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Von der Idee zur Marktführerschaft © APA/Wasserfaller
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Geschichten aus dem Know-how-Land

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13.08.2013
  • Von Mario Wasserfaller / APA-Science

  • Wien (APA-Science) - Lampen, Flaschenverschlüsse, Möbelbeschläge, Wetterprognosen eine Liste von Top-Entwicklungen liest sich oft geradezu banal und alltäglich. Natürlich geht es häufig um Hochtechnologie, aber auch auf den ersten Blick eher biedere Dinge bringen Weltmarktführer hervor. Ein Streifzug durch die Innovationslandschaft belegt das nachdrücklich.

  • Eine Limousine eines großen deutschen Autoproduzenten fährt in stockfinsterer Nacht auf einer Landstraße. Alles, was der Fahrer sieht, befindet sich im konzentrierten Lichtstrahl des Fernlichts. In der Ferne taucht das Scheinwerferpaar eines Fahrzeugs auf. Normalerweise müsste der Fahrer der Limousine jetzt sofort auf das Abblendlicht umschalten, um den entgegenkommenden Autolenker nicht zu irritieren. Doch das Fernlicht bleibt an. Der Fahrer ist weder ein Soziopath noch übermüdet, er vertraut einem neu entwickelten Scheinwerfer der in Wieselburg (NÖ) angesiedelten Zizala Lichtsysteme, der es ohne Beeinträchtigung entgegenkommender oder vorausfahrender Fahrzeuge ermöglicht, dauerhaft mit Fernlicht zu fahren. Dafür wurde das Unternehmen im März 2013 mit dem ersten Platz im Inventum- Wettbewerb für das Patent des Jahres 2012 ausgezeichnet.

  • Intelligente Lichtmodule

  • Das Dauerfernlicht des Wieselburger Spezialisten für Kfz-Beleuchtungssysteme wird durch geschicktes Schalten von LED-Lichtquellen möglich. Der Scheinwerfer ist aus Lichtmodulen aufgebaut, die senkrechte, seitlich versetzte und sich überlagernde Lichtstreifen erzeugen. In Verbindung mit einem Kamerasystem können durch Abschalten einzelner LEDs jene Bereiche, in denen sich entgegenkommende und vorausfahrende Fahrzeuge befinden, gezielt ausgeblendet werden.

  • Der Konsument, der ein solches Auto kauft, wird sich kaum fragen, welche Entwicklungsarbeit hinter dem intelligenten Scheinwerfer steckt oder wie der Zulieferer heißt, der ihn für den Autoproduzenten maßgeschneidert hat. Der geringe Bekanntheitsgrad in der Öffentlichkeit sei zwar ein nicht exakt quantifizierbares Merkmal eines Hidden Champions, meint Hermann Simon in seinem Buch Hidden Champions - Aufbruch nach Globalia, jedoch würden über 90 Prozent der Firmen diese Bedingung in qualitativer Hinsicht erfüllen.

  • Leise schließende Küchenladen, leicht aufzuschraubende Verschlüsse es sind oft Dinge, über deren selbstverständliches Funktionieren im Alltag niemand mehr nachsinnt, die aber oft die Initialzündung für eine nachhaltig erfolgreiche Unternehmensgründung darstellten. Hidden Champions innovieren mit enormem Aufwand und achten mehr als gewöhnliche Unternehmen auf die Bedürfnisse ihrer Kunden.

  • Vom Hufstollen zum Erfinderpreis

  • Wohl niemand wäre 1952 auf die Idee gekommen, Julius Blum einen Hidden Champion zu nennen. Mit einem speziellen Gleitschutz für Pferdehufe sogenannte Hufstollen legte er das Fundament für ein heute bereits in dritter Generation tätiges Familienunternehmen in Vorarlberg. Mittlerweile liegt der Fokus auf der Herstellung und dem Vertrieb von Möbelbeschlägen.

  • Die Voraussetzung, um langfristig den Erfolg zu sichern, sieht das Unternehmen in kontinuierlichen Produktinnovationen. Insgesamt 4.500 Patente und Gebrauchsmuster hat man seit den 1970er Jahren schützen lassen, 2.400 davon laufen noch. Rund 1.200 internationale Schutzrechte halten wir derzeit, und jedes Jahr kommen etwa 40 bis 50 Neuanmeldungen dazu. Im vergangenen Jahr waren es 57 neu erteilte Patente. Damit lagen wir wiederholt im Spitzenfeld und belegten Platz 2 im Ranking des österreichischen Patentamts, heißt es aus dem Unternehmen.

  • Die Forschungs- und Entwicklungsabteilung ist heute im technischen Zentrum in Höchst angesiedelt, und die Anzahl der Mitarbeiter beläuft sich auf über 100 Personen. In diesem Licht erscheint der Europäische Erfinderpreis 2013, der an die beiden Vorarlberger Claus Hämmerle und Klaus Brüstle von Blum gegangen ist, wenig erstaunlich.

  • Reparieren statt ersetzen

  • Am Anfang steht immer die Idee, sagt Norbert Minarik, Geschäftsführer von MIDES. Im Fall des steirischen Medizintechnik-Unternehmens war das der Umstand, dass es noch vor einigen Jahren keine andere Möglichkeit gab, als defekte (Ultraschall-)Sonden durch neue zu ersetzen. Dank der Einrichtung eines eigenen Hightech-Forschungslabors konnte man sich laut Minarik als der Spezialist für die Reparatur von Ultraschallsonden, von Standard- und TEE (Transösophageal- Echokardiographie)-Sonden etablieren: Heute können etwa 85 bis 90 Prozent aller beschädigten Sonden repariert und wieder aufbereitet werden. Binnen weniger Jahre habe es das Unternehmen also geschafft, sich in der Sonden-Reparatur als europäischer Marktführer zu etablieren und sich europaweit eine qualitative Alleinstellung aufzubauen.

  • Verständnis für den Kundenprozess

  • Für den 1947 gegründeten Kommunikations- und Informationsdienstleister Frequentis begann der nach eigenen Angaben rasante Aufstieg zur Marktführerschaft in den 1980er Jahren dank gezielter Spezialisierung auf die Flugsicherung. In den 1990ern setzte Frequentis entscheidende Impulse bei der Einführung voll digitaler Sprachvermittlungssysteme in der Flugsicherung. Mit der Installation des weltweit ersten großen Systems dieser Generation für die europäische Flugsicherungsbehörde Eurocontrol konnte die technologische Führungsrolle weiter ausgebaut werden, wie das Unternehmen auf Anfrage von APA-Science betont. Unser tief greifendes Verständnis für den Kundenprozess resultiert in Lösungen, die genau auf die Anforderungen des Kunden zugeschnitten sind, betont Geschäftsführer Hannes Bardach.

  • Wetterprognosen, die stimmen

  • Eine innovative Form von Wetterprognosen nämlich solche, die stimmen war die ehrgeizige Idee hinter dem 2004 von dem Chemiker Michael Fassnauer und dem Meteorologen Manfred Spatzierer gegründeten Unternehmen UBIMET. Der nunmehr größte private Wetterdienst in Österreich ist inzwischen zu einem internationalen Wetterdienstleister mit Niederlassungen bis Australien und hoch qualifizierten Fachkräften aus Naturwissenschaften und der IT angewachsen.

  • Bedarfsorientierte Entwicklungsarbeit mittlerweile in einer eigenen F&E-Abteilung stand von Beginn an im Mittelpunkt der Überlegungen: Daher haben wir auch so viel Energie in die Entwicklung des ersten Produkts gesteckt: die Unwetterwarnung. Hier ist und war der Bedarf der Kunden am größten. Egal, ob Hagel, der ein Auto zerstört oder Starkregen, der in die Wohnung eindringt hier können die Menschen oft rechtzeitig reagieren. Dennoch bleibt keine Zeit, sich auf den Lorbeeren auszuruhen: Auch wenn man ein Top-Produkt hat, darf man sich nie zufrieden geben, sondern muss sich stetig verbessern, weiterentwickeln und hinterfragen. Das steckt einfach in unserer DNA, so die Unternehmensgründer.

  • Die Hürden der Bürokratie

  • Der oberösterreichische Maschinenbauer Wintersteiger bietet Gesamtlösungen für Verleih und Service von Ski und Snowboards an (Sports) und produziert Spezialmaschinen für die Landwirtschaft (Seedmech) sowie Holzdünnschnittsägen (Woodtech). Alle drei Sparten sind laut Unternehmensangaben in ihren Nischen Weltmarktführer. Acht Prozent des Umsatzes wird in den Bereich F&E investiert, in dem insgesamt 87 Mitarbeiter beschäftigt sind.

  • Die Rahmenbedingungen für Forschung bewertet das Unternehmen grundsätzlich gut, wenn auch die Fördertöpfe natürlich immer besser gefüllt sein könnten. Trotz oder wegen zahlreicher Angebote ist die Förderlandschaft jedoch relativ unübersichtlich: Es gibt viele verschiedene Förderprogramme, und oft ist es nicht klar, welches Programm für welches Thema tatsächlich am besten geeignet ist. Und bei einzelnen Programmen ist der bürokratische Aufwand enorm und stetig am Zunehmen.

  • Problematische Personalsuche

  • Ein häufiges Problem für Hidden Champions ist es auch, qualifiziertes Personal zu finden. Hier sieht man sich immer wieder mit Hürden konfrontiert, beklagt man etwa bei UBIMET: Da wäre es schon manchmal hilfreich, wenn ein top-qualifizierter Mitarbeiter, der aus den USA nach Österreich umziehen würde, sich nicht wochenlang anstellen müsste, um die Rot-Weiß-Rot-Karte zu bekommen.

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