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"Studierende sind mobil, sozial, smart und mediengetrieben" © APA (AFP)
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Kleine Schritte zur digitalen Hochschule

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22.08.2017
  • Von Stefan Thaler / APA-Science

  • Wien/Graz (APA-Science) - Seit der Jahrtausendwende gibt es große Anstrengungen, die Hochschulen auf einen digitalen Kurs zu bringen. Blended-, Game Based- und Online-Learning wurden forciert, viele administrative Prozesse virtualisiert. Wie weit man in Österreich auf diesem Weg ist, wo es noch Stolpersteine gibt und warum man nicht jeden Blödsinn mitmachen muss, erklärte Martin Ebner, Leiter der Abteilung Lehr- und Lerntechnologien an der Technischen Universität (TU) Graz, im Gespräch mit APA-Science.

  • Die Digitalisierung hat bereits viele Spuren an den Hochschulen hinterlassen. Sie reichen vom Aufbau entsprechender Infrastrukturen über die Online-Verwaltung bis zu Versuchen, die Lehre selbst zu virtualisieren. "Die Unterstützung mit Lehr- und Lerntechnologien ist inzwischen durchaus verankert. In einigen Hochschulen mehr, in anderen weniger", so Ebner. Das sei unter anderem an den eingesetzten Personalressourcen ablesbar. Die Palette reiche von 0,25 bis zu 11 Vollzeitäquivalenten, die sich mit E-Learning beschäftigen, verwies der Experte auf eine im Jahr 2016 veröffentlichte Studie des Forums Neue Medien in der Lehre Austria (fnm-austria), dessen Präsident er ist.

  • "Da gibt es schon eine gewisse Schieflage. Aber grundsätzlich kann man sagen, dass jede Hochschule Aktivitäten in diesem Bereich vorgesehen hat. Das gilt für alle drei Sparten: Pädagogische Hochschulen, Fachhochschulen und Universitäten", sagte Ebner. Das fnm-austria habe dem Ministerium auch schon Empfehlungen abgeliefert, wie man die Situation verbessern könnte. Technik alleine reiche nicht aus. "Da gehört viel mehr dazu. Das ist keine Turnübung, die man macht, und dann ist man damit fertig", so Ebner. Es müsse vielmehr in alle Bereiche kontinuierlich investiert werden. Unter anderem brauche es umfangreiche Begleitmaßnahmen – etwa die Schulung der Lehrenden oder die Vorbereitung der Studierenden, zudem Infrastruktur und Didaktik.

  • Auch Nachwuchs nicht sehr fit

  • Was die Akzeptanz durch die Lehrenden betrifft, sei es ein typisches Problem, wenn ein Medium neu eingeführt werde: "Da gibt es Professoren, die aufspringen und sagen: 'Endlich etwas Neues, das will ich auch probieren!' Aber bei der großen Masse sind wir da noch nicht angekommen. Zumindest werden die Unterlagen zur Verfügung gestellt. Vor zehn Jahren hat es noch geheißen: 'Wozu brauchen wir das?' Heute ist das eigentlich kein Thema mehr." Der Nachwuchs stünde dem aufgeschlossener gegenüber, sei aber auch nicht unbedingt sehr fit in dem Bereich "und noch weit nicht dort, wo wir sie haben wollen".

  • Generell wird der Einsatz neuer Medien oft nur von einzelnen Lehrenden vorangetrieben, heißt es in der E-Learning-Studie. Deshalb müssten Strategien entwickelt werden, um entsprechende Aktivitäten hochschulweit zu etablieren, so die Handlungsempfehlung. Weiterbildungsangebote für E-Learning würden zwar existieren, aber von den Lehrenden kaum wahr- beziehungsweise in Anspruch genommen. Vor allem an Pädagogischen Hochschulen gebe es Nachholbedarf. Vielfach fehlten auch Anreizsysteme. Forschungsaktivitäten zu E-Learning sollten daher einen höheren Stellenwert bekommen.

  • Personalressourcen als Knackpunkt

  • Knackpunkt bleiben aber ausreichende Personalressourcen. "Der Ausbau an allen Universitäten geht jedenfalls weiter. Der nächste Schritt ist die virtuelle Lehre, also mehr Veranstaltungen online anzubieten", prognostizierte Ebner. Allerdings gebe es schwierige rechtliche Rahmenbedingungen: "Ich kann nicht einfach hergehen und meine Lehrveranstaltung online abhalten, weil das in den Satzungen des Universitätsgesetzes nicht ordentlich geregelt ist. Da heißt es nur, die Universität kann Fernstudien-Einheiten anbieten. Das ist der einzige Satz dazu. Damit ist der Lehrende in einem rechtlichen Graubereich, wenn er das macht."

  • Laut Studie werden Online-Lehrveranstaltungen nur an 17 der 49 befragten Hochschulen angeboten. Blended-Learning-Lehrveranstaltungen gibt es an 48 Institutionen, Game Based-Learning an 16 und MOOCs (Massive Open Online Courses) kommen an acht Hochschulen zum Einsatz. Das habe aber auch topografische Ursachen: "Wir haben ja die meisten Studierenden unmittelbar vor Ort. Da fehlt die dringende Notwendigkeit für Online-Lehre und darum sind die Investitionen nicht so hoch." Aber auch hier gebe es große Unterschiede zwischen den Unis.

  • Was die Verwaltung betrifft, seien die wichtigsten Prozesse digital erfasst – von Lehrveranstaltungsinhalten bis zur Anmeldung zu Prüfungen. "Im Jahr 2000 sind wir zu fünft in den Hörsaal gegangen und haben Kopien ausgeteilt. Heute braucht es da keine Assistenten, weil alles elektronisch abläuft." Dennoch gebe es auch hier noch Potenzial. "Zurzeit arbeiten wir daran, dem Studierenden den Studienfortschritt anzeigen zu können. Wir kennen ja alle Zeugnisse. Das wird ständig weiterentwickelt und kundenorientierter im Sinne von Serviceleistungen für die Studierenden."

  • Verändertes Kommunikationsverhalten

  • Aber auch das Kommunikationsverhalten der Studierenden und die Ausstattung mit technischen Geräten hätten sich in den vergangenen Jahren dramatisch verändert. "Unsere Studierenden sind mobil, sozial, smart und mediengetrieben geworden", so das Resümee einer Studie, für die seit 2007 Studienanfänger der TU Graz jährlich befragt wurden. Statt PCs gibt es Laptops oder Tablets, die Handys wurden smart und soziale Medien und Netzwerke wie Facebook und WhatsApp haben in den vergangenen Jahren SMS schnell überrundet. Rund 93 Prozent der Studierenden nutzen WhatsApp oft, SMS kommt hier noch auf 50 Prozent, gefolgt von SnapChat mit 44 Prozent. E-Mail- und Facebook-Nutzung sind rückläufig, aber immer noch auf einem hohen Niveau. Kaum an Bedeutung gewonnen haben E-Learning-Plattformen in der Sekundarschule.

  • Dass Personen, die solche Tools verwenden, auch kompetent im aktiven Umgang damit sind, hat sich laut Ebner aber nicht in der Studie widergespiegelt: "Sie schauen auf Youtube Videos, aber aktive Blogger oder Beitragsschreiber für Wikipedia sind sie nicht." Überhaupt dürfte es um die digitalen Kompetenzen der Studierenden nicht besonders gut bestellt sein. "Es gibt kaum jemand, der ein ausreichendes technisches Verständnis hat. Da geht es nicht darum, eine Programmiersprache zu beherrschen, sondern darum zu wissen, wie Computer eigentlich denken. Wenn wir in Zukunft in einer digitalisierten Welt überleben wollen, muss sich das ändern."

  • Datenschutzrechtliche Bedenken

  • Dass die Entwicklung an den Hochschulen im Vergleich zum sich rasch verändernden Kommunikationsverhalten der Studierenden eher langsam vonstattengeht, bestreitet der Experte nicht. "Wir haben natürlich ganz andere Rhythmen. Andererseits muss man nicht jeden neuen Blödsinn mitmachen." Natürlich sei es das Ziel, mit der Zielgruppe auf deren Medien zu kommunizieren, "aber das schaffen wir nicht". Wenn es in einer Vorlesung Studierende gebe, die WhatsApp nicht verwenden, könne das Tool nicht eingesetzt werden. Große Schwierigkeiten bestünden auch aus datenschutzrechtlicher Sicht. "Ich habe Informatik-Studenten, die würden eine Facebook-Gruppe ablehnen. Für die ist das ein No-go."

  • Für die Zukunft wünscht sich Ebner neben entsprechenden Ressourcen die Verbesserung der rechtlichen Rahmenbedingungen sowie die Verankerung der virtuellen Lerneinheiten in den Curricula. "Denn es ist keine Stagnation absehbar, im Gegenteil: Es wird noch mehr auf uns hereinbrechen."

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