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Budka forscht zur Siedlungsstruktur in Ägypten und Obernubien im 2. Jahrtausend v. Chr. © ÖAW
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Julia Budka: "Niemand sitzt mehr im Elfenbeinturm"

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24.01.2013
  • Wien (APA-Science) - Für die 35-jährige Wiener Ägyptologin Julia Budka war 2012 ein bewegtes Jahr: Im Juni erhielt sie einen der sieben START-Preise. Im Juli folgte dann der mit 1,49 Mio. Euro dotierte "Starting Grant" des Europäischen Forschungsrats (ERC). Mit dem durch die ERC-Förderung für fünf Jahre finanzierten fachübergreifenden Projekt über die Siedlungsstruktur in Ägypten und dem südlich angrenzenden Obernubien im 2. Jahrtausend vor Christus kehrte die Wissenschafterin im Herbst von der Humboldt-Universität Berlin nach Wien zurück. Die Mittel ermöglichen es der Wissenschafterin nun, ihre Forschungsarbeit in den kommenden fünf Jahren "nahezu sorgenfrei" fortzuführen und eine eigene Arbeitsgruppe aufzubauen, wie sie gegenüber APA-Science erklärte.

  • Budka erhielt bereits im April 1998 ein Leistungsstipendium der Geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien, im Studienjahr 2001/2002 kam dann das Forschungsstipendium auf dem Gebiet der Archäologie und Altertumswissenschaften des Bundesministeriums für Wissenschaft, Kunst und Kultur dazu. 2003 folgte ein Stipendium im Rahmen des Promotionsförderungsprogrammes der Akademie der Wissenschaften (ÖAW), das sie vorzeitig abbrach, da sie eine Anstellung in Berlin antrat. Grabungen führten sie neben Österreich unter anderem auch nach Ägypten, die Türkei und den Sudan.

  • APA-Science: Was hat sich durch die Auszeichnung(en)/Grant(s) für Sie persönlich verändert bzw. welche(r) davon war am bedeutsamsten?

  • Julia Budka: Sowohl der START-Preis als auch der ERC Starting Grant bedeuten sehr viel für mich – sie sind nicht nur Auszeichnung und Würdigung meiner eigenen wissenschaftlichen Leistung, sondern auch aufgrund der hohen Dotierung und des hohen Stellenwertes beider Preise geeignet, mein Fach Ägyptologie ganz wesentlich zu stärken. Für mich persönlich bietet er die Chance, eine Projektidee, die auf Kenntnissen aufbaut, die ich mir seit 2000 durch Forschung an verschiedenen archäologischen Fundstätten erworben habe, real umzusetzen - und dies mit den notwendigen Mitteln für den Aufbau einer effizienten Arbeitsgruppe und für ein nahezu sorgenfreies Forschen in den nächsten Jahren. Ich bin mir bewusst, dass derartig konzentriertes Forschen in einem solchen Umfang eine Seltenheit ist und entsprechend würdige ich diese tolle Gelegenheit als etwas wirklich Besonderes. Dass ich bereits beim ersten Versuch beide Preise bekommen habe, hat natürlich zur öffentlichen Aufmerksamkeit beigetragen, wie auch die Tatsache, dass ich aus einem kleinen "Orchideenfach" der Geisteswissenschaften komme - und eine Frau bin.

  • Der Zeitpunkt des Preises hätte für mich persönlich nicht besser sein können - ich stand gerade an einem kritischem Punkt meiner Karriere. Aufgrund der Befristungsregelung in Deutschland wäre im Februar 2013 meine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Humboldt-Universität zu Berlin ausgelaufen - keine deutsche Uni hätte mich mehr befristet anstellen können, Professuren sind natürlich rar, in Österreich sind generell keine Stellen vorhanden. So war ich also sehr mittelfristig mit der Arbeitslosigkeit konfrontiert. Deshalb ändert sich jetzt natürlich alles, ich kann mich voll und ohne Existenzängste auf meine Forschungen zu konzentrieren, meine Selbständigkeit als Leiterin einer Arbeitsgruppe auszubauen. Zudem war es mein persönlicher Wunsch, wieder in meine Heimat Wien zurückzukehren - meine Familie ist hier und generell hatte ich das heimatliche Flair vermisst. Einziger Wermutstropfen ist noch, dass meine Beziehung nun eine Fernbeziehung zwischen Wien und Berlin ist - hier müssen wir erst nach einer Lösung suchen bzw. weitere Entwicklungen abwarten.

  • Neben den persönlichen Pluspunkten empfinde ich es wirklich als Luxus, nach nun mehr als 8 Jahren als Universitätsangestellte zum ersten Mal konzentriert an nur einem Thema arbeiten zu können, nicht unterrichten zu müssen und meine volle Kraft ins Projekt legen zu können.

  • APA-Science: Braucht man in der Wissenschaft heute Auszeichnungen, um voran zu kommen?

  • Budka: Eine sehr gute Frage – ich denke, die Modelle wie START-Preis und ERC sind exzellente Mittel um wirklich das zu ermöglichen, was sie versprechen – eine frühe Selbständigkeit von Jungforschern und volle Konzentration aufs Forschen. Wir müssen sonst in der Regel von Job zu Job, von Projekt zu Projekt springen, die Belastung ist in der Regel groß – und selber Mittel einwerben kann man meist selten und nur bei einem extrem anständigen Chef wie ich in beispielsweise in Berlin hatte. Wenn aber mal das Ende einer befristeten Anstellung in Sicht ist, dann wird es auf normalen Wege meist eng. Die Finanzierung der "eigenen Stelle" zu beantragen ist zumindest in Deutschland wenig gerne gesehen - ich habe hier schon negative Erfahrungen machen müssen. Ich denke also, Auszeichnungen ermöglichen sowohl menschlich, als auch wissenschaftlich großes Vorankommen und es ist wichtig, dass sie für Nachwuchswissenschaftler bzw. in der frühen Post-doc-Phase zur Verfügung stehen. Insgesamt sollten Preise und Auszeichnungen aber natürlich nicht darüber hinweg täuschen, dass wir generell über längerfristige Möglichkeiten und Strukturveränderungen nachdenken müssen, um qualifizierte Leute in der Wissenschaft zu halten – und ihnen gleichzeitig ein gewisses Maß an Lebensqualität zu geben - Stichwort: befristete Verträge, ständiger Wohnortwechsel, etc.

  • APA-Science: Welche Preise und Förderungen sind gut, welche weniger, welche müssten erst erfunden werden?

  • Budka: Naheliegenderweise bin ich ein großer Fan von START und ERC - bei letzterem sowohl von Starting- als auch Advanced Grant. Siehe auch meine vorangegangene Antwort. Weniger gute kann ich nicht wirklich benennen. Weniger prestigeträchtig und auch weniger sinnvoll sind sicher solche, die ohne unabhängige Jurys und ohne Reviewing vergeben werden. Neu zu erfinden - hier bin ich auf die Schnelle einfach überfragt. Eine österreichische Variante des Emmy Noether-Programms der DFG (Anm.: Deutsche Forschungsgemeinschaft) wäre sicher nicht verkehrt; auch die Volkswagenstiftung hat tolle Stipendienprogramme, die sehr hoch dotiert sind.

  • APA-Science: Anton Zeilinger sagte kürzlich sinngemäß, dass man die Mittel für hoch dotierte Preise wie etwa den Wittgensteinpreis genauso gut Jungforschern zur Verfügung stellen könnte. Wie bewerten Sie diese Einschätzung?

  • Budka: Ich denke, das kann man nicht pauschal sagen und bewerten - was allerdings sicher richtig ist, ist die Existenz des in der Umgangssprache unter START-Preisträger(innen) schon bekannten "START-Lochs" - 6 Jahre tolle Finanzierung sind super, aber was kommt danach? Hier könnte man sicher anknüpfen. Österreich macht noch immer zu wenig für seine exzellenten Jungwissenschaftler, viele wandern wieder ins Ausland ab oder müssen insgesamt umdisponieren; ein START-Preis ist in Österreich sicher keine endgültige Absicherung - muss es ja auch nicht sein - hier kommt es neben der Qualifikation in einem so kleinen Land mit wenigen Unis auch auf Glück, Timing und mehr an. Dass mit dem START-Preis ausgezeichnete Personen allerdings am Ende ihrer Förderzeit wieder am Anfang stehen, müsste doch vermieden werden. Also würde ich generell schon zustimmen - mehr Geld für Jungforscher wäre sicher nicht verkehrt - also eventuell den Wittgensteinpreis nicht mehr jährlich, sondern im 2- oder 3-Jahres-Turnus verleihen?

  • APA-Science: Wie schätzen Sie den Stellenwert der Öffentlichkeit und von Öffentlichkeitsarbeit für die Wissenschaft und die Person des Wissenschafters selbst ein?

  • Budka: Wenn ich mich selbst als Beispiel nehmen darf - ich werde nun von öffentlichen Geldern gefördert, und das nicht zu knapp - so ist es selbstverständlich, dass ich auch von hier aus dem Sudan Interviewanfragen bearbeite (Anm.: Budka befand sich zum Zeitpunkt der E-Mail-Anfrage dort), über einen Blog/Homepage allgemeine Infos zur Verfügung stelle, ständig erreichbar bin etc. - dies alles hat für mich einen hohen Stellenwert und gehört einfach dazu. Besonders Geisteswissenschaften können davon profitieren, wenn wir der Gesellschaft klarer vermitteln, was wir machen, warum und weshalb dafür Gelder nötig sind, welcher Mehrwert sich ergibt, etc. Niemand von uns Wissenschaftlern sitzt mehr in einem Elfenbeinturm, wir alle sollten möglichst transparent kommunizieren und hier auf unterschiedlichen Ebenen.

  • Ich persönlich freue mich über die Aufmerksamkeit, die ich momentan bekomme - auch und besonders, weil ich hoffe, dadurch mein Fach und mein Spezialgebiet bekannter machen zu können. Und weil ich weiß, dass dies alles nur kurzfristig der Fall ist; ich die Chance also auch wirklich nützen sollte!

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