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Für Winckler war die Amerikanisierung der Unis "etwas Unabwendbares" © APA (Hochmuth)
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Ex-Rektor Winckler: Erfolgszug der US-Unis bald beendet

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23.08.2017
  • Alpbach (APA) - Der globale Erfolgszug des US-Universitätssystems könnte bald beendet sein. Während in den vergangenen Jahrzehnten weltweit Hochschulen nach amerikanischem Modell verändert wurden, erwartet der ehemalige Rektor der Uni Wien, Georg Winckler, eine Ablöse dieses Leitbilds "durch neue Vorbilder", schreibt er in dem nun in Alpbach präsentierten Buch "Zukunft und Aufgaben der Hochschulen".

  • Für Winckler, der die Universität Wien von 1999 bis 2011 leitete, war die "Amerikanisierung der Universitäten hinsichtlich Diversifizierung, Studienarchitektur und Forschungsorientierung etwas Unabwendbares", wie er im Gespräch mit der APA erklärte. Das hänge u.a. mit der Entwicklung zu einer wissensbasierten Gesellschaft zusammen, die ein differenziertes Hochschulsystem verlange.

  • Unter "amerikanisiert" versteht Winckler, der auch dem Dachverband der europäischen Universitäten (European University Association, EUA) vorstand, einerseits das dreigliedrige Studiensystem, das mittlerweile auch in Europa weitgehend etabliert ist: "Das Besondere an den US-Unis war und ist, dass sie die Erziehung, die sie immer schon in den Colleges hatten, mit der professionellen berufsorientierten Masterausbildung und der Forschungsuniversität nach der Humboldtschen Idee in Form von PhD-Studien verbunden haben."

  • Mehr Mittel

  • Andererseits zeichne sich das US-Universitätssystem u.a. durch einen weit über dem OECD-Durchschnitt liegenden Zufluss an öffentlichen und privaten Geldern aus. So wenden die USA 2,7 Prozent ihres BIP für Hochschulen auf, Deutschland, Frankreich und Großbritannien nur rund die Hälfte davon. Dazu kommen Spitzenunis wie Harvard oder Princeton, die international zum Vorbild geworden sind.

  • Aber "was kommt nach der Amerikanisierung der Universitäten?" fragt Winckler in seinem Beitrag zu dem vom Forschungsrat herausgegebenen Sammelband. Stagnation bzw. Reduktion der staatlichen Mittel hätten über einige Jahrzehnte hindurch durch steigende Studienbeiträge wettgemacht werden können. Mittlerweile sei aber ein Niveau erreicht, das keine weiteren Steigerungen zulasse. Zudem habe die Finanzkrise 2008 den US-Unis zugesetzt. Winckler erwartet, dass sich diese Finanzierungsprobleme durch Einsparungen der Trump-Administration noch verstärken.

  • Dem gegenüber stehen steigende finanzielle Aufwendungen in Ostasien - mit entsprechenden Auswirkungen auf die Ranking-Platzierungen: Während etwa staatliche US-Unis wie die University of California in San Diego zunehmend Plätze verlieren, seien asiatische Unis, insbesondere solche aus China, Südkorea und Singapur, in den vergangenen Jahren "große Rankinggewinner" gewesen. Und auch schweizerische, niederländische oder dänische Unis hätten sich verbessert. "Das zeigt, wie sehr Reformbemühungen im Governancebereich, finanzielle Ausstattung und unternehmerisches Denken eine Rolle spielen", so Winckler.

  • Neue Vorbilder

  • Angesichts dieser Entwicklung rechnet der Ex-Rektor "mit einigen Verschiebungen". Universitäten wie die Eidgenössisch Technischen Hochschulen in Zürich und Lausanne, niederländische Unis sowie Universitäten in Hongkong oder Singapur würden zu neuen Vorbildern. "Die Nanyang Technological University etwa wird zunehmend zum Modell in Asien, weil sie so erfolgreich ist. Da wird gar nicht mehr so sehr in die USA geschaut", sagte Winckler.

  • Angesichts von US-Standards nacheifernden asiatischen Universitäten und einem durch Exzellenzinitiativen und Profilbildungen zunehmend diversifizierten Uni-System in Europa erwartet Winckler eine "multipolare global amerikanisierte Universitätswelt": "Die amerikanisierten Spitzenuniversitäten werden nur noch teilweise in den USA beheimatet sein", schreibt Winckler und ergänzt im APA-Gespräch: "Wir werden künftig in Ostasien und Australien amerikanisierte Spitzenunis haben, ebenso wie es in Dänemark, den Niederlanden und in der Schweiz hervorragende Universitäten mit einem amerikanischen Hochschulverständnis geben wird."

  • Österreich wird dabei wohl kaum eine Rolle spielen. Es sei den heimischen Hochschulen in den vergangenen Jahren "ein Sprung nach vorne gelungen", meint Winckler. Im Personal- und Budgetbereich würden die Handlungsspielräume der Autonomie gut genutzt. Angesichts politischer Vorgaben, "institutioneller Trägheit" und Unis, die sich "zu sehr als staatliche Einrichtungen verstehen", hinke Österreich hinter vergleichbaren Ländern wie Dänemark oder Niederlande jedoch hinterher.

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