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Bei intelligenter Vernetzung ist Luft nach oben, so die Infineon-Chefin © Steinthaler/tinefoto.co
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Herlitschka sieht bei Hochschulen "sehr viel Potenzial zur Weiterentwicklung"

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22.08.2017
  • Von Sylvia Maier-Kubala / APA-Science

  • Wien (APA-Science) - Was erwarten sich die Studierenden von einer idealen Universität? Forschungsrats-Mitglied Sabine Herlitschka, Vorstandsvorsitzende der Infineon Technologies Austria, stand APA-Science für ein Interview zu den Ergebnissen der Studie "Create your Universe" zur Verfügung.

  • APA-Science: Warum hat der RFT die Studie "Create your Universe" in Auftrag gegeben? Was wollte man damit erreichen, waren Erwartungen damit verbunden und ist man vom Outcome überrascht?

  • Sabine Herlitschka: Vorschläge zur Weiterentwicklung der Hochschulen kennen wir meist nur aus der Sicht von Experten und der Hochschulpolitik. Mit der Studie wollte der Rat für Forschung und Technologieentwicklung erstmals die Erwartungen an die Hochschule der Zukunft direkt von den Studierenden erfragen. Um auf direktem Weg studentische Communities zu erreichen, haben wir mit der Open Innovation-Methode Crowdsourcing im Social Media-Umfeld einen neuen Ansatz angewandt. Dies erfolgte in Kooperation mit der Ludwig Boltzmann Gesellschaft (LBG) und wurde von winnovation, einem Expertenunternehmen im Bereich Open Innovation, durchgeführt. Mit diesem innovativen Ansatz der Studie konnten über 100.000 Studierende angesprochen werden, die sich in mehr als 2.000 schriftlichen Beiträgen beteiligten.

  • Die Ergebnisse haben mich in zweifacher Hinsicht positiv überrascht. Erstens inhaltlich: Die Studierenden sehen digitale Medien als integralen Bestandteil von Lehrveranstaltungen, wichtig sind ihnen gleichzeitig aber auch die Möglichkeiten zum intensiven Austausch zwischen Peers und Lehrenden. Zweitens der große Erfolg dieses neuen methodischen Ansatzes, der sich in der hohen und sehr sachlichen Beteiligung der Studierenden widerspiegelt.

  • APA-Science: Wenn Sie sich die Situation an einer durchschnittlichen heimischen Uni vor Augen führen, wo Studenten mehrere Semester auf eine Übung warten und um den Platz im Hörsaal kämpfen: wie klingt das für Sie?

  • Sabine Herlitschka: Genau deshalb ist es wichtig, diese Themen aus der Sicht der Studierenden zu diskutieren, also nachfrageorientiert. Die Erwartungen der Studierenden an die Hochschulen der Zukunft sind - angesichts der Veränderungen der Digitalisierung - sehr nachvollziehbar. Beispielsweise ein "gesundes" Verschmelzen von realem und virtuellem Lernen an einem physischen Campus, mit stärkerer Nutzung digitaler Medien für breitflächige Lehrveranstaltungen und personalisierten Formaten zum Lernen in Kleingruppen. Warum können beispielsweise stark frequentierte Grundlagen-Lehrveranstaltungen statt an jeder einzelnen Uni nicht österreichweit für Studenten als standardisiertes Onlineangebot zur Verfügung gestellt werden? Damit könnte das Studium orts- bzw. zeitunabhängiger, also flexibler und attraktiver gestaltet werden. Andererseits haben die Hochschulen dadurch die Chance, sich ressourcentechnisch neue Spielräume zu schaffen. Beispielsweise vertiefende Tutorials anbieten oder Spezialthemen in kleineren Gruppen erarbeiten und diskutieren.

  • APA-Science: Aus den Ergebnissen der Studie wurden fünf Handlungsempfehlungen für Hochschulen formuliert. Fließen sie in irgendeiner Form in weitere strategische Planungen oder Zielvorgaben ein?

  • Sabine Herlitschka: Wir möchten mit den vorliegenden Ergebnissen den Prozess zur Weiterentwicklung des Hochschulsektors unterstützen und weitere Diskussionen anregen. Die Ergebnisse fließen jedenfalls in die Empfehlungen des Rates ein. Im September wird dazu eine Diskussionsrunde mit den "Stakeholdern" organisiert. Daran nehmen Vertreter der Universitäten, Fachhochschulen, des Wissenschaftsministeriums, des Wissenschaftsrates und Hochschulexperten teil.

  • APA-Science: Wie sind die Reaktionen der Unis und Hochschulen zu den Ergebnissen der Studie? Halten sie die Wünsche und Vorstellungen für realistisch und realisierbar?

  • Sabine Herlitschka: Die Universitäten und Fachhochschulen waren in die Vorbereitung und Abwicklung der Studie über ihre Interessensvertretungen eingebunden und haben die Ausrichtung der Befragung mitgestaltet. Nun liegen substanzielle Ergebnisse vor, es liegt an den Universitäten und Fachhochschulen, diese zu bewerten und in ihre strategischen Überlegungen einzubeziehen.

  • Wir sehen die Studie jedenfalls als Angebot an die Hochschulen, um die Bedürfnisse ihrer "Kunden", also der Studentinnen und Studenten, noch besser zu adressieren. Das Feedback der Studierenden zeigt den Handlungsbedarf sehr berechtigt auf. Hier haben die Hochschulen hinsichtlich Individualisierung und intelligenter Vernetzung regional, national und international sehr viel Potenzial zur Weiterentwicklung.

  • Wie wichtig ist aus Sicht des RFT ein attraktives, modernes Umfeld an den Hochschulen? Für die Studenten, für die erzielbaren Leistungen, für die Anziehung von hervorragenden Lehrenden etc.? Oder spielt das nur bei bestimmten Fächern (Technik, Naturwissenschaften, ...) und für bestimmte individuelle Persönlichkeiten eine Rolle?

  • Sabine Herlitschka: Ein attraktives und zeitgemäßes Umfeld für Forschung und Lehre ist gerade in der Wissensgesellschaft und -ökonomie ein wesentlicher Standortfaktor. Universitäten und Fachhochschulen sind über alle Fachbereiche gesehen sowohl in Lehre und Forschung als auch in der Verwertung der Ergebnisse zentrale Akteure im nationalen und regionalen Innovationssystem. Und diese Innovationssysteme sind umso erfolgreicher, je intensiver und vernetzter sich die Zusammenarbeit mit den ansässigen Unternehmen jeglicher Größenordnung gestaltet. Dadurch bekommt eine Region die notwendige Anziehungskraft für gut ausgebildete Menschen. Mithilfe von digitalen Technologien können Universitäten und Fachhochschulen ihre Reichweiten massiv erhöhen und so die besten Köpfe global ansprechen. Die jungen Talente sind heute weltweit bereit dafür und das bedeutet auch eine enorme Chance für Österreich.

  • Eine weitere Frage ist auch, ob man Universitäten und Hochschulen als reine Wissensvermittler sieht oder ob es auch um darüber hinausgehende Lösungskompetenzen geht. Beispielsweise zeigt der Wunsch nach stärkerer Vermittlung von unternehmerischem Denken, dass die Studierenden die Anforderungen der Praxis gut verstanden haben. Es ist vorteilhaft, beim Berufseinstieg kaufmännische Grundkenntnisse sowie ein grundlegendes Verständnis von Geschäftsprozessen mitzubringen.

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