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Kautzky-Willer hat den "Schub" mitgenommen © APA (Neubauer)
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Kautzky-Willer: "Ohne gesetzliche Vorgaben wäre nichts passiert"

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28.09.2017
  • Von Mario Wasserfaller / APA-Science

  • Wien (APA-Science) - Als Österreichs erste Professorin für Gendermedizin an der Medizinischen Universität Wien und Wissenschafterin des Jahres 2016 hat sich Andrea Kautzky-Willer prominent in der Spitzenforschung etabliert. Die gestiegene Aufmerksamkeit nützt die Vorsitzende des Arbeitskreises für Gleichstellungsfragen an der MedUni vermehrt, um auf weiterhin bestehende Diskrepanzen zwischen Männern und Frauen im Wissenschaftsbetrieb hinzuweisen.

  • Nach der Auszeichnung als Wissenschafterin des Jahres Anfang Jänner ist auf die Gendermedizinerin eine gleichermaßen aufregende wie anstrengende Zeit hereingebrochen. Anfragen für Interviews und Fernsehauftritte in der ZiB 1 und 2 wechselten sich mit Vorträgen und sonstigen Einladungen ab, und das über mehrere Monate - in abgeschwächter Form bis heute. "Das erste Vierteljahr war schon sehr heftig. Ich habe es aber als wichtig gefunden, diesen Schub mitzunehmen, nicht aus Eitelkeit, sondern einfach für die Inhalte die mir wichtig sind: Gendermedizin, Diabetes und Adipositas", sagte Kautzky-Willer im Gespräch mit APA-Science.

  • Die Forschungsschwerpunkte der Wissenschafterin sind neben Diabetes mellitus Typ 2 und Schwangerschaftsdiabetes etwa die Untersuchung von Genderaspekten bei Übergewicht, Fettleibigkeit und Fettgewebshormonen, Entzündungen und Gefäßerkrankungen. Die medizinisch relevanten Unterschiede zwischen den Geschlechtern finden zwar in der Forschung immer stärkere Beachtung, im niedergelassenen Bereich sei das Thema dafür aber noch zu wenig angekommen, so Kautzky-Willer.

  • Von "Null auf Hundert" ist das Interesse an Gendermedizin freilich nicht gesprungen, die Professur an der Medizinischen Universität Wien hat Kautzky-Willer bereits seit 2010 inne. Die Anfragen für den von ihr betreuten postgradualen Uni-Lehrgang für Gendermedizin sind jedenfalls kontinuierlich gestiegen. Zwar betrage das Geschlechterverhältnis Männer zu Frauen dabei immer noch eins zu vier, insgesamt würden sich aber in Lehre und Forschung zunehmend auch Männer mit dem Thema beschäftigen. Diese hätten erkannt, dass das ein spannender Bereich ist, der nicht nur "irgendetwas Feministisches" ist, sondern bei dem es um Biologie und personalisierte Medizin geht.

  • Gleichstellung noch ausbaufähig

  • Immer noch ausbaufähig ist die Gleichstellung von Frauen an Universitäten, wie auch eine jüngst präsentierte Studie gezeigt hat. Zwar hat sich seit 2000 der Frauenanteil an Professorenstellen in Österreich von sechs auf 22 Prozent erhöht und mittlerweile werden auch einige heimische Unis von Frauen geführt, weiterhin sind aber hauptsächlich Frauen von prekären Karriereverhältnissen betroffen, heißt es dabei im Kern. "Prinzipiell sind die Unis da schon noch sehr unterschiedlich", relativiert Kautzky-Willer, die sich regelmäßig bei Netzwerktreffen der ARGE GLUNA (Arbeitsgemeinschaft für Gleichbehandlung und Gleichstellung an Österreichs Universitäten) mit anderen Arbeitskreisvorsitzenden austauscht, die Ergebnisse der an vier Unis durchgeführten Studie.

  • Noch einmal anders - und daher auch nur bedingt mit anderen Unis vergleichbar - sei der Fall der Medizinischen Universitäten gelagert, weil hier auch der klinische Bereich dazugehört, so Kautzky-Willer. Tendenziell sei es nach wie vor so, dass die kleineren, theoretischen Fächer eher mit Frauen und die großen, klinischen Fächer mehr mit Männern besetzt würden. In letzter Zeit seien aber zunehmend wichtigere Professuren an Frauen vergeben worden. Bei der Besetzung von Kommissionen werde jedenfalls darauf geachtet, dass die 50-Prozent-Frauenquote eingehalten wird, bei der jüngsten Vergabe von Laufbahnstellen an der MedUni Wien seien 40 Prozent Frauen zum Zug gekommen.

  • "Das Problem ist, dass sehr viele Frauen über Drittmittel beschäftigt werden, als wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und dann irgendwo versandeln. Die Leaky Pipeline ist nach wie vor da. Je höher die Karriereleiter, desto weniger Frauen", erklärte die Professorin. Gründe dafür gebe es viele, zum Teil liege es auch daran, dass Frauen oft eher eine Teilzeitbeschäftigung anstreben oder Kinder haben wollen, weil ihnen das wichtiger sei. Solche Entscheidungen müsse man selbstverständlich respektieren, das karrieretechnische "aber" folgt auf dem Fuß: "Das haut einen einfach zurück. Jemand der Teilzeit arbeitet, kann ja nicht das Gleiche erbringen."

  • Bei Publikationen unterrepräsentiert

  • Während durch die an den Unis vorgeschriebenen Frauenförderungs- und Gleichstellungsplänen durchaus sichtbare Verbesserungen erzielt werden, würden Frauen im Wissenschaftsbetrieb oft noch immer unter ihrem Wert geschlagen. Die für wissenschaftliche Karrieren so wichtigen Publikationen in hochrangigen Journalen und die damit verbundenen Impaktfaktoren würden zu wenig die tatsächlichen Leistungen dahinter widerspiegeln: "Viele Frauen machen ja die Laborarbeit, die eigentliche Arbeit in der Wissenschaft." Bei den maßgeblichen Autorenangaben - erster, letzter und korrespondierender Autor - seien Frauen demnach unterrepräsentiert. "Das sind die drei Stellen, die auch für die Uni zählen und die Punkte und Renommee bringen", hebt Kautzky-Willer hervor.

  • In der Forschung sind gemischte Teams erfolgreicher, ist die Medizinerin überzeugt: "Es geht natürlich immer ums Individuum, aber es sind schon unterschiedliche Perspektiven und Frauen haben eher den Blick aufs Team." Oft sei es so, dass Frauen in Forschungsteams zu wenig auf sich selbst achten würden und darauf warten, gelobt zu werden. "Deshalb achten wir darauf, das Selbstbewusstsein zu stärken und dass die Leistung auch sichtbar wird."

  • Die Richtung stimmt grundsätzlich, meint Kautzky-Willer, betont jedoch gleichzeitig die Wichtigkeit von klaren Regelwerken: "Ohne gesetzliche Vorgaben wäre gar nichts passiert, da bin ich mir sicher. Nicht nur bei uns, sondern generell. Transparenz und jährliche Berichte sind notwendig, allein schon dafür, dass Gleichstellungsmaßnahmen als normal empfunden werden."

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