bewertung dazu erstellt werden", so der Experte. "Unser Ziel ist es, Patienten, die positiv auf nicht sichtbares Blut im Stuhl getestet worden sind (Okkultbluttest), die Koloskopie zu ersparen. Langfristig könnten Speicheltests vielleicht sogar Stuhlproben obsolet machen."

  • Im Rahmen des Dickdarmvorsorgeprogramms im Burgenland wurde erhoben, dass bei etwa sieben Prozent der jährlich 150.000 Untersuchten der Okkulttest positiv war. Diese Personen wurden zwecks Abklärung zur Koloskopie geschickt. 65 Prozent von ihnen waren gesund, 33 Prozent hatten Polypen (aus denen sich ein Tumor entwickeln kann). Weniger als zwei Prozent waren echte Krebspatienten.

  • Daher ist der Nutzen der Koloskopie unter Fachleuten unumstritten. Sie gilt derzeit als das beste und genaueste Diagnoseverfahren bei Darmkrebs, auch weil im Zuge der Untersuchung Polypen - die zum Krebs entarten können - erkannt und gleich entfernt werden.

  • "Es ist eine reine Rechenaufgabe, was für das Gesundheitssystem günstiger kommt: eine Koloskopie unter Einbeziehung der Kosten für Personal, Geräte, Frage der Kapazitäten oder ein Bluttest wie der Septin9-DNA-Test (Anm.: des Berliner Krebsdiagnostik-Unternehmens Epigenomics), der ca. 150 Euro kostet", so Weinhäusel.

  • Probensammlung als Herausforderung

  • Ein Biomarker-basierter Diagnostik-Prototyp lässt sich heute innerhalb von ein bis zwei Jahren entwickeln, ist Weinhäusel überzeugt. "Die Technologien und Werkzeuge sind vorhanden, aber der Schlüssel zum Erfolg ist das richtige Probenmaterial. Es muss gut und standardisiert genommen werden, damit wir nicht den Wasserstand der Donau messen". Zumeist werden Patientenproben vom Krankenhauspersonal gesammelt, im Zuge von Einsparungen werde es aber immer schwieriger, solche "Nebentätigkeiten" mitzuerledigen. Hat die Ethikkommission das Vorhaben genehmigt, braucht es die Unterstützung des Klinikers und Krankenhauspersonals. "Das Ganze ist eine Frage von zeitlichen und finanziellen Ressourcen. Ein großer Dank an alle Ärzte, Krankenschwestern, Laboranten und Mitarbeiter, die uns hier unterstützen", unterstreicht der Forscher.

  • Freilich, das Prozedere vom Prototyp bis zur Zulassung und Zertifizierung als Biomarker-basierter In-vitro-Diagnosetest (IVD-Test) kann dann noch Jahre in Anspruch nehmen. "Das ist dann meist mit weiteren großen Studien an vielen Patientenproben gekoppelt und hängt wiederum an der Patientenverfügbarkeit", erklärt der Experte.

  • TU Graz: Biomarker für Brustkrebs

  • Einen Biomarker für Brustkrebs will das Institut für Computational Biotechnologie der Technischen Universität (TU) Graz gemeinsam mit der Medizinischen Universität Graz entwickeln. Noch ist man allerdings dabei, Fördermittel für ein entsprechendes Projekt einzuwerben. Dafür wurde ein Spendenaufruf gestartet. Gerade weil Brustkrebs meist zu spät erkannt wird, war er lange Jahre die traurige Nummer eins bei tödlichen Krebserkrankungen bei Frauen - seit kurzem wurde er als Folge der steigenden Raucherquoten bei Frauen von Lungenkrebs abgelöst. Eine Früherkennung, die mittels einfachem Bluttest routinemäßig durchgeführt werden kann, könnte einen echten Durchbruch bedeuten.

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