Gastkommentar

Peter Fischer-Colbrie © Priv.
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Dossier

"Neobiota im Garten - eine differenzierte Betrachtung"

Gastkommentar

31.05.2017
  • Wien (Gastkommentar) - Als Kaiser Maximilian II im Jahre 1573 den berühmten Botaniker Carolus Clusius an den Wiener Hof berief, erhielt dieser den Auftrag, im Schloss Neugebäude einen Botanischen Garten anzulegen. Durch gute diplomatische Verbindungen konnten aus der Türkei in den Folgejahren exotische Pflanzen wie Kaiserkrone, Flieder ("türkischer Holunder"), die Tulpe und vor allem die Rosskastanie nach Wien gebracht und hier kultiviert werden. Die erste Kastanie wurde 1576 im Bereich des heutigen Schlossparks Schönbrunn gepflanzt.

  • Vor allem in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts unternahmen bekannte Gärtner wie Nikolaus J. v. Jacquin, Richard v.d. Schot, Franz Boos oder Franz Bredemeyer im Auftrag des Hofes Sammelexpeditionen in alle Welt, von denen sie unzählige Pflanzen, aber auch Tiere mitbrachten, die in den dafür errichteten Glashäusern zum Teil bis heute kultiviert bzw. im Tiergarten untergebracht wurden. Diese unbeschränkte Einfuhr "gebietsfremder", also nicht heimischer, Arten setzte sich bis in die 2. Hälfte des vorigen Jahrhunderts fort.

  • So war der Autor ab 1973 selbst aktiver Mitarbeiter in einem Forschungsprojekt zur biologischen Bekämpfung der aus Amerika eingeschleppten San José-Schildlaus (Quadraspidiotus perniciosus) mit Hilfe der aus dem Heimatgebiet des Schädlings nachgebrachten Zehrwespe Prospaltella perniciosi. Obwohl die Zucht und Freilassung dieses effizienten Schildlausfeindes mit der Erreichung eines natürlichen Gleichgewichtes derart erfolgreich war, dass damit die Existenz vor allem des Extensivobstbaus gesichert werden konnte, muss man aus heutiger Sicht froh sein, dass diese "gebietsfremde" Zehrwespe in ihrem neuen Lebensraum nicht zur Bedrohung der heimischen Insektenwelt und ihrer Artenvielfalt wurde.

  • Als Beispiel einer problematischen Nützlingseinbringung kann der Asiatische Marienkäfer (Harmonia axyridis) dienen. Zuerst 1916 in Glashäusern in den USA, seit 1995 auch in Europa zur wirksamen biologischen Bekämpfung verschiedener Schädlinge eingesetzt, ist er mittlerweile auch im Freiland zu finden, wo er durch seine höhere Vitalität invasiv heimische Marienkäferarten bedroht. Eine differenzierte Betrachtung verdient auch die bereits im 17. Jahrhundert wegen ihrer besonderen Holzeigenschaften aus dem Osten Amerikas nach Europa eingeführte Robinie (vulgo: Akazie). Der positiven forstwirtschaftlichen Bedeutung steht ihre invasive Gefährdung ökologisch wertvoller heimischer Mager-Standorte gegenüber, die sie als Pionierpflanze mit der Fähigkeit, Stickstoff aus der Luft dem Wurzelbereich zuzuführen, besiedeln kann, gegenüber.

  • Die überwiegende Zahl der heute relevanten invasiven Neobiota wurde allerdings ungewollt, vorwiegend mit infizierter Pflanzenware, verunreinigtem Saatgut oder in Verpackungsmaterialien, eingeschleppt. Aus Aktualitätsgründen seien hier zwei Neobiota erwähnt, die sowohl privaten Gartenbesitzern als auch Erhaltern öffentlicher - vor allem historischer - Gärten große Probleme bereiten. Es sind dies der Buchsbaumzünsler (Cydalima perspectalis) sowie der Pilz Cylindricladium buxicola. Vor einigen Jahren mit infiziertem Pflanzenmaterial in heimische Gärten eingeschleppt, gefährden sie dort akut die Buchsbestände.

  • Hohen wirtschaftlichen Schaden verursachen seit einigen Jahren zunehmend zwei invasive Neophyten. Das wärmeliebende Beifuß-Traubenkraut (Ragweed; Ambrosia artemisifolia) trat nach seiner Einschleppung aus Amerika erstmalig im pannonischen Raum Ostösterreichs auf und breitet sich aktuell infolge des Klimawandels weiter in den Westen aus. Da eine Pflanze im Spätherbst bis zu 1 Milliarde winziger Pollen mit höchster Allergiewirkung auf Atemwege und Bindehaut entlässt, drohen durch die Verlängerung der Allergiesaison enorme volkswirtschaftliche Schäden. Der hochwüchsige, dichte Bestände bildende Staudenknöterich (Fallopia japonica) wurde im 19. Jahrhundert als Zierpflanze aus Ostasien nach Europa eingeführt. Durch sein außergewöhnliches Ausbreitungspotenzial bedroht er vor allem entlang von Flussufern nicht nur die heimische Artenvielfalt, sondern ist auch durch seine riesigen unterirdischen Rhizomgeflechte in der Lage, Uferbefestigungen zu zerstören.

  • Ein ökologisch und wirtschaftlich sinnvoller Umgang mit invasiven Neobiota, von denen hier nur einige beispielhaft angeführt werden konnten, sollte sich grundsätzlich an der Vorsorge, dem Monitoring und den notwendigen Gegenmaßnahmen orientieren. Wobei sich letztere vorrangig auf die nachhaltige Verhinderung der weiteren Ausbreitung beschränken und nur an problematischen Standorten auf eine Totalbekämpfung abzielen sollten.

  • Ausführlichere Informationen zum Umgang mit den wichtigsten invasiven Neophyten sowie zur Gesunderhaltung von Buchspflanzen können kostenlos erhältlichen Beratungsfoldern der Österr. Gartenbau-Gesellschaft (www.oegg.or.at) entnommen werden.

Zur Person

Peter Fischer-Colbrie, Ehrenpräsident der Österreichischen Gartenbau-Gesellschaft

Geboren 1941 in Wien, Studium an der Universität für Bodenkultur, Fachrichtung Forstwirtschaft. Von 1969 bis 1973 Angestellter der IAEA (International Atomic Energy Agency). Entwicklungshilfeprojekt und Dissertation: „Untersuchungen im Laboratorium über die Lebensweise und die Möglichkeiten der Bekämpfung der Kakaomotte (Cadra cautella Walk.) mit Hilfe der Selbstvernichtungsmethode durch Gammastrahlen“. 1973 Promotion zum Doktor der Bodenkultur. 1973 Aufnahme in den Personalstand der Bundesanstalt für Pflanzenschutz. 1984 Bestellung zum Leiter der Abteilung Zoologie II (Obst,- Wein,- Hopfenbau sowie Integrierter und Biologischer Pflanzenschutz). Zirka 350 Fachpublikationen 200 Fachvorträge sowie Mitautor von 8 Fachbüchern. 1989 Bestellung zum Direktor der Österreichischen Bundesgärten (Augarten, Belvedere, Burggarten, Schönbrunn und Volksgarten in Wien; Schlosspark Ambras und Hofgarten in Innsbruck). 2003 Übertritt in den Ruhestand. 1999 bis 2014 Präsident der Österreichischen Gartenbau-Gesellschaft. Seit 2007 Vizepräsident des Verbands für Radiästhesie und Geobiologie.

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