Gastkommentar

Gudrun Feucht © Matthias Penz/IV
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Dossier

"Hochschulen zukunftsorientiert weiterentwickeln"

Gastkommentar

22.08.2017
  • Wien (Gastkommentar) - Bildung, Innovation und Forschung spielen für Gesellschaft und Wirtschaft eine Schlüsselrolle. Bildung schafft die Voraussetzungen für eine erfolgreiche individuelle, gesellschaftliche und wirtschaftliche Zukunft sowie für Forschung und Innovation. Für einen international wettbewerbsfähigen Wirtschafts- und Forschungsstandort wird die Qualität der Hochschulbildung und der Hochschuleinrichtungen auch künftig zum wesentlichen Faktor im internationalen Wettbewerb um Studierende, Lehrende, Forschende und hochqualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Wirtschaft und Industrie.

  • Rekrutierungsprobleme der Industrie

  • Vor dem Hintergrund der voranschreitenden Digitalisierung (Industrie 4.0) stellt aus Sicht der Industrie die Sicherung des MINT- und Innovationsnachwuchses eine Schicksalsfrage für den österreichischen Wirtschaftsstandort, insbesondere für die innovative Industrie, dar.

  • Gemäß einer IV-Mitgliederumfrage haben noch immer acht von zehn Industrieunternehmen Rekrutierungsprobleme in Zukunftsbereichen wie Technik, Produktion oder Forschung und Entwicklung (F&E). Mehr als die Hälfte der Unternehmen plant, hier verstärkt Graduierte aufzunehmen. Die Top-Studienrichtungen der Industrie sind vorwiegend Technikdisziplinen: Maschinenbau, Wirtschaftsingenieurwesen, Elektrotechnik/Elektronik, Betriebswirtschaft/Wirtschaftswissenschaften, Verfahrenstechnik, Mechatronik/Telematik/Nachrichtentechnik sowie natürlich Informatik/Wirtschaftsinformatik. Darüber hinaus wird Industrie 4.0 in den nächsten fünf Jahren zu einer Beschäftigungsausweitung in den technischen Ausbildungs-/Berufsfeldern führen sowie erhöhte Kompetenzanforderungen für Beschäftigte nach sich ziehen. Die Digitalisierung der Wirtschaft wird somit zu einer weiteren Zuspitzung der Rekrutierungssituation aus Sicht der heimischen Industrieunternehmen führen.

  • Um den künftigen Anforderungen des Arbeitsmarkts besser gerecht zu werden ist daher eine qualitative und quantitative Weiterentwicklung des gesamten tertiären Sektors essenziell. Dies sollte aus Perspektive der österreichischen Industrie mit nachstehenden Zielsetzungen verbunden sein:

  • - Gesamthafte Hochschulentwicklung weiter vorantreiben und Dialog zwischen Wissenschaft und Wirtschaft verstärken

  • Eine langjährige Forderung der Industrie nach einer Gesamtstrategie für den Österreichischen Hochschulraum wurde nun erfreulicherweise in Angriff genommen. Aus Sicht der IV ist generell eine verstärkte und verbesserte Abstimmung der Studienangebote und Forschungsschwerpunkte an und unter den Hochschulen (Universitäten und Fachhochschulen) sowie eine Profilbildung der hochschulischen Einrichtungen in Hinblick auf die internationale Sichtbarkeit des Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort Österreich zentral. Nun ist essenziell, dass die im Rahmen des Prozesses "Zukunft Hochschule" erarbeiteten Erkenntnisse und Konzepte zu einer verbindlichen Gesamtstrategie zusammengeführt werden. Diese soll in weiterer Folge auch Eingang in die künftigen Leistungsvereinbarungen mit den Universitäten sowie dem künftigen FH-Finanzierungs- und Entwicklungsplan finden. Diese Planungen fortzuführen wird insbesondere Aufgabe einer künftigen Bundesregierung sein.

  • Zudem sollte in Zukunft noch stärker darauf fokussiert werden, dass dem Arbeitsmarkt die "richtigen", d.h. die seitens von Wirtschaft und Industrie tatsächlich gefragten Qualifikationen der Absolventinnen und Absolventen zur Verfügung stehen. Und dies insbesondere im Interesse der Graduierten selbst, die dann besser auf die Jobangebote der Unternehmen vorbereitet sind. Dazu wird es auch einen verstärkten Austausch und Dialog zwischen Industrie und dem Hochschul- bzw. Bildungssystem brauchen, insbesondere um eine regelmäßige Abstimmung des Studienangebots auf die konkreten bzw. zu erwartenden Bedarfe der Unternehmen zu ermöglichen.

  • - Optimale finanzielle und strukturelle Rahmenbedingungen für Universitäten im internationalen Wettbewerb schaffen und Studienbedingungen verbessern

  • Um eine nachhaltige Finanzierung des österreichischen Hochschulsystems zu erreichen, braucht es eine breite Finanzierungsbasis für öffentliche Universitäten: Dies umfasst die Erhöhung der Grundfinanzierung durch öffentliche Mittel, verbunden mit einer verstärkten Vergabe anhand von Wettbewerbskriterien, eine langfristige Steigerung des privaten Finanzierungsanteils (Drittmitteleinwerbungen, Wiedereinführung von Studienbeiträgen inkl. innovatives Stipendienmodell) sowie Effizienzsteigerung und das Nutzen von Synergien seitens der Universitäten. An erster Stelle auf der hochschulpolitischen Agenda sollte künftig die Umsetzung einer echten, kapazitätsorientierten Studienplatzfinanzierung stehen, die sich am tatsächlichen und zu erwartenden Bedarf von Wirtschaft und Gesellschaft orientiert. Damit verbunden sollte auch eine optimalere Regelung des Hochschulzugangs in Österreich Ziel sein. Um Studienbedingungen inkl. Betreuungsrelationen zu verbessern, Drop-Outs zu vermeiden, und schlussendlich die Anzahl der Graduierten langfristig zu steigern, ist daher ein ressourcenbasiertes umfassendes Zugangsmanagement unumgänglich.

  • - Fachhochschulsektor qualitativ und quantitativ weiterentwickeln

  • Ein weiterer strategischer und bedarfsorientierter Ausbau des Fachhochschulsektors, insbesondere im MINT-Bereich steht weiterhin ganz oben auf dem hochschulpolitischen Forderungskatalog der Industrie. Dies würde nicht nur die hohe Nachfrage der Industrie nach FH-AbsolventInnen befriedigen, sondern hätte auch großes Potenzial den Universitätssektor zu entlasten und damit eine Differenzierung der österreichischen Hochschullandschaft voranzutreiben. Schließlich ist aus Sicht der IV eine verstärkte Kooperation zwischen Hochschulen und Unternehmen zukunftsweisend: Durch gemeinsame innovative Ausbildungsprogramme, wie z.B. duale FH-Studiengänge kann eine stärkere Verzahnung von akademischer und beruflicher Bildung erreicht werden - mit dem positiven Nebeneffekt von verbesserter Durchlässigkeit und erleichterter Kompetenzanerkennung.

Zur Person

Gudrun Feucht, Industriellenvereinigung

Jahrgang 1975. Seit 2013 Expertin für Hochschulbildung, Bereich Bildung und Gesellschaft, in der Industriellenvereinigung (IV). Diplomstudium der Rechtswissenschaften an der Universität Wien, Master-Studium "European Studies" am University College Dublin, Irland. Ihre beruflichen Stationen umfassen Projektmanagement- und Leitungsfunktionen im Hochschulmanagement an der Wirtschaftsuniversität Wien, der FHWien der WKW und im Europäischen Parlament, Brüssel. Aktuelle Arbeitsschwerpunkte: Fachhochschul- und Universitätspolitik, PädagogInnenbildung, Hochschul-Qualitätsmanagement.

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