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Weber (6. v. l.) inmitten ihrer Forschungsgruppe am Department für Biomedizinische Forschung © Donau-Universität Krems
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"Grundlagenforschung ist Voraussetzung für jede Weiterentwicklung"

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30.08.2018
  • Wien (APA-Science) - Zu forschen ist eine Lebenseinstellung - die strikte Trennung in Grundlagen- und angewandte Forschung sei erstens nicht mehr zeitgemäß und zweitens für die Karriere nebensächlich, meint die Biochemikerin Viktoria Weber, Vizerektorin für Forschung an der Donau-Universität Krems und unter anderem Leiterin des Christian Doppler Labors für Innovative Therapieansätze in der Sepsis.

  • APA-Science: Sie haben an der Universität für Bodenkultur Lebensmittel- und Biotechnologie studiert und am Institut für Tumorbiologie und Krebsforschung der Medizinischen Universität Wien Ihren Post-Doc gemacht. Wie sind Sie zur medizinischen Richtung gekommen?

  • Weber: Es war eine sehr knappe Entscheidung zwischen einem Studium der Pharmazie und der Biotechnologie - insofern war eine gewisse Affinität zu medizinnahen Themen wohl schon von Anfang an vorhanden. Das Studium der Biotechnologie deckt einen sehr breiten Bereich ab und bietet daher vielfältige Entwicklungsmöglichkeiten, eben auch im medizinischen Bereich.

  • APA-Science: Nach dem Studium waren Sie in der Grundlagenforschung tätig. Womit genau haben Sie sich beschäftigt?

  • Weber: Während meiner Dissertation habe ich mich mit der Analyse von Glykoproteinen beschäftigt, also - vereinfacht gesagt - mit Zuckerstrukturen auf der Oberfläche von Proteinen, die, ähnlich wie Antennen, Wechselwirkungen von Proteinen oder Zellen mit ihrer Umgebung vermitteln können. Es ging sowohl um die Aufklärung der Strukturen dieser Zuckerketten als auch um ihre Funktion, zum Beispiel im Zusammenhang mit der Entstehung von Allergien.

  • APA-Science: Wie beurteilen Sie das Gegensatzpaar "Grundlagenforschung" und "Angewandte Forschung"?

  • Weber: Ich finde, dass diese Kategorisierung nicht mehr zeitgemäß ist. Mochte es früher den Anschein haben, dass Grundlagenforschung der reinen Erkenntnis diene, während angewandte Forschung sich an den Interessen des Marktes ausrichte, so sehe ich heute ein Kontinuum und vielfältige Interaktionen zwischen Grundlagenforschung, anwendungsorientierter Forschung und angewandter Forschung, gerade im Bereich der Naturwissenschaften.

  • Was die Rahmenbedingungen betrifft, so müssen wir eine ausreichende und langfristige Finanzierung der Grundlagenforschung sicherstellen und verbessern.

  • APA-Science: Wie attraktiv ist es in Österreich, Grundlagenforschung zu betreiben?

  • Weber: Grundlagenforschung bildet das Fundament für jede Anwendung und somit nicht nur reizvoll, sondern die Voraussetzung für jede Weiterentwicklung. Mit Bezug auf die besondere Attraktivität bestimmter Disziplinen glaube ich nicht, dass Forschung - gleich ob Grundlagenforschung oder angewandte Forschung - an disziplinären Grenzen haltmacht oder haltmachen sollte. Großes entsteht oft an den Grenzen von Disziplinen bzw. erst durch die Überwindung dieser Grenzen und durch die Kombination von Erkenntnissen aus unterschiedlichen Disziplinen. Universitäten können den Freiraum bilden, um solche neuen Kombinationen entstehen zu lassen.

  • APA-Science: Würden Sie jungen Menschen heute raten, in der Grundlagenforschung tätig zu werden?

  • Weber: Ich würde eine Tätigkeit in der Grundlagenforschung empfehlen, aber die Übergänge zur Anwendung sind, wie gesagt, fließend. Und in welchem Bereich sich jemand letztlich wohler fühlt, hängt sicher auch von der jeweiligen Persönlichkeit ab.

  • APA-Science: Man gewinnt medial den Eindruck, als Forscherin muss man auf Familie verzichten, denn Teilzeitforschung sei nicht möglich. Sie haben zwei Kinder, sind Zentrumsleiterin und Vizerektorin. Was hat Sie motiviert, hatten Sie einen Mentor oder eine Mentorin, bzw. sehen Sie sich als Role Model?

  • Weber: Als Forscherin oder Forscher bringt man wohl eine bestimmte Lebenseinstellung mit, denn die Themen, an denen man arbeitet, beschäftigen einen ja nicht nur zwischen 9 und 17 Uhr. Dazu kommt, dass der organisatorische Aufwand - etwa für die Einwerbung von Forschungsgeldern - nicht unerheblich ist, und dass die Präsentation von Forschungsergebnissen oder die Beteiligung an Kooperationsprojekten in der Regel auch eine entsprechende Reisetätigkeit voraussetzen. Diese Vielfalt macht den Beruf auch so abwechslungsreich und interessant. Aber man benötigt sicher ein gewisses Maß an Durchhaltevermögen, die Fähigkeit, Prioritäten zu setzen, und ein entsprechendes Umfeld, um beide Bereiche - Forschung und Familie - gut vereinen zu können. Gerade aus dieser Verbindung kann aber auch sehr viel Motivation entstehen.

  • Mich hat eine Reihe von Personen - Männer und Frauen gleichermaßen - auf meinem Weg in unterschiedlicher Weise, teils in fachlicher, teils in menschlicher Hinsicht, unterstützt und gefördert, und ich versuche, diese Unterstützung nun in meinem Umfeld weiterzugeben.

  • APA-Science: Unterscheiden sich junge und ältere Forscher, die Karriere machen wollen, in ihrem Zugang zur Grundlagenforschung?

  • Weber: Ich glaube, dass, auch vor dem Hintergrund der fließenden Grenzen zwischen Grundlagenforschung und angewandter Forschung die Berufsbilder für Forscherinnen und Forscher heute wesentlich vielfältiger geworden sind. Es gibt wohl eher eine Tendenz, sich in Richtung Anwendung zu bewegen, teils, weil man dort einen unmittelbareren Nutzen sehen kann, teils aber wohl auch aufgrund der vergleichsweise besseren Finanzierung.

  • APA-Science: Wie wichtig für Ihre Karriere sind oder waren Netzwerke?

  • Weber: Der Austausch mit Personen aus unterschiedlichen beruflichen Umfeldern kann sehr bereichernd und unterstützend sein, sei es, weil einen ähnliche Themen bewegen, weil man ein gemeinsames Anliegen verfolgt, oder auch, um Erfahrungen auszutauschen und voneinander zu lernen.

  • Zur Person

  • Viktoria Weber ist Vizerektorin für Forschung an der Donau-Universität Krems, Universitätsprofessorin für Angewandte Biochemie, sowie Leiterin des Departments für Biomedizinische Forschung und des Zentrums für Biomedizinische Technologie (ZBMT). Seit 2013 leitet sie das am ZBMT angesiedelte Christian Doppler Labor für Innovative Therapieansätze in der Sepsis.

  • Das Gespräch führte Sylvia Maier-Kubala / APA-Science

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