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Kohle, Erdöl, Gas sowie Kernenergie versorgen die Menschheit mit Energie © APA / NASA
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Menschgemachte Welt

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28.05.2018
  • Von Anna Riedler / APA-Science

  • Wien (APA-Science) - Ungefähr 450 vor Christus sagte der griechische Philosoph Protagoras: "Der Mensch ist das Maß aller Dinge." Und obwohl Übersetzung und Interpretation dieser Aussage umstritten sind, lässt sich nicht leugnen, dass der Mensch als Maßeinheit eine immer größere Bedeutung im Ökosystem Erde einnimmt. Nach ihm soll die neueste geochronologische Epoche benannt werden: das Anthropozän. Der Ausdruck setzt sich aus den griechischen Begriffen für Mensch und Neu zusammen und benennt ein Zeitalter, indem der Mensch zu einem der wichtigsten Einflussfaktoren der Erde geworden ist.

  • Big Atomic Bang

  • Wann genau dieses Zeitalter jedoch beginnt, lässt sich nicht so leicht festmachen. "Über die chronologische Eingrenzung des Anthropozäns gibt es noch keinen wissenschaftlichen Konsens", erklärte Martin Schmid von Institut für Soziale Ökologie der Universität für Bodenkultur (BOKU) gegenüber APA-Science (siehe auch: "Anthropozän fachübergreifend"). "Mit Blick auf die verschiedenen Erkenntnisinteressen und Methoden von Erd-, Erdsystem- und Sozial- und Geisteswissenschaften zweifle ich, ob es einen solchen Konsens bald geben wird. Es verdichten sich die Anzeichen, dass sich die Erdwissenschaften am ehesten wohl auf einen Zeitpunkt bald nach dem Zweiten Weltkrieg einigen werden können." Offenbar habe der radioaktive Niederschlag der Atombomben weltweite Spuren hinterlassen, die lange genug in Sedimenten sichtbar bleiben werden, um Geologen als "Leitfossil" dienen zu können.

  • Diese zeitliche Eingrenzung um ungefähr 1950 würde auch mit der "Great Acceleration" (Anm: Große Beschleunigung) zusammenfallen (siehe auch Grafik), der jüngsten Periode des Anthropozäns, die sich durch einen deutlichen und raschen Anstieg der Auswirkungen menschlicher Aktivitäten auf Geologie und Ökosysteme auszeichnet. Zu diesen Umwelt-Indikatoren zählen unter anderem CO2-Emissionen, Massenmotorisierung, die weltweite Zahl der Staudämme und die Erfindung der Atombombe. "Der Schweizer Historiker Christian Pfister prägte dafür das in der Umweltgeschichte stark rezipierte Konzept des "1950er-Jahre-Syndroms", der im Kern die Wende zu einer beschleunigten Konsum- und Wegwerfgesellschaft auf Basis relativ billiger Energie bezeichnet, was mit einer ganzen Fülle von sozialen und ökologischen Folgen einherging", so Schmid. Auch für Michael Wagreich vom Department für Geodynamik und Sedimentologie der Universität Wien spreche viel für die Zeit unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg: "In den Erdwissenschaften sehen und messen wir den exponentiell steigenden Einfluss des Menschen auf geologische Prozesse wie etwa Flusstransport, Bodenveränderungen und diverse Kreisläufe wie etwa Kohlenstoff und Stickstoff. In geologischen Ablagerungen sehen wir die ersten global gleichzeitigen Signale für das Anthropozän in der Mitte des 20. Jahrhunderts, während der großen Beschleunigung von 1945 bis etwa 1964. Das Jahr 1952 wird von der Internationalen Arbeitsgruppe für das Anthropozän als Beginn untersucht, mit dem Einsetzen von durch Atombombentests in die Atmosphäre gebrachtes Plutonium, das weltweit verbreitet und messbar ist."

  • Der Sedimentologe ist selber Mitglied dieser Arbeitsgruppe der Internationalen Kommission für Stratigraphie (ICS), die klären soll, was für die Einführung des Anthropozäns als Nachfolger des Holozäns spricht und wann sein Beginn festgesetzt werden könnte.

  • Und der Mensch sprach: "Es werde Licht"

  • Die stärksten Einflussfaktoren im und Triebkräfte ins Anthropozän sind für Schmid die Anzapfung von Kohle-, Erdöl- und Gas-Ressourcen sowie die Nutzung der Kernenergie. Immer mehr Menschen konnten so mit scheinbar unendlicher Energie versorgt werden. Weltraumaufnahmen der Erde bei Nacht (NASA) zeigen ein hübsches Bild: Den dunkelblauen Globus, von Milliarden kleinen Lichtpunkten überzogen. Als würde die Menschheit feiern bis der Morgen graut. Besonders viele dieser Lichtquellen, die an einen Schwarm Glühwürmchen erinnern, finden sich in Nordamerika und Europa, in Indien und Japan, in dicht bevölkerten, hoch technisierten Gebieten eben. Es werde Licht, sprach der Mensch, und erfand die Elektrizität. Doch die Erleuchtung hat ihre Schattenseiten.

  • "Diese Verfügbarkeit von gesellschaftlich nutzbarer Energie im Überfluss aber war die Voraussetzung für praktisch alle Phänomene, die nun in der Anthropozän-Debatte diskutiert werden: Manipulation des globalen C-Kreislaufs (Anm.: Kohlenstoffzyklus) inkl. GHG-Emissionen (Anm.: Treibhausgase) und damit anthropogen verursachter Klimawandel, Plastik und Kunstdünger, großflächige und tiefgreifende Landschaftsveränderungen, dramatische Biodiversitätsverluste und Artensterben, zivile und militärische Nutzung der Atomkraft mit ihren Ewigkeitslasten, und viele mehr", erklärte Schmid.

  • Der grenzgängerische Mensch

  • Planetary-Boundaries ist ein Konzept, das ökologische Belastungsgrenzen zur Vermeidung weltweiter katastrophaler Umweltveränderungen definiert. Das Wissenschaftsteam, das dieses Konzept entwickelte, definierte neun Dimensionen, deren Grenzen nur unter Gefahr irreversibler und plötzlicher Umweltveränderungen überschritten werden können. Vier dieser Dimensionsgrenzen wurden bereits überschritten: Klimawandel, Biodiversitätsverlust, Stickstoffkreislauf und Landnutzung.

  • Sind abgeholzte Wälder, Berge aus Plastik und von atomarem Müll verseuchte Landstriche also das Vermächtnis der Menschheit? Oder gibt es vielleicht doch ein paar Lichtblicke in all dem Smog? "Anthropozän heißt auch zivilisatorischer, gesellschaftlicher, technologischer Fortschritt, und ist "gut" für uns als Menschheit, bis hin zur Medizintechnik. Wir müssen uns, und dafür steht für mich der Begriff, nur der Folgen und der Verantwortung für die Erde bewusst sein, und uns hier in ein "gutes" Anthropozän hin entwickeln", so Wagreich. "Das Anthropozän ist weder gut noch böse", findet auch Schmid. "Es ist der Versuch, einen Zustand der Welt zu beschreiben und zu erfassen, indem wir unser Verhältnis zur Natur fundamental neu denken und gestalten müssen. Technischer Fortschritt allein wird nicht reichen." Die Wissenschaft müsse viel mehr auf Inter- und Transdisziplinarität setzen. Dringend brauche es Kooperationen zwischen den Natur-, Sozial-, Kultur- und Technikwissenschaften. "Mit Blick auf die ökologischen und sozialen Folgen unserer Lebensweise in hoch entwickelten, industrialisierten Gesellschaften auf Basis endlicher Ressourcen ist schon lange klar: Das kann kein Modell für alle Menschen auf dieser Erde sein. Das geht sich schlicht ressourcenmäßig nicht aus." Nach und nach hat der Mensch damit begonnen, mehr zu verbrauchen also vorhanden ist. Der Grundstein für dieses Ausbeutungssystem, so Wagreich, wurde mit dem industriellen Abbau von Kohle gelegt und der damit beginnenden Industriellen Revolution gelegt. Damit stellt sich die Menschheit im Endeffekt selbst ein Bein: "Die Erde selber reguliert sich über Tausende bis Millionen von Jahren, nur die Menschheit selber könnte sich durch Klimawandel und andere Folgeerscheinungen infrage stellen. Würden wir den gesamten fossilen Brennstoffanteil wie Erdöl und Kohle verbrauchen, bis etwa 2150, dann würde das System Erde mehrere zehntausend Jahre brauchen, um die Treibhausgase und damit die Erderwärmung wieder auszugleichen und rückzufahren."

  • Reise ohne Wiederkehr

  • Wer ein bisschen zu Klimawandel und Co. Im Internet recherchiert, stößt über kurz oder lang auf den Begriff des "Point of no Return", jener Zeitpunkt, an dem keine noch so kräftige Reduzierung der Treibhausgasemissionen katastrophale Erderwärmung verhindern kann. So wie die zeitliche Festlegung des Anthropozäns ist auch der Punkt, an dem es kein Zurück gibt, nicht klar definiert. "Also, den Point of no Return haben wir aus meiner Sicht noch nicht erreicht, für mich als Erdwissenschafter ist das aber auch kaum zu definieren. Aber klar ist, das Anthropozän ist unumkehrbar, wir haben etwa in Bezug auf Klimawandel eine Entwicklung ausgelöst, die nicht Halt machen wird. Nur, wir bestimmen jetzt Ausmaß und Geschwindigkeit des Wandels, auf den wir uns als Menschheit einstellen müssen. Wir brauchen als Menschheit sehr wohl Strategien, in einer möglichst einigermaßen natürlichen Umwelt zu überleben, dazu gehört CO2 Reduktion genauso wie Anpassung an Klimawandel, steigenden Meeresspiegel und andere Folgen", ist sich Wagreich sicher.

  • Die Lösungsansätze hierfür sind bekannt; Nachhaltigkeit, Recycling, ein bewusstes Umgehen mit und Schonen von Ressourcen, sowie ein Aus für fossile Brennstoffe. "Bei allen Schwierigkeiten und trotz der Größe der Herausforderungen können wir auch eine Reihe von positiven Entwicklungen konstatieren", so Schmid. "im Kleinen, zum Beispiel unendlich viele konsum- und wachstumskritische, klimafreundliche, gemeinwohlorientierte etc. Initiativen in der Zivilgesellschaft weltweit, aber auch im Großen. Diese vielen, punktuellen Ansätze bottom-up müssen gefördert und unterstützt werden. Aber ohne mutige Änderungen in der Priorisierung von politischen Zielen top-down wird es auch nicht gehen." Gefragt sei also die Politik. Problematisch daran ist allerdings, dass politische Systeme kurzatmig sind, immer nur von einer Wahlperiode bis zur nächsten denken, ihre politischen Entscheidungen aber in die Zukunft reichen. "Am Beispiel Klimaschutz sehen wir, wie schwierig es ist, politische Antworten auf die Herausforderungen des Anthropozän zu finden und durchzusetzen. Wie wir heute Klimaschutzpolitik betreiben, hat Auswirkungen auf die Lebenschancen und -bedingungen von Menschen, die noch nicht einmal geboren sind."

  • Und was kommt eigentlich nach dem Anthropozän? "Das Post-Anthropozän", scherzt Wagreich. "Als Optimist und die letzten 50 Jahre überblickend sehe ich eine Zukunft der Menschheit zwar problematisch, aber zumindest als möglich."

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