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Experten: Politische Bildung muss viel stärker in die Lehrerausbildung

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21.12.2017
  • Von Sylvia Maier-Kubala / APA-Science

  • Wien (APA-Science) - Eine Demokratie wird getragen von aktiven Bürgern. Um politische Entscheidungen treffen zu können, brauchen sie ein gewisses Maß an Mündigkeit. Genau das will man mit politischer Bildung erreichen. Seit vergangenem Schuljahr ist sie ab der sechsten Schulstufe (2. Klasse AHS und NMS) bis hinauf zur Matura in allen Schultypen als Pflichtmodul in den Unterrichtsgegenstand Geschichte integriert. Experten geht das aber längst nicht weit genug.

  • Mit dem Wahlrechtsänderungsgesetz 2007 wurde das Wahlalter von 18 auf 16 herabgesetzt. Junge Menschen sollten aber im Idealfall bereits vor ihrem ersten Gang zur Urne gelernt haben, wie demokratische Mitbestimmung funktioniert. Natürlich: Bereits lang ehe Jugendliche mit politischer Bildung in Kontakt kommen, haben sie durch ihre Familie oder andere Erfahrungen im sozialen Umfeld ihre ganz eigenen Vorstellungen darüber entwickelt, wie die Welt beschaffen ist. "Diese Vorstellungen wirken sich auf die Sinnbildung aus und sind der Ausgangspunkt für Lernprozesse, sind also wichtige Voraussetzungen und 'Werkzeuge' für die politische Bildung und ihre Vermittlung", erklärte Dirk Lange, Österreichs einziger Professor für Didaktik der Politischen Bildung, gegenüber APA-Science.

  • Politische Bildung als "Anhängsel"

  • Die mit Lange besetzte Professur wurde im diesjährigen März an der Universität Wien erstmals regulär eingerichtet, so der Didaktiker. Von 2008 bis 2010 gab es zwar bereits eine befristete Professur in diesem Feld, die jedoch nicht im Entwicklungsplan verankert war. In Österreich ist man damit die Ausnahme. "In Deutschland existieren an mehr als 30 Universitäten Professuren und forschungsfähige Einheiten zur Didaktik der Politischen Bildung", erklärt Lange. In der Schweiz leiste das Zentrum Politische Bildung und Geschichtsdidaktik einen wichtigen Beitrag.

  • Zwar ist Politische Bildung als Kombifach nun fix auf der Stundentafel verankert, und in den Schulbüchern "wird sie schon mitgedacht", aber das Hauptaugenmerk liege auf Geschichte, meint Thomas Hellmuth, Professor für Didaktik der Geschichte an der Universität Wien. Die Geschichtelehrer seien noch kaum darauf vorbereitet, politische Bildung zu unterrichten. "Es kann dabei ja auch nicht darum gehen, eine Gesinnung zu verbreiten, sondern ein politischer Unterricht erfordert solide fachliche und didaktische Kenntnisse", gibt Hellmuth zu bedenken. So laufe das Modul als "Anhängsel" mit und werde je nach der Neigung des Lehrers mehr oder weniger intensiv behandelt.

  • Dementsprechend unterschiedlich wird das Modul im Unterricht eingebaut. "Manche Lehrer unterrichten klassisch, manche sehr handlungsorientiert, analog zum 2007/2008 entwickelten Kompetenzmodell." Fest steht für den Didaktiker, dass Politische Bildung "keine Art Staatsbürgerschaftkunde ist, sondern sich darum dreht, wie man wählt, wie man argumentiert, wie man sich in der Demokratie zurechtfindet."

  • Gerade die Schule ist ja eigentlich prädestiniert dafür, als praktischer Lernraum zu dienen. Der LehrerInnenbildung NEU attestiert Hellmuth auch große Anstrengungen, Didaktik stärker zu gewichten: "Indem man aus der Klasse herausgeht, Projekte durchführt, etwa eine Zeitung gestaltet oder unter Umständen sogar eine Demonstration plant", führt der Geschichte-Professor aus.

  • Politische Bildung für alle angehenden Lehrkräfte

  • De facto ist Politische Bildung seit 1978 in einem Grundsatzerlass zum Unterrichtsprinzip festgelegt. Das bedeutet, dass das Thema grundsätzlich quer durch alle Fächer behandelt werden muss - was auch Sinn macht, weil ihre vielfältigen Aspekte in viele Bereiche hineinspielen. Dieses Prinzip gilt auch weiterhin.

  • In der Praxis funktioniert diese Regelung aber suboptimal. Ein Grund dafür ist eben die mangelnde Ausbildung der Lehrer. "Politische Bildung wird derzeit nur im Geschichtestudium behandelt. Es wäre aber dringend notwendig, dass in jedem Studium eine Einführung erfolgt oder Grundlagen geschaffen werden", betont Hellmuth. Derzeit sei es engagierten Lehrpersonen vorbehalten, sich privat weiterzubilden, etwa durch den Lehrgang zur Politischen Bildung an der Donau-Universität Krems oder den Universitätslehrgang Politische Bildung der Universität Salzburg.

  • Würde man den Anspruch ernst nehmen, politischer Bildung größeren Stellenwert einzuräumen, müsste mehr Forschung in diesem Themenbereich durchgeführt werden, meint Lange. "Die Aus- und Fortbildung der Lehrkräfte würde von einer forschungsorientierten Lehre enorm profitieren", betont er. Politische Bildung lasse sich einerseits innerhalb der Lehrerausbildung und dann später im schulischen Unterricht im Kontext eines weiten und kritisch-reflektierten Verständnisses über Politik und politische Prozesse, angepasst an die jeweiligen Zugänge, vermitteln.

  • Der Didaktiker entwickelt derzeit einen neuen Massive Open Online-Kurs "Citizenship Education" zum Thema Demokratiebildung in Schulen. Das kostenlose Angebot für angehende Lehrer sowie für die Fortbildung setzt sich online mit Fragen der Demokratiebildung auseinander. Derzeit werde es in einer Pilotphase an der Universität Wien getestet und weiterentwickelt. Der Kurs soll dem Politikdidaktikforscher zufolge Anfang 2018 belegbar sein.

  • Ein eigenes Fach? Verteilungskämpfe absehbar

  • Hellmuth sieht die Einführung eines eigenen Unterrichtsfachs Politische Bildung, das es bisher lediglich an den Berufsschulen gibt, trotz aller Probleme zwiespältig. Er fürchtet, dass die erforderlichen Stunden dann vom ohnehin schon knapp bemessenen Geschichte-Kontingent abgezwackt würden. "Auch bräuchte es dann natürlich eine eigene Ausbildung, mehr Professuren."

  • Ganz klar dafür spricht sich hingegen Lange aus. "Politische Bildung sollte als eigenes Fach institutionalisiert werden und gleichzeitig auch fächerübergreifend inhaltlich verstärkt in unterschiedliche Thematiken und Lernprozesse integriert werden", fordert er und wünscht sich zwei wöchentliche Unterrichtsstunden in allen Schulstufen.

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