Gastkommentar

Birte Fähnrich © Privat
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Dossier

"(K)eine bessere Demokratie durch digitale Medien?"

Gastkommentar

21.12.2017
  • Wien (Gastkommentar) - Mit der Frage nach der Rolle der Medien für die Demokratie sind implizit zwei Annahmen verknüpft: Einerseits geht man davon aus, dass diese Rolle bedeutsam ist - eine Annahme, die sozialwissenschaftlich bestätigt ist und sich auch in prominenten Zeitdiagnosen wie dem Bild der Mediendemokratie findet. Andererseits verführt die Frage zu der Annahme einer Veränderung des medialen Einflusses auf demokratischen Prozesse im Zusammenhang mit der Entwicklung der digitalen Medien. Doch lassen sich diese Veränderungen bestätigen und welche Folgen bringen diese mit sich? Lassen Sie uns zur Beantwortung dieser Fragen mit einer kleinen Zeitreise beginnen:

  • 1980 - Josef A., Abteilungsleiter im städtischen Elektrizitätswerk beginnt seine Tage mit einem Kaffee und einer gründlichen Lektüre von Standard und Presse. Nach der ZIB 2 geht er zu Bett. Als interessierter Bürger verfolgt er die politischen Debatten und bespricht mit seinen Kollegen und Kolleginnen am Mittagstisch die Ärgernisse über "die da oben".

  • 2017 - Pia M., Mathematiklehrerin am Gymnasium, beginnt ihre Tage mit einem Blick auf Facebook. Dort findet sie gut, dass sie über geteilte Inhalte und Likes von Freunden auf wichtige Dinge aufmerksam gemacht wird. Wenn sie Dinge interessieren, googelt sie und kann sich so schnell informieren. Sie hat den letzten Wahlkampf vor den Nationalratswahlen verfolgt. Über Fake News und Social Bots macht sie sich kaum Gedanken. Erst kürzlich hat sie sich an einer Online-Petition beteiligt.

  • So exemplarisch diese Szenarien sind, können sie uns doch zeigen, dass digitale Medien das gesellschaftliche Leben und demokratische Prozesse verändert haben. Diese Veränderungen betreffen in erster Linie das, was wir gemeinhin als Öffentlichkeit beschreiben. Denn auch wenn das Konzept der Demokratie in der Politikwissenschaft durchaus unterschiedlich beschrieben wird, steht außer Frage, dass die "Herrschaft des Volkes" nur möglich ist, wenn sich dieses über politisches Geschehen informieren, eigene Standpunkte einbringen oder sogar selbst politisch aktiv werden kann. Zentrale Voraussetzung ist dabei eine Arena - die Öffentlichkeit -, die allen gesellschaftlichen Akteuren Information, Diskursteilhabe und Partizipation potenziell ermöglicht.

  • Für Josef A., im Jahr 1980, stellten vor allem Standard, Presse und ORF diese Öffentlichkeit dar - also die etablierten journalistischen Massenmedien, die vor dem Aufkommen des Internets der zentrale Marktplatz der Informationen waren. Seine Informationsmöglichkeiten beschränkten sich weitgehend auf den "Konsum" von Informationen, die von JournalistInnen auf Basis von Nachrichtenfaktoren bereitgestellt wurden. Wollte er sich dazu äußern, musste er einen Leserbrief schreiben, der wiederum einer redaktionellen Prüfung standhalten musste.

  • Mit dem Aufkommen der digitalen Medien hat sich dies grundlegend verändert. Die Entwicklungen wurden dabei in den Anfangsjahren des Internets teils euphorisch aufgenommen. Befürworter knüpften ihre Erwartungen an die umfassenderen Möglichkeiten der politischen Meinungsbildung durch die Pluralisierung des Medienangebots, die eine selbstbestimmtere Selektion von Informationen, vereinfachte Möglichkeiten der Teilhabe am öffentlichen Diskurs und zugleich eine stärkere öffentliche Sichtbarkeit von Minderheiten ermöglichte, die zuvor weitgehend vom öffentlichen Diskurs ausgeschlossen waren. Heute hat Pia M. fast grenzenlose Informationsmöglichkeiten und kann ihre Interessen, Meinungen und Einstellungen mit wenigen Klicks in der Welt verbreiten. Kommunikationen auf Facebook, Twitter und Co. haben dabei durchaus auch das Potenzial, öffentliche Debatten anzustoßen. Ein prominentes Beispiel dafür war die #aufschrei-Debatte rund um das Thema sexueller Diskriminierung, die mit einem Tweet einer Journalistin begann und es in kürzester Zeit in die Talkshows schaffte. Partizipationsmöglichkeiten wie die Online-Petition haben sich als direktdemokratische Instrumente mittlerweile zum Standard entwickelt. Sind wir also mit und dank der digitalen Medien in einem neuen demokratischen Zeitalter angekommen? Empirische kommunikationswissenschaftliche Studien lieferten bislang keine eindeutigen Anhaltspunkte dafür, dass durch das Internet eine "bessere" Öffentlichkeit entstanden sei.

  • Vielmehr haben Medien- und Öffentlichkeitswandel auch neue Herausforderungen produziert. Zentral wird dabei die Fragmentierung der Öffentlichkeit gesehen, die sich zunehmend von einer Arena zu einem Netzwerk vielfältiger nebeneinander bestehender kleiner Mikro-Öffentlichkeiten wandelt. Wenn Pia M. sich in ihren sozialen Medien über aktuelle Geschehnisse informiert, erhält sie möglicherweise sehr andere Informationen als der mittlerweile pensionierte Josef A. Die kommunikationswissenschaftliche Forschung nimmt an, dass sich die Menschen zunehmend in sog. Filter-Blasen bewegen, in denen sie maßgeblich Dinge erfahren, die in ihr Interessen-, Meinungs- und Weltbild passen. Die Themen, über die sie nachdenken, stammen immer seltener von professionellen Journalisten und Journalistinnen, sondern werden (zumindest teilweise) von Algorithmen und den dahinterliegenden strategischen Interessen mächtiger gesellschaftlicher Akteure wie Facebook oder Google mitbestimmt. Die aktuellen Pläne der US-Regierung zu einer Lockerung der sog. Netzneutralität, die bestimmten Inhalten Vorrang im Netz geben könnte, verschärfen diese Probleme. Auch die gesellschaftlichen Meinungsführer wie JournalistInnen oder Intellektuelle sind von diesen Veränderungen öffentlicher Kommunikation betroffen, etwa wenn sie für ihre Recherchen auf die digitalen Medien setzen.

  • Aus demokratietheoretischer Perspektive ist das dann problematisch, wenn die noch verbleibenden gesamtgesellschaftlichen Foren der Massenmedien - und damit auch der Journalismus als 4. Gewalt der Demokratie - an Relevanz verlieren. In den USA ist dieser Trend schon vorangeschritten. Viele Bürger informieren sich dort ausschließlich über soziale Medien während die etablierten journalistischen Medien nur noch von einer kleinen Elite rezipiert werden. Das gibt Politikern neue Kommunikationskanäle und Einflussmöglichkeiten - etwas, das sowohl für Barack Obama als auch für Donald Trump gilt, die in ihren Wahlkämpfen gleichermaßen massiv auf Social Media gesetzt haben. Problematisch ist dabei seit einiger Zeit der Einsatz von Social Bots, d.h. automatisierten Nachrichten in sozialen Netzwerken, und das zielgerichtete Verbreiten von Fake News, die zwar bisher kaum in Österreich, aber sehr wohl in den USA genutzt und auch in Deutschland massiv diskutiert wurden. Diese Instrumentalisierung digitaler Medien für Propagandazwecke macht die normativen Herausforderungen deutlich, die hier für die Demokratie entstanden sind, nicht zuletzt, weil das Potenzial des Internets auch von nicht-demokratischen Akteuren genutzt wird, Kontrollen und Regulierungen aber politisch und technisch komplex sind.

  • Fest steht: Medien sind für das Funktionieren unserer Demokratie unerlässlich. Fest steht weiterhin: Die Entwicklung der digitalen Medien wird weiter voranschreiten und neue Möglichkeiten, aber auch Risiken für die Demokratie mit sich bringen. Die immer wieder geforderte politische Regulierung ist zweifelsohne wichtig, kann aber den Entwicklungen der digitalen Welt vermutlich nur hinterherlaufen. Zu schnell sind die Prozesse im Netz, zu schwerfällig Gesetzgebung und Administration. Gefragt sind daher v.a. Wachsamkeit, Sensibilisierung und die gezielte Entwicklung von Medienkompetenz, die zukünftig in der politischen Bildung nicht mehr fehlen sollte.

Zur Person

Birte Fähnrich, Kommunikationswissenschafterin an der Zeppelin Universität Friedrichshafen

Dr. rer. pol. Birte Fähnrich ist Postdoctoral Researcher am Zentrum für Politische Kommunikation der Zeppelin Universität Friedrichshafen in Deutschland und assoziiert im internationalen und interuniversitären Netzwerk Politische Kommunikation netPOL, das von der Niederösterreichischen Forschungs- und Bildungsgesellschaft getragen wird. Sie ist Sprecherin der Fachgruppe Wissenschaftskommunikation der Deutschen Gesellschaft für Publizistik und Kommunikationswissenschaft (DGPuK) und Mitglied im Committee des internationalen Netzwerks Public Communication of Science and Technology (PCST). Zuvor hatte sie die Gastprofessur Organisationskommunikation an der Universität Greifswald inne und hat als Visiting Scholar an Universitäten in Schweden und Kanada geforscht. Als studierte und promovierte Kommunikationswissenschafterin arbeitet Birte Fähnrich zu Fragen der strategischen Kommunikation an der Schnittstelle zwischen Politik, Wissenschaft und Gesellschaft. Sie ist Mitherausgeberin von Bänden zu Wissenschafts- und Hochschulkommunikation sowie zu europäischen Perspektiven auf die Flüchtlingskrise und hat in zahlreichen wissenschaftlichen Zeitschriften und Sammelbänden publiziert.

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"(K)eine bessere Demokratie durch digitale Medien?"
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