Gastkommentar

Rosa Diketmüller © Privat
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Dossier

"Geschlechterforschung in den österreichischen Sportwissenschaften"

Gastkommentar

27.02.2017
  • Wien (Gastkommentar) - In den Sportwissenschaften hat man sich erst relativ spät mit Fragen von Geschlecht auseinandergesetzt. Dies hat einerseits damit zu tun, dass das Phänomen Sport lange und in vielen Teilbereichen auch heute noch stark männlich dominiert ist: auf Ebene der Trainer- und FunktionärInnen (je höher die Funktion, umso weniger Frauen), auf Ebene der Sportarten, die unterschiedlich geschlechtlich konnotiert sind oder auf Ebene der medialen Darstellung, wo Athletinnen nach wie vor in geringerem Ausmaß (zwischen 12 und 15 Prozent) und anderer (oft sexualisierter) Form ins Bild gesetzt werden. Andererseits ist die Sportwissenschaft selbst eine sehr junge Disziplin, die ihrerseits verschiedene Wissenschaften trans- und interdisziplinär zur Erforschung verschiedener Phänomene im Sport heranzieht.

  • Geschlechterspezifische Fragen stellen sich in vielen sportwissenschaftlichen Disziplinen, daher wird Geschlechterforschung häufig auch als Querschnittsdisziplin gesehen, die je nach disziplinärer Ausrichtung sehr unterschiedliche Fragestellungen bearbeitet und verschiedenste Methoden einsetzt. In den Anfängen hat man sich häufig mit den körperlichen Unterschieden zwischen Männern und Frauen befasst, und der Blick auf das biologische Geschlecht (Sex) hat in Summe ein sehr defizitorientiertes Bild von Frauen im Sinne eines "schneller, höher, weiter" hinterlassen. Während in der Geschichtsforschung Sport treibende Frauen lange Zeit kaum Erwähnung fanden, befasste man sich in den 1970er-Jahren, ausgelöst durch die Koedukationsdebatte (gemeinsamer Sportunterricht von Mädchen und Buben) im Sportunterricht, zwar nach wie vor mit den Unterschieden zwischen Frauen und Männern, jedoch weniger in einem abwertenden Vergleich als mit Blick auf das "Anderssein" und "anderen" Bedürfnissen von Frauen und Männern.

  • Erst mit Ende der 1980-er Jahre erfolgte die sogenannte sozialkonstruktivistische Wende, wonach man Geschlechterunterschiede nicht mehr nur biologisch begründete, sondern als von der Gesellschaft beeinflusst und in Alltagsroutinen mithergestellt erachtet. In der Forschung bezieht man sich nun zunehmend auf das soziale Geschlecht (Gender) und fragt verstärkt nun danach, wie in der alltäglichen Sportpraxis Geschlechterunterschiede hergestellt werden: z. B. wie es dazu kommt, dass Frauen weniger häufig im Machtpositionen zu finden sind, und schaut sich dabei Alltagsroutinen von FunktionärInnen und TrainerInnen, Anerkennungsprozesse und Aufnahmerituale in Organisationen an. Man analysiert, wie Bewegungssozialisationsprozesse in Familie, Kindergarten, Schule oder Peergruppen ablaufen, dass sich unterschiedliche Interessen von Mädchen und Buben ausprägen, die sehr genau abwägen, was passend für sie als Gruppe ist. Aktuell beschäftigt man sich zunehmend mit Fragen der Intersektionalität, da man erkannt hat, dass sich verschiedene Ungleichheitsdimensionen wie beispielsweise Alter, Bildungshintergrund, sozioökonomischer Status, "Ability"/Behinderung, sexuelle Orientierung, Religion, Migrationshintergrund usw. gegenseitig beeinflussen.

  • Angesichts der geringen Anzahl an universitären sportwissenschaftlichen Instituten (4) und der damit verbundenen geringen Anzahl an ForscherInnen hat sich in Österreich (im Vergleich zu Deutschland) keine eigene Sektion oder Kommission Geschlechterforschung etabliert.

  • Am sichtbarsten beschäftigt sich das Institut für Sportwissenschaften in Wien aus einer sozialwissenschaftlich pädagogischen Perspektive. Hier werden verschiedene Themen bearbeitet, die immer auch einen praxisorientierten Umsetzungsanspruch haben. Sie reichen von Fragen der Implementierung geschlechtersensibler Ansätze in Schulsport und Trainingspraxis (Projekte wie "Schulfreiräume und Geschlechterverhältnisse", "KinderGärten", "Womensport goes School") bis zu Qualifikationskriterien und Genderkompetenz von Lehrkräften und TrainerInnen, greifen sportpolitische Forderungen auf, indem Missbrauchsverhältnisse im Sport (EU-Projekt "Voice") analysiert werden und Maßnahmen in einen EU-weiten Kontext eingebunden sind. Vernetzungen zu nationalen und internationalen Forschungsnetzwerken und Sportpolitiken (u.a. Women Sport International, International Association for Physical Education and Sport for Women and Girls, Kommission Geschlechterforschung in der Dt. Vereinigung für Sportwissenschaften) sind dabei eine wesentliche Basis für Forschung und Anwendungsbezug.

  • Forschungsarbeiten finden sich aber auch am Institut für Sportwissenschaften in Graz, wo beispielsweise nach Motivdimensionen von Frauen für die Teilnahme an Marathonveranstaltungen und täglicher Bewegungsaktivität (Titze) geforscht wird. In Salzburg wird zur historischen Dimension und zur medialen Inszenierung und Sichtbarkeit von AthletInnen geforscht (Dimitriou). In Innsbruck tragen beispielsweise biomechanische Analysen an Männern und Frauen dazu bei, die richtigen Konsequenzen für ein geschlechterdifferenzierendes Training zu setzen, damit beispielsweise Knieprobleme bedingt durch ein falsches Sprungtraining verhindert werden können (Raschner).

  • Neben der Auseinandersetzung an den sportwissenschaftlichen Instituten werden Körper- und Bewegungsthemen auch von anderen Disziplinen aufgegriffen, die wertvolle Beiträge liefern. Einen Forschungsfokus hat beispielsweise auch die Politikwissenschaft der Uni Wien geliefert mit Arbeiten zur gesellschafts-/politischen Dimension des Fußballsports (z. B. Kreisky, Marschik, Spitaler, ...) oder des Körperkapitals in unserer Gesellschaft (z. B. Sauer, Flicker, ...) im Hinblick auf Geschlechterverhältnisse. Sportthemen sind aufgrund ihrer medialen Bedeutsamkeit auch in der Publizistik und Kommunikationswissenschaft immer wieder präsent und bieten ein gutes "Anschauungsmaterial" dafür, wie Geschlechterunterschiede auch medial herstellbar sind (Dorer). Auch aus dem Bereich Gendermedizin erhofft sich die Sportwissenschaft richtungsweisende Grundlagen, die auch für den Bereich Training und Spitzensport einsetzbar sind (z. B. Pdolsky).

  • Zusammenfassend zeigt sich, dass geschlechterbezogene Phänomene im Sport nicht nur in der Sportwissenschaft, sondern auch in anderen wissenschaftlichen Disziplinen aufgegriffen und verhandelt werden. Die Bearbeitung reicht dabei von analytischen Zugängen bis hin zu Fragestellungen der Implementierung und Umsetzung (sport-)politischer Anforderungen durch politische Aufträge wie Gender Mainstreaming und europäische Vorgaben. Um eine Sportwelt, die oftmals als letzte Männerbastion gehandelt wird, verändern zu können, ist es jedoch nötig, die dahinterliegenden Mechanismen zu kennen, wie Geschlechterverhältnisse darin hergestellt und aufrechterhalten werden. Die sportwissenschaftliche Geschlechterforschung bietet dafür wichtige Grundlagen, aus österreichischer Sicht ist es jedoch unabdingbar, diese Anliegen in den interdisziplinären und vor allem in internationalen Diskurs einzubinden.

Zur Person

Rosa Diketmüller, Assistenzprofessorin am Institut für Sportwissenschaften der Uni Wien

Mag. Dr. Rosa Diketmüller, Assistenzprofessorin. Studium der Lehramtsfächer Leibeserziehung und Geographie, Doktoratsstudium Sportwissenschaft im Themenfeld Sportgeragogik. Seit 2001 Assistenzprofessorin am Zentrum für Sportwissenschaft der Universität Wien. Schwerpunkte in Lehre und Forschung: Sportpädagogik, Geschlechterforschung, Gesundheitsförderung, raumbezogene Aktivität und Mobilität. Mitbegründerin der österreichweiten Plattform „Frauen im Sport“, Mitwirkung bei Entwicklung und Umsetzung der EU-Vorgaben zu „Gender Equality 2014-2020“ im österreichischen Sport, Leiterin des Arbeitskreises „Gegen sexualisierte Gewalt im Sport“ (2015-). Vorstandstätigkeit in fach-/wissenschaftlichen Organisationen, u.a. FrauenForum Bewegung und Sport (A), International Association of Physical Education and Sport for Girls and Women, International Committee of Sports Pedagogy (ICSP; Chair 2017-), Österreichische Sportwissenschaftliche Gesellschaft (Vizepräsidentin 2012-2014), Kommission Sportpädagogik der Dt. Gesellschaft für Erziehungswissenschaften (Sprecherrat 2013-2015). Publikations- und Reviewtätigkeit. Leitung von zahlreichen nationalen Projekten (u.a. „KinderGärten“, „AktivE Jugend“, „Schulfreiräume und Geschlechterverhältnisse“, „Gemma raus!“, „AktivE Jugend“ sowie nationale Partnerin in EU-Projekten (u.a. PASEO, IMPALA, aktuell: „Voice“ – die Stimmen von Betroffenen von sexualisierter Gewalt hören).

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