Dossier

Balanceakt zwischen Absturz und Erfolg © APA (AFP)
4
Dossier

Lernen statt Populismus: Vom "Buchhalter 1" zu "Scheitern 2.0"

Dossier

01.03.2018
  • Von Stefan Thaler / APA-Science

  • Wien (APA-Science) - Die Diskussion über eine "Kultur des Scheiterns" müsste – abseits von Phrasendrescherei und "Fuckup Nights" – dringend vertieft werden. Weg vom Populismus, hin zu einem echten Lernprozess, fordert Melanie Ruff, Expertin für Innovation und Entrepreneurship an der Fachhochschule (FH) St. Pölten, im Gespräch mit APA-Science.

  • Dass das Thema jetzt in alle Bereiche – von der Gesellschaft über die Forschung bis zur Wirtschaft – überschwappt, sei vor allem dem Start-up-Hype geschuldet. Hier habe man viele Schlagworte aus dem Silicon Valley und anderen US-Hochburgen übernommen. "Das ist aber eine Hülse geblieben, weshalb sich auch ein bisschen Frust breit macht. Es gibt ja "Fuckup-Nights", die als Events inszeniert werden. So stelle ich mir die Auseinandersetzung mit Scheitern nicht vor. Das ist nur eine Fortsetzung von dem, was wir vorher betrieben haben: Zuerst wird man als Start-up gehypt und dann wird man im Scheitern gehypt. Da erkenne ich keinen Lernprozess, das ist Populismus", so Ruff.

  • Neue Debatte bietet "Riesenchance"

  • Vielmehr gehe es darum, den Leuten Fähigkeiten zu einem selbstbewussten Umgang mit dem Scheitern mitzugeben – wenn etwas nicht so funktioniert wie man es annimmt, eine Forschungsthese nicht aufgeht oder ein Geschäftsmodell nicht funktioniert. Außerdem müssten Prozesse im Innovationsmanagement entwickelt werden, wie man aus diesen Fehlern lernt. "Da gibt es ja schon entsprechende Methoden. So eine Auseinandersetzung wünsche ich mir", sieht die Expertin auch eine "Riesenchance" in der neuen Debatte. Was derzeit mit der "Kultur des Scheiterns" passiere, sei aber lediglich "eine Schlagwort-Keilerei. Es ist beim Plakativen geblieben, statt das auf einem breiteren Fundament zu diskutieren", kritisierte Ruff.

  • Dennoch sei in vielen Bereichen schon etwas in Bewegung gekommen. "Scheitern ist beispielsweise schon immer Teil des wissenschaftlichen Prozesses, aber das Hervorzuheben als Teil des Prozesses ist neu." Die FH St. Pölten habe das in ihrer neuen Strategie explizit erwähnt und hervorgestrichen, "dass es Teil der Kultur in unserem Haus ist und man das zum Anlass nimmt, aus Fehlern zu lernen". Auch Firmenpleiten würden in der Gesellschaft schon ganz anders diskutiert als vor zehn oder zwanzig Jahren. "Es schämt sich mittlerweile kaum jemand mehr, wenn ein Unternehmen hat schließen müssen. Das ist kein Stigma mehr. Aber es braucht trotzdem noch eine breitere inhaltsgetriebene Auseinandersetzung", ist Ruff überzeugt.

  • Scheitern kann ein Pluspunkt sein

  • In der Start-up-Szene gebe es einige Beispiele, dass das vorangegangene Scheitern bei nachfolgenden Projekten sogar ein Pluspunkt sei. Auch die Schließung ihres eigenen Unternehmens habe keine negativen Auswirkungen gehabt. Ruff, die jetzt an der Hochschule gründungsinteressierte Studierende und Forscher begleitet, war zuvor Mitgründerin und Geschäftsführerin von Ruffboards, einem Start-up, das gemeinsam mit Haftentlassenen aus alten Snowboards hochqualitative Longboards gemacht hat. Abgeschreckt wurde sie vom Scheitern aber nicht. Auch wenn Ruff derzeit die Vorzüge ihres ersten Angestelltenverhältnisses genießt und sehr viel Gestaltungsfreiheit hat, will sie ein neuerliches Engagement irgendwann nicht ausschließen.

  • Bei Klein- und Mittelunternehmen (KMU) ortet Ruff eine gänzlich andere Unternehmensstruktur und -kultur, was das Scheitern betrifft. "Da ist das noch nicht angekommen. Eine Firmenpleite am Land ist eine andere als eine Start-up-Pleite in einer Großstadt." Hier müsste man den Diskurs aufgreifen und mit guten Inhalten befüllen. Genutzt werden könnten dafür die bestehenden Strukturen und Institutionen wie beispielsweise die Wirtschaftskammer oder das WIFI. "Wenn die das Thema in die Zielgruppe tragen und das mit Info-Abenden ganz klassisch bespielen, dann wäre viel erreicht. Statt "Buchhalter 1" macht man dann halt "Wie geht man mit Fehlschlägen um?". Mehr braucht es da gar nicht", so Ruff.

  • Sicherheitsdenken bei Forschern dominierend

  • Große Unterschiede gibt es aber nicht nur zwischen Start-ups und KMUs. Auch Studierende und Forscher sind laut der Expertin diesbezüglich zwei ganz verschiedene Zielgruppen. Während bei den Studierenden das Scheitern Teil des Lebenskonzeptes sei, herrsche bei Forschern das Sicherheitsdenken vor. "Für die ist das klarerweise ein treibendes Thema, weil sie ihren Beruf aufgeben müssen", sagte Ruff. Gegensteuern ließe sich beispielsweise mit ganz konkreten Beteiligungsverträgen: "Wenn klar ist, welches Risiko die Hochschule übernimmt, nimmt das Angst heraus." Dann seien Forscher eher bereit, eigenes Risiko mithineinzutragen. Diskutiert werde auch, innerhalb des normalen Dienstvertrages einen Teil der Zeit für die kommerzielle Verwertung verwenden zu können, um eine Geschäftsidee zur Marktreife zu bringen.

  • "Das größte Thema ist aber, dass Wissenschafter Wissenschafter sind und keine Unternehmer. Das wird man nicht auflösen können. Aber wenn man bei den jungen Forschern ansetzt und das Thema Selbstständigkeit als Karriereoption vorstellt und lebt, wird das eine Generation, die mit der Gründung und der Möglichkeit des Scheiterns anders umgehen kann", erklärte Ruff.

Dossier

Versuch, Irrtum, noch einmal von vorn: Forschung ist auf dem Weg zur Erkenntnis immer wieder zum Scheitern verurteilt. Fehlschläge führen zu besseren oder ganz neuen Ergebnissen und ...

Gastkommentare

"Sozialfall Forschung"
von Mario Springnagel
Wissenschaftsmanager
"Scheitern als Chance? Wir müssen es riskieren"
von Irene Fialka
Geschäftsführerin des universitären Gründerservice INiTS
"Warum ist es für Unternehmen wichtig, eine Kultur des Scheiterns zu entwickeln?"
von Nikolaus Franke
Leiter des Instituts für Entrepreneurship & Innovation der Wirtschaftsuniversität Wien

Hintergrundmeldungen

Scheitern auch im Bildungsbereich "vorprogrammiert" © APA (dpa)

"Schule muss sich wieder auf ihre Stärken besinnen"

Scheitern gehört zum Bildungssystem und lässt sich nicht wegretuschieren: Davon ...
Balanceakt zwischen Absturz und Erfolg © APA (AFP)

Lernen statt Populismus: Vom "Buchhalter 1" zu "Scheitern 2.0"

Die Diskussion über eine "Kultur des Scheiterns" müsste – abseits von ...
Verena Aichholzer zeigt alternative Karrierewege auf © LBG/Johannes Brunnbauer

Wenn Forscher der Unsicherheit strukturiert begegnen

Die Welt der Wissenschaft ist ein durchaus hartes Geschäft, das für viele ...
"Grenzgänger" versammelt Porträts gescheiterter Forscher und Pioniere © Brandstätter Verlag

Österreichische Forscher und Erfinder zwischen Triumph und Tragik

Es gibt berühmte österreichische Wissenschafter und Erfinder wie Viktor Kaplan, ...

Mehr zum Thema