Gastkommentar

Matthias Beck © Kronawetter
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Dossier

"Krebs: An den Grenzen der naturwissenschaftlichen Betrachtung"

Gastkommentar

31.01.2018
  • Wien (Gastkommentar) - Krebserkrankungen sind weit verbreitet. Jeder/jede Vierte wird im Laufe seines/ihres Lebens mit einer solchen Diagnose konfrontiert. Gerade bei diesen Erkrankungen taucht zum einen die Frage nach dem "Warum gerade ich?" auf. Zum anderen zeigen sich mehr und mehr die Grenzen einer rein naturwissenschaftlichen Betrachtung.

  • Krebserkrankungen haben alle einen genetischen Defekt im Hintergrund. Aber seit einiger Zeit weiß man, dass Gene aktiviert und inaktiviert werden müssen. Nur aktivierte Gene entfalten ihre Wirkung. Diese die Gene aktivierenden und inaktivierenden Faktoren nennt man epigenetische Faktoren. Diese können in der Umgebung des Menschen liegen, in der Nahrung, im Sport, Bewegung, aber auch im Innenleben des Menschen mit seinem Denken und Fühlen. Das Gehirn des Menschen ist in diese An- und Abschaltmechanismen involviert. Hirnphysiologie und Genetik-Epigenetik sind wichtige zukünftige Forschungsbereiche. Über die Psychoneuroimmunologie, die sich mit Wirkungen des Innenlebens auf das Immunsystem befasst, braucht es heute eine weitere Forschungsrichtung der Psychoneurogenetik. Eine andere Entdeckung kommt aus der Gebiet der sogenannten Pharmacogenomics. Diese Forschungsrichtung zeigt, dass ähnliche Patienten mit ähnlichen Erkrankungen doch unterschiedlich auf dieselben Medikamente reagieren. Das hat offensichtlich mit dem je individuellen Genom des Einzelnen zu tun.

  • Das bedeutet, dass das Paradigma der Naturwissenschaften - nämlich die Verallgemeinerbarkeit der Erkenntnisse - ergänzt werden muss durch den Blick auf den einzelnen Menschen. Das scheint sofort einzuleuchten, da es ja immer um einzelne Patienten geht. Aber wissenschaftstheoretisch ist diese Erkenntnis bedeutsam, da das Paradigma der Verallgemeinerbarkeit durch den Blick auf das je individuelle Genom sowie auf die ganze Person erweitert werden muss. Für den ersten Perspektivenwechsel sollte man den Begriff der individualisierten Medizin verwenden (individuelles Genom), für den zweiten jenen der personalisierten Medizin, der den Fokus auf die gesamte Person in ihrer Umwelt und Umgebung mit ihrem Lebensstil und ihrer spezifischen Innenwelt wirft.

  • Krebszellen leben an der Ordnung des Gesamtorganismus vorbei. Sie führen ein Eigenleben. Es stellt sich die Frage, warum sie aus dieser Gesamtordnung des Organismus ausscheren. Diese Frage beschäftigt die Forschung. Man kann zunächst versuchen, sie auf einer naturwissenschaftlichen Ebene zu beantworten. Es gibt viele Erkenntnisse, wie eine solche Kaskade des Ausscherens vor sich geht: genetische Schäden, epigenetische Fehlschaltungen, mangelnde Reparaturen (1). Der naturwissenschaftliche Zugang kann verallgemeinerbare Aussagen treffen. Man kann Krebsforschung auf der ganzen Welt betreiben und die Ergebnisse in wissenschaftlichen Organen publizieren.

  • Auf einer zweiten Ebene kann man Krebserkrankungen auf einer psychologischen Ebene betrachten. Darum kümmert sich das Fachgebiet der Psychoonkologie. Psychologie und Psychoonkologie schauen auf die Biografie des einzelnen mit seinen psychischen Hintergründen. Diese Biografien werden mit anderen Biografien verglichen und mittels Korrelationen werden Wahrscheinlichkeiten errechnet über Zusammenhänge zwischen seelischen Befindlichkeiten und Erkrankungen. Damit werden ebenfalls - zumindest teilweise - verallgemeinerbare Zusammenhänge aufgezeigt.

  • Schließlich kann man Patienten mit Krebserkrankungen auch auf einer geistig-spirituellen Ebene betrachten. Hier tritt das ganz Individuelle in den Vordergrund. Es geht um die Biografie des Einzelnen, die nicht mehr mit anderen Biografien zu vergleichen ist. Jeder Mensch ist einzigartig und führt ein einmaliges Leben. Dies ist der Person-Charakter des Menschen. Die menschliche Person ist mehr als das individuelle Genom. Beim Personsein geht es vor allem um die Beziehung des Menschen zu sich selbst, zu Anderen, zur Welt, zum Gesamthorizont des Seins. Deshalb kommen hier Geisteswissenschaften wie Philosophie und Theologie ins Spiel. Sie reflektieren Fragen nach dem menschlichen Geist mit seinem Selbstbewusstsein, sie suchen nach dem Sinn des Lebens, nach der Bedeutung von Ereignissen, betrachten die individuellen Biografien mit der Frage, wie der Einzelne seine einmalige Identität findet, seine Wahrheit, seine Berufung. Dieses Individuelle kann nicht mehr mit anderen verglichen werden, es kann nicht in der gleichen Gestalt erneut auftreten oder im Experiment nachgebildet werden. Sein Verlauf kann auch nicht vorhergesagt werden.

  • Kurzum: Eine moderne Medizin steht aufgrund neuester Erkenntnisse von Hirnforschung, Genetik-Epigenetik, Pharmacogenomics vor der Herausforderung, das Verallgemeinerbare mit dem Einzelnen und Unvergleichlichen zusammenzudenken. Dazu braucht es eine Wissenschaftstheorie, die beides verbindet. Um die komplexen Phänomene von Krebserkrankungen zu erfassen, bedarf es einer komplementären Zugangsweise aus Geistes- und Naturwissenschaften sowie einer transdisziplinären Forschung, die von Anfang an die Fächer miteinander verknüpft (2).

  • Der Mensch ragt durch seine gesamte Existenz über die Erkenntnisse der Naturwissenschaft hinaus. Er ist immer schon - wie es der Philosoph Hegel formuliert hat - als Wesen des Geistes über die Endlichkeit hinaus. Er kann das Relative und Endliche nur deshalb als relativ und endlich erkennen, weil er schon im Raum des Absoluten steht. Schon die Frage nach dem "Warum gerade ich" übersteigt den naturwissenschaftlichen Zugang. Zur Beantwortung derartiger Fragen müssen Erkenntnisse der Psychologie, Philosophie, Theologie und Spiritualität zu jenen der Naturwissenschaften hinzukommen.

  • Über die wissenschaftliche Betrachtung hinaus gibt es auch für den Patienten die Chance, angesichts einer schweren Erkrankung tiefer über das eigene Leben nachzudenken. Menschen fragen danach, ob sie durch Erkenntnis und Lebensumstellungen etwas zur Heilung oder zum Stillstand einer Erkrankung beitragen können. Das können sie. Zusammengefasst: Die Zugänge von Naturwissenschaften, Medizin, Psychologie, Philosophie und Theologie zur Interpretation von Krankheiten sind von ihrer Methode her verschieden. Sie sind zu unterscheiden, aber nicht zu trennen. Sie sollten in einer modernen Medizin, gerade im Kontext von Krebserkrankungen, zusammengedacht werden.

  • (1) Vgl. dazu: M. Beck, Krebs. Körper, Geist und Seele einer Krankheit, Wien-Graz-Klagenfurt 2017, hier: 38ff

  • (2) Das Folgende schon ähnlich ebd.,13ff.

Zur Person

Matthias Beck, Professor für theologische Ethik mit Schwerpunkt Medizinethik an der Universität Wien

Matthias Beck, abgeschlossene Studien in Pharmazie, Medizin, Philosophie und Theologie, Promotion in Medizin und Theologie, Habilitation in theologischer Ethik mit einem medizinethischen Thema über Stammzellforschung. Seit 2007 Professor für theologische Ethik mit Schwerpunkt Medizinethik an der Universität Wien. Autor vieler Bücher und Artikel im interdisziplinären Dialog zwischen Naturwissenschaften, Medizin, Philosophie, Theologie. Mitglied der Bioethikkommission beim Bundeskanzleramt in Wien, Mitglied der Ethikberatergruppe der Europäischen Bischöfe in Brüssel (COMECE) und Mitglied der Päpstlichen Akademie für das Leben im Vatikan (PAV).

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