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Das "System 001" wird zu seinem Bestimmungsort geschleppt © APA/AFP (Edelson)
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Forscher nähern sich Plastik-Strudel und Kunststoff-Natur an

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27.09.2018
  • Von Nikolaus Täuber / APA-Science

  • Wien/San Francisco (APA-Science) - Am 8. September lief unter großer medialer Aufmerksamkeit ein Schiff mit einem ersten großen Plastikfänger vom Hafen von Alameda nahe San Francisco in Richtung des "Great Pacific Garbage Patch" aus. Dieser Hochsee-Müllhalde will das Team des "Ocean Cleanup"-Projekts einen Teil seiner Plastik-Substanz entziehen. Im wissenschaftlichen Beirat sitzt auch Gerhard Herndl von der Universität Wien. Zusammen mit anderen Forschern will der Meeresbiologe abseits dieses Groß-Aufräumprojekts von Wien aus untersuchen, wie die Plastikzunahme die Natur beeinflusst

  • Das breitenwirksame Gesicht zur "Ocean Claenup"-Initiative ist der 24-jährige Niederländer Boyan Slat. Ihm ist es in den vergangenen Jahren gelungen, ein laut der Projekt-Website mittlerweile rund 70 Personen umfassendes Team zu formen, das sich der Befreiung der Ozeane vom stetig anwachsenden Plastikmüll widmet.

  • Premiere für Hochsee-Test

  • Der erste Teil der Umsetzung ist in den vergangenen Tagen angelaufen. Ein insgesamt rund 600 Meter langes Kunststoffrohr bildet das Herzstück der u-förmigen Anlage mit rund drei Metern Tiefgang. Für seinen Härtetest im nördlichen Pazifik zwischen Kalifornien und Hawaii musste das "System 001" von Nordkalifornien aus rund 500 Kilometer in das Gebiet geschleppt werden, wo einer der fünf größten Strömungswirbel der Erde dafür sorgt, dass dort Unmengen an Plastik kreisen. Zukünftig wollen Slat und sein Team mit bis zu 60 solcher Anlagen die Meere von auf und knapp unter der Oberfläche schwimmendem Kunststoffmüll befreien. Schiffe sollen das aufgelesene Treibgut dann zum Recycling an Land bringen, so der Plan.

  • Für Herndl, der am Department für Limnologie und Bio-Ozeanographie der Uni Wien forscht und im Mai auch eine neue interdisziplinäre Forschungsplattform mit dem Titel "PLENTY - Plastics in the Environment and Society" mitinitiiert hat, ist der Ansatz ein wichtiger Beitrag, um der Verschmutzung entgegenzuwirken, wie er im Gespräch mit APA-Science sagte. Ein zentraler Teil sei aber die schon jetzt vielfach erfolgreiche Bewusstseinsbildung durch das medial auch ambitioniert aufbereitete Vorhaben. "Boyan Slat hat sicher dazu beigetragen, dass sich ein Problembewusstsein in der Bevölkerung entwickelt", so der Wiener Forscher.

  • Hightech-Fischen in der losen Müllinsel

  • Herndl ist seit zwei Jahren Teil des wissenschaftlichen Beirats der Unternehmung und deckt dort den ökologischen Teil ab. Davor waren vor allem Techniker involviert, so der Forscher, dessen Aufgabe es ist, über mögliche Auswirkungen des Projekts auf den Lebensraum Ozean zu informieren. "Ich war bei der Entwicklung des Floßes beratend tätig", sagte Herndl.

  • Der "Great Pacific Garbage Patch" selbst sei entgegen manch vermittelter Bilder keine kompakte riesige Müllinsel, die sich mehr oder weniger einfach abschöpfen lasse. Mit dem deutschen Forschungsschiff "Sonne" ist Herndl im vergangenen Jahr durch den Kreiselstrom gefahren. Dort finde sich zwar immer wieder gehäuft Plastik, eine mehr oder weniger zusammenhängende Kunststoffansammlung sei es jedoch bei weitem nicht. Es gibt dort aber trotzdem mehr als genug einzusammeln, denn Experten schätzen, das alleine dort rund 1,8 Billionen Plastikteile treiben.

  • "Gut durchdachtes Konzept" erntet auch Kritik

  • Jetzt habe man ein "gut durchdachtes Konzept" mit gegen den Strom ausgerichteten, passiv treibenden Müllsammel-Barrieren am Start, dessen tatsächliche Effizienz sich allerdings noch nicht abschätzen lasse. Eine breitere Beeinträchtigung von Lebewesen durch das "System 001" werde es nicht geben, zeigte sich Herndl überzeugt. Es gebe nur wenige Organismen, die fast nur an der Wasseroberfläche treiben. Diese Meeresschnecken, Quallen oder tierisches Plankton sammle man natürlich beim Einfangen des Plastikmülls mit ein. Letzteres, wie auch fast alle anderen Meereslebewesen hätten jedoch viele Möglichkeiten, unter der fließenden Barriere durchzutauchen. Wie viel sich dort tatsächlich verfängt, werde jedenfalls wissenschaftlich dokumentiert und analysiert. "Es ist mit Sicherheit so, dass dadurch die Lebensgemeinschaft im Pazifik nicht beeinflusst wird", betonte Herndl.

  • Vielfach wird aber auch Kritik an dem Ansatz laut: So bemängeln Experten, dass das Projekt eben nur jenen Müll aus den Meeres-Kreiselströmen entfernen kann, der mehr oder weniger an der Oberfläche schwimmt. Es wird befürchtet, dass in der Folge weniger Augenmerk auf die deutlich größeren Plastikmengen in tieferen Meeresschichten gelegt wird.

  • Offene Fragen zum Funktionieren

  • Das Fernziel, die Meere vom treibenden Plastikmüll zu befreien, sei auf jeden Fall "durchaus ambitioniert", auch weil leider laufend zusätzliches Plastik dorthin gelange, so Herndl. Sind einmal alle 60 Plastikfänger im Einsatz würden immerhin alle fünf Jahre rund 50 Prozent des Oberflächenplastiks im Nordpazifik eingesammelt, so die Angaben von "Ocean Cleanup". Ob sich das so bewahrheitet, gelte es nun zu überprüfen, sagte der Wiener Wissenschafter.

  • Dass sich immer mehr Plastik in der Natur ansammelt, ist eine Folge der in den vergangenen 15 Jahren stark angestiegenen Kunststoffproduktion auf aktuell rund 348 Mio. Tonnen pro Jahr. Vor allem in Südostasien wandern besonders viele Plastikflaschen irgendwann ins Meer, da dort auch sehr wenig recycelt wird. In erster Linie gehe es also darum, "auch von der Plastikverschwendung wegzukommen", so Herndl.

  • Vielschichtige wissenschaftliche Annäherung

  • Den Auswirkungen der Kunststoffzunahme widmet man sich seit Mai im Rahmen des von der Uni Wien geförderten "PLENTY"-Forschungsverbundes von verschiedenen Seiten. Beteiligt sind neben Herndls Team auch Gruppen um den Umweltgeowissenschafter Thilo Hofmann und die Wissenschaftsforscherin Ulrike Felt. Am 26. November lädt die Gruppe zu einer Auftaktveranstaltung in der Bundeshauptstadt.

  • "Was macht das Plastik eigentlich in der Umwelt?", sei eine der zentralen Forschungsfragen, des vorerst auf drei Jahre ausgelegten Schwerpunktes. Hier gehe es beispielsweise darum, besser zu verstehen, wie Kunststoffe auf natürlichem Weg durch Mikroorganismen abgebaut werden können. Viele Fragen drehen sich um Inhaltsstoffe wie Bisphenol A oder Phthalate, die den menschlichen Stoffwechsel beeinflussen können, indem sie etwa den Hormonhaushalt verändern. Überdies haben Herndl und Kollegen kürzlich nachgewiesen, dass beim Zerfall auch organische Substanzen aus dem Plastik gelöst werden, die ebenfalls eine Wirkung auf Mikroorganismen haben. Konkret möchte sich der Wissenschafter zusammen mit Hofmann und Kollegen die Auswirkungen des Plastikeintrags auf das Nahrungsgefüge in Gewässern ansehen.

  • Wie steht die Gesellschaft zu Plastik?

  • Felt und ihr Team wird aus der Warte der Sozialwissenschaften kommend, die Einstellung der Gesellschaft zu dem historisch gesehen immer noch neuen Werkstoff "Plastik" analysieren. Vieles drehe sich hier auch darum, wie die Bevölkerung auf wissenschaftliche Befunde, etwa zu gesundheitsschädigenden Wirkungen von Kunststoff-Inhaltsstoffen, reagiert. Herndl: "Wir versuchen an das Thema möglichst holistisch und interdisziplinär heranzugehen."

  • In den vergangenen zwei Jahren habe das gesamte Forschungsgebiet einen starken Aufschwung erlebt. Der Fokus verschiebe sich von Analysen, wie viel Plastik wo zu finden sei, eben zunehmend in die Richtung, wie sich die Konzentrationen auswirken können. Im Bereich der Gewässer werde beides schwieriger, je tiefer die Wasserschichten liegen und je kleiner die Kunststoffpartikel werden. Herndl und sein Team fischen im Mittelmeer etwa mit Netzen mit einer Maschenweite von 0,3 Millimetern. Kleinere Teile schlüpfen da natürlich hindurch. In diesen Dimensionen verkomplizieren sich auch die Möglichkeiten, nachzuweisen, um welche Art von Plastik es sich überhaupt handelt.

  • Kleine Partikel, hohe Dunkelziffer

  • Wie viele derart kleine Partikel sich im Meer befinden, sei daher schwer abzuschätzen. Ob es nun tatsächlich, wie oft getrommelt, in 20 oder 30 Jahren mehr Plastik als Plankton in den Ozeanen geben wird, sei entsprechend schwer seriös abzuschätzen. "Das es aber vor allem in küstennahen Bereichen einen Einfluss hat, ist unbestritten", sagte Herndl.

  • Seitens der Politik wünscht sich Herndl mehr Maßnahmen zur Vermeidung von Plastik und Plastikmüll. Proaktiv passiere hier allerdings bedauerlicherweise sehr wenig. Eine Chance auf Veränderung gebe es vermutlich erst, wenn die Gesellschaft den Wunsch danach lautstark Kund täte, glaubt der Forscher. "Deshalb ist es wichtig, darüber nachzudenken, wie man die Gesellschaft erreichen kann."

  • Service: "The Ocean Cleanup"-Projekt: www.theoceancleanup.com; Forschungsplattform "PLENTY - Plastics in the Environment and Society": https://microplastics.univie.ac.at

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