Gastkommentar

Henrietta Egerth und Klaus Pseiner © Martin Lusser
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Dossier

"Für eine neue Herangehensweise in der Forschung"

Gastkommentar

30.08.2018
  • Wien (Gastkommentar) - Vor fünfzig Jahren wurden mit dem Wissenschaftsfonds FWF und dem FFF - einer Vorgängerorganisation der FFG - zwei Einrichtungen für die Förderung von Wissenschaft und Forschung in Österreich gegründet. Beide haben seither einen wesentlichen Anteil daran, die wissenschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung Österreichs zu unterstützen und voranzutreiben. Durch die Einrichtung zweier getrennter Fonds wurde allerdings auch eine - vermeintliche - Trennlinie zwischen Grundlagenforschung und angewandter Forschung betont, die in dieser Form längst nicht mehr der Realität entspricht.

  • Das klassische Innovationsmodell ist überholt: Dachte man früher, dass Innovation so etwas wie eine Pipeline sei, in die auf der einen Seite nur ausreichend Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung "eingefüllt" werden müssen, damit auf der anderen Seite die Produktinnovationen "herausfallen", so wissen wir, dass diese Simplifizierung heute längst nicht mehr zutrifft. Wissenschaft, Forschung und Innovation haben sich in den letzten Jahren grundlegend verändert, und zwar nicht nur bei ihren Inhalten, sondern in ihrer Arbeitsweise selbst. Dazu gehören Entwicklungen wie die Globalisierung, Digitalisierung, Open Science, Open Innovation, die Abkehr von einer rein disziplinären Denkweise oder die missionsorientierte Forschung, um nur einige der wichtigsten Faktoren zu nennen.

  • Aus der Fördertätigkeit der FFG wissen wir, dass gerade die gegenseitige Befruchtung von erkenntnisgetriebener Wissenschaft und anwendungsorientierter Forschung und Entwicklung für beide Seiten gewinnbringend ist und vielfach zu Spitzenleistungen führt. Das zeigt sich etwa im Erfolgsmodell der COMET-Zentren, in vielen kooperativen Projekten, die aus thematischen Programmen gefördert werden, oder auch beim Bridge-Programm, das gezielt die Überführung von wissenschaftlichen Erkenntnissen in eine mögliche wirtschaftliche Anwendung fördert.

  • Viele Kunden der FFG - sowohl auf der Unternehmensseite wie auch aus den Hochschulen und Forschungsinstituten - nützen die verschiedenen Förderinstrumente der FFG, je nachdem, worin ihr Bedarf an Unterstützung besteht. Für sie ist die Differenzierung zwischen Grundlagenforschung und angewandter Forschung eine artifizielle Grenze.

  • Natürlich haben erkenntnisorientierte und wirtschaftsnahe Forschung unterschiedliche Erfolgskriterien und Bewertungsmaßstäbe, die zum Teil auch einer widersprechenden Logik folgen (wissenschaftliche Publikationen versus Patentierung). Aber auch hier zeigen Einrichtungen wie die COMET-Zentren und viele Universitätsinstitute, dass beides nicht nur möglich ist, sondern sich im Leistungsspektrum hervorragend ergänzt.

  • Wir sind daher überzeugt, dass es neuer Herangehensweisen bedarf. Wir brauchen auch im Bereich der Forschungsförderung mehr Flexibilität im Mitteleinsatz und eine gesamthafte Sicht auf Innovationsprozesse. Wir brauchen eine höhere Flexibilität und auch Durchlässigkeit zwischen der wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Forschung, gerade auch im Hinblick auf Humanressourcen, oder beispielsweise im Bereich von Unternehmensgründungen aus Hochschulen und Forschungsinstituten.

  • Die FFG hat bereits in den letzten Jahren gemeinsam mit ihren Eigentümerressorts und Auftraggebern ihre Förder- und Dienstleistungsangebote sukzessive entsprechend ausgerichtet. Die im Ministerrat angekündigte Zukunftsoffensive für Forschung, Technologie und Innovation wird aus unserer Sicht einen weiteren, wichtigen Impuls für das heimische Innovationssystem bringen.

Zur Person

Henrietta Egerth und Klaus Pseiner, Geschäftsführer der Österreichischen Forschungsförderungs- gesellschaft

Dr. Henrietta Egerth-Stadlhuber
Henrietta Egerth absolvierte das Studium der Handelswissenschaften an der Universität Linz und arbeitete danach einige Jahre in Brüssel. Zurück in Wien war sie für die Industriellenvereinigung tätig, ehe sie im Jahr 2000 in das Ministerium für Wirtschaft und Arbeit wechselte. Dort war sie für Wirtschaftsförderungen sowie Forschung und Entwicklung zuständig. Seit September 2004 ist sie Geschäftsführerin der Österreichischen Forschungsförderungs- gesellschaft (FFG).

Dr. Klaus Pseiner
Klaus Pseiner promovierte im Fach Biologie (Ökologie) an der Universität Wien. Nach zweijähriger Tätigkeit als Studienassistent an der Universität für Bodenkultur wechselte er zu Dornier GmbH und war anschließend in der Österreichischen Raumfahrt- und Systemtechnik GmbH tätig. 1989 übernahm Klaus Pseiner die Strategische Technologieplanung der ESA/ESTEC. 1998 wurde Pseiner Geschäftsführer der Austrian Space Agency (ASA). Seit 2004 ist er Geschäftsführer der Österreichischen Forschungsförderungs- gesellschaft (FFG).

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