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Vorbilder, auch historische wie Kernphysikerin Lisa Meitner, wirken © Uni Wien/derknopfdruecker.com
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FEMAC: Gruppenerfahrung nützt individueller Karriereplanung

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28.09.2017
  • Wien (APA-Science) - An der Universität Wien läuft der erste Durchgang des dreisemestrigen, auf Englisch abgehaltenen Karriereentwicklungsprogramms für Postdoktorandinnen und Habilitandinnen, FEMAC, im Endspurt. Die Kombination aus Coaching, Trainings und Workshops habe sich bewährt, erklären Sylwia Bukowska, Leiterin der Abteilung Gleichstellung und Diversität der Universität Wien, und Donia Lasinger, stellvertretende Geschäftsführerin des Wiener Wissenschafts-, Forschungs- und Technologiefonds (WWTF) im Interview mit APA-Science. Stark setzt man auf den Wissenstransfer zum Thema "Karriereverläufe" und die Vernetzung der Wissenschafterinnen untereinander.

  • APA-Science: Warum wurde das FEMAC-Programm ins Leben gerufen?

  • Bukowska: Die verschiedenen Programme der Universität Wien zur Förderung wissenschaftlicher Karrieren von Frauen bilden einen zentralen Schwerpunkt der Gleichstellungsarbeit. Vor allem auf den höheren Karrierestufen sind Frauen unterrepräsentiert, Stichwort "Leaky Pipeline". Genau hier setzt FEMAC an. Weil zunehmend internationale Postdoc-Wissenschafterinnen an der Universität Wien tätig sind, wird das Programm zur Gänze auf Englisch durchgeführt.

  • Lasinger: Die Zusatzförderung für FEMAC aus Mitteln unseres Fonds wurde im Rahmen des Vienna Research Groups Programmes (VRG), welches junge Spitzenforschende nach Wien holt und längerfristig mit 1,6 Mio. Euro der Stadt Wien verankert ist, ins Leben gerufen. Ziel ist es, bei einer erfolgreichen Nominierung einer weiblichen Forscherin als VRG-Gruppenleiterin der Institution die Möglichkeit einer weiteren Initiative in der Höhe von bis zu 50.000 Euro für Gender Mainstreaming-Aktivitäten zu geben. Die Universität Wien konnte über das VRG-Programm im Jahr 2014 die Meeres- und Mikrobiologin Jillian Petersen nach Wien holen, welche hier ihre Forschungsgruppe aufbaut. Als Folge hatte die Abteilung Gleichstellung und Diversität der Universität Wien die Möglichkeit, den Zusatzantrag "FEMAC" beim WWTF "einzuwerben".

  • APA-Science: Das Programm klingt wie ein Netzwerk-Tool. Wo liegen weitere Vorteile für Teilnehmerinnen?

  • Bukowska: Netzwerke spielen eine entscheidende Rolle in wissenschaftlichen Karriereverläufen. FEMAC fokussiert daher wesentlich auf den "Peer Networking"-Effekt, der durch die unterschiedliche Zusammensetzung der Gruppen entsteht. Darüber hinaus profitieren die Teilnehmerinnen etwa von Coachings im Gruppen- und Einzelsetting und der Vermittlung karriererelevanter Schlüsselkompetenzen in "Soft Skill"-Trainings mit internationalen Expertinnen.

  • Lasinger: Für den WWTF war das geplante Design und der Methodenmix des Programms ein sehr überzeugender Ansatz: in durchmischten, interdisziplinären Gruppen wird der Austausch forciert und in Trainings auf spezielle Themen fokussiert. Darüber hinaus gibt es in individuellen Coachings die Möglichkeit, persönliche Fragestellungen zu Themen wie Verhandlungstechniken oder Führungsverhalten zu adressieren.

  • APA-Science: Nach welchen Kriterien werden Teilnehmerinnen ausgewählt?

  • Bukowska: Wir achten auf die Internationalität und die sprachlichen Voraussetzungen der Teilnehmerinnen. Das Programm richtet sich vor allem an Frauen, die die deutschsprachigen Angebote der Uni Wien nicht in Anspruch nehmen können. Zudem ist es uns wichtig, eine fachliche Heterogenität der Gruppen herzustellen, um allen einen möglichst gewinnbringenden und breiten "Peer Networking"-Effekt zu ermöglichen. Neben der individuellen Qualifikation spielt weiters auch die Zusammensetzung der jeweiligen Gruppen eine Rolle, sowie die Frage, welche Karriereziele eine Bewerberin verfolgt und inwieweit FEMAC für diese Ziele potenziell von Nutzen sein kann.

  • Lasinger: Das Programm ist auf die mittlere und spätere Postdoc-Phase ausgerichtet, welche spezifische Anforderungen an Forscherinnen bereithält. Gerade in dieser Phase ist eine stärkere Internationalisierung spürbar, der Austausch und der Mitbewerb findet global statt. Wir halten ein auf internationale Spitzenforscherinnen zugeschnittenes Programm deshalb für wichtig. Auch die unterschiedliche fachliche Ausrichtung der Coaching-Gruppen nach Sozial- bzw. Geisteswissenschaften einerseits und Naturwissenschaften andererseits ist sinnvoll.

  • APA-Science: Der erste Durchgang läuft seit Oktober 2016 und endet im Jänner 2018. Gibt es Erfahrungswerte?

  • Bukowska: Die Erfahrungen aus dem Pilotdurchgang und die Ergebnisse einer internen Evaluation haben wir in das neue Programmkonzept einfließen lassen. Das Grundformat der Gruppenzusammensetzung und der Vielfalt an Programmbestandteilen hat ein höchst positives Feedback erhalten und wird beibehalten. Im neuen Programm werden wir einen noch stärkeren Fokus auf die Reflexion der Wechselwirkung von Macht, Status und Geschlecht innerhalb unterschiedlicher Forschungs- und Wissenschaftskulturen legen.

  • Lasinger: Da die Universität Wien bereits ein weiteres Mal mit der VRG-Gewinnerin Maria Filipa Baltazar de Lima de Sousa erfolgreich war, konnte ein erweiterter Antrag für ein Nachfolge-Programm beim WWTF eingereicht werden, welcher sich zurzeit in der Begutachtung befindet.

  • APA-Science: Gibt es im Programm auch ein One-to-one-Mentoring (ein Mentor, ein Mentee)?

  • Bukowska: Dieser Ansatz ist ein bewährtes Instrument. Seit vielen Jahren schreiben wir aber auch dem Peer-Effekt (Einfluss durch die Gruppe) eine sehr hohe Bedeutung zu. Die gemeinsame Qualifikationsstufe wirkt als stark verbindendes bzw. vernetzendes Moment. Daher setzen wir bei allen unseren Programmen gerade auf die Verbindung aus dem Wissenstransfer zwischen Coaches bzw. Mentoren und Mentorinnen und den Teilnehmerinnen sowie der Peer-Vernetzung der Wissenschafterinnen untereinander. Die unterschiedlichen Erfahrungshintergründe und Fachkulturen der Teilnehmerinnen haben einen hohen Nutzen für die individuelle Reflexion und Karriereplanung der Wissenschafterinnen.

  • Service: Nichts wirkt besser als Role Models: Sieben Pionierinnen der Wissenschaft wurden seit dem Vorjahr im Arkadenhof der Universität Wien Denkmäler gesetzt. Die Biografien der Wissenschafterinnen - darunter die Mathematikerin Olga Taussky-Todd (1906-1995), die Kernphysikerin Lise Meitner (1878-1968) oder die Physikerin Berta Karlik (1904 - 1990) gibt es seit kurzem per Audioguide auf Deutsch und Englisch zum Anhören.

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