Gastkommentar

Horst Bischof © TU Graz/Helmut Lunghammer
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Dossier

"Hochkomplexe smarte Systeme bestimmen die Zukunft der Produktion"

Gastkommentar

30.11.2016
  • Graz (Gastkommentar) - Österreich ist traditionell ein Produktionsland. Und "smarte Produktion" - auch als Industrie 4.0 bekannt - gilt als die zentrale Produktionsform der Zukunft. Smarte Produktion ist die stark innovationsgetriebene Vernetzung von Maschine, Mensch und Services über die gesamte Produktionskette hinweg: ein hochkomplexes und wissensintensives, integriertes System, dessen Beherrschung und Weiterentwicklung zentraler Wettbewerbsvorteil für den Industriestandort Österreich ist. Die TU Graz hat im Bereich der smarten Produktion umfassende Expertise, die sie nun in den Complexity Science Hub einbringt. Ziel des Engagements der TU Graz ist es, smarte Produktionssysteme in der Gesamtheit ihrer interagierenden Einheiten - von einzelnen Produktionsstationen bis hin zu ganzen Fabriksnetzwerken - aus der Sicht der Komplexitätsforschung zu verstehen.

  • Definiert man smarte Produktion als ein System, das über Digitalisierung und Vernetzung seiner Systemkomponenten, sprich Auftragsdaten, Material, Produktionsmaschinen, Vorrichtungen, Werkzeuge, Qualitätssicherung und Logistik, intelligent mit den Menschen zusammenarbeitet, so werden Herausforderungen, Chancen und Komplexität evident, denn: Selbststeuernde, hochflexible, benutzerfreundliche, nachhaltige Produktionssysteme basieren auf dem verlässlichen Zusammenspiel aller Komponenten. Zur wissenschaftlichen Erforschung smarter Produktionssysteme und deren Komponenten setzt die TU Graz auf unterschiedliche Ansätze, die sie disziplinenübergreifend beforscht. Ein wesentlicher Teil der Produktionsforschung, die auch in den Complexity Science Hub eingebracht wird, passiert in der neuen Forschungs- und Lehrfabrik smartfactory@tugraz, die soeben an der TU Graz entsteht. Hier wird ab 2017 die Flexibilitätssteigerung integrierter industrietypischer Wertschöpfungsketten durch den Einsatz modernster Informationstechnologien erforscht. Smartfactory@tugraz wird die zentrale Infrastruktureinrichtung der TU Graz in Forschung und Lehre sowie für Partnerunternehmen der Industrie zur Erforschung komplexer Produktionssysteme sein.

  • Auch in der Erforschung der Verlässlichkeit smarter Systeme ist die TU Graz federführend. Eine multidisziplinäre Forschungsgruppe widmet sich im ersten Leadprojekt der TU Graz der "Verlässlichkeit im Internet der Dinge" und legt dabei einen zentralen Schwerpunkt auf die smarten Komponenten von Produktionsketten und die Gewährleistung von deren Sicherheit und Verlässlichkeit. Das wissenschaftliche Ziel dieses Forschungsprojektes ist die Entwicklung von Konzepten, Methoden und Werkzeugen für den systematischen Entwurf eines Internets der Dinge, das auch unter den schwierigsten Bedingungen absolut zuverlässig arbeitet.

  • Produkte und Produktionssysteme mit menschenähnlichen, kognitiven Fähigkeiten wie Wahrnehmen, Verstehen, Interpretieren, Lernen, Schlussfolgern und dementsprechendem Handeln auszustatten ist ein weiterer Forschungsschwerpunkt der TU Graz sowie der Kernbereich des neuen Pro2Future Kompetenzzentrums mit TU Graz-Beteiligung. Eine nächste Generation von industriellen Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT), kognitiven Produkten und Industriesystemen - Stichwort Smart Production - zu schaffen, ist hier das Ziel.

  • Erfolgsbestimmende Komponente smarter Produktionssysteme ist auch der Umgang mit Big Data. Erfahrene Data Scientists können aus gesammelten Daten entscheidende Wettbewerbsvorteile für die Industrie generieren. Mit einer neu geschaffenen FFG-Stiftungsprofessur an der TU Graz gemeinsam mit dem Know-Center und Industriepartnern wird die große Relevanz von Data Science für die Industrie und die smarte Produktion untermauert. Zu allen genannten Forschungsansätzen bringt sich die TU Graz nicht nur thematisch in den Complexity Science Hub ein, sondern auch personell über eine Laufbahnstelle und eine PhD-Stelle, die beide am Hub in Wien besetzt werden und die Vernetzung mit der TU Graz und den CSH- Partnern gewährleisten.

  • Die Zusammenschau all dieser Forschungsschwerpunkte im Kontext smarter Produktionssysteme an der TU Graz ist so an keiner anderen österreichischen Universität sichtbar und macht die Komplexität und Interdisziplinarität des Themas evident. Die beschriebenen Kompetenzfelder legen die Notwendigkeit nahe, sich des Themas aus Sicht der Komplexitätsforschung mit dem Ziel zu nähern, all die Aspekte der Produktionsforschung noch besser und nachhaltiger zu vernetzen. Dieser einmalige Ansatz der Interpretation, Entwicklung und Vernetzung komplexer Systeme macht den Complexity Science Hub schon jetzt zu dem europäischen Zentrum für Komplexitätsforschung. Die TU Graz ist stolz, einen essenziellen Beitrag zu leisten.

  • Die Produktionsforschung an der TU Graz ist im Field of Expertise "Mobility & Production", einem von fünf Forschungsschwerpunkten der TU Graz, angesiedelt. Das Leadprojekt "Verlässlichkeit im Internet der Dinge" ist im Field of Expertise "Information, Communication and Computing" verankert.

Zur Person

Horst Bischof, Vizerektor für Forschung der TU Graz

Geboren 1967 in der Schweiz und aufgewachsen in der Obersteiermark studierte Horst Bischof Informatik an der TU Wien und war anschließend als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der BOKU Wien tätig. Als Universitätsassistent kehrte er an die TU Wien zurück, wo er 1993 promovierte und sich 1995 habilitierte. An der TU Graz war er zunächst als Gastprofessor am Institut für Maschinelles Sehen und Darstellen tätig, bevor er 2004 zum Universitätsprofessor für Computer Vision berufen wurde. Seit 2011 ist Horst Bischof Vizerektor für Forschung an der TU Graz. Er veröffentlichte mehr als 630 wissenschaftliche Arbeiten und erhielt 20 nationale und internationale Preise für seine Publikationen.

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