Gastkommentar

Norbert Zimmermann © ÖAW
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Dossier

"Neue Einblicke per virtueller Archäologie"

Gastkommentar

31.03.2014
  • Wien (Gastkommentar) - Die Nutzung digitaler Technologien hat die archäologische Arbeit in den letzten beiden Jahrzehnten radikal verändert, und ein Ende dieses Trends ist noch lange nicht in Sicht. Es bieten sich immer neue Möglichkeiten der Datensammlung und -analyse, die zu völlig neuen Ansichten und Einsichten in der Archäologie führen.

  • Unter dem Stichwort der "virtuellen Archäologie" hat sich ein Wissenschaftszweig etabliert, der digitale Analyseverfahren vor allem von 3D-Raumdaten für Anwendungen der "virtual reality" nutzt, also um ortsunabhängig und möglichst interaktiv archäologische Realitäten, etwa in 3D-Rekonstruktionen und mit großer Breitenwirkung auch für die Öffentlichkeit, zu visualisieren und zu erforschen. Generell kann man zwei Arbeitsweisen unterscheiden: auf der einen Seite steht die digitale Dokumentation, deren Potenzial durch den Einsatz digitaler Verfahren wie dem 3D-Laserscanning wesentlich gesteigert wurde. Hat man früher die Realität - etwa eine Ausgrabung oder ein antikes Gebäude - möglichst vollständig photographiert, kann man heute von einzelnen Fundgegenständen wie Münzen über ganze Gebäude bis zu komplexen Landschaften digitale Abbilder erzeugen, die dann schnell und ortsunabhängig als bestmögliche 3D-Kopie zur Verfügung stehen. In dieser Phase ist jedes "mehr" an Daten ein Gewinn, um die Qualität des Abbildes so detailliert wie möglich zu erhalten.

  • Ein gutes Beispiel dafür ist das FWF-START-Projekt zur Domitilla-Katakombe in Rom: im Rahmen der Arbeiten wurde die mit über 12km unterirdischer Gänge größte Katakombe Roms vollständig als 3D Punktewolke erfasst und 3D-Raummodelle all ihrer Malereien mit HD Phototextur eingespielt. Auf diese Weise steht das Monument den Forschern in seiner ganzen Komplexität zur Verfügung, zugleich können auch Besucher virtuell in den Genuss eines sonst kaum zugänglichen Anblickes kommen. Pläne und Schnitte, Entwicklungsphasen und Nutzungsschritte, Lichteinfall und Luftzirkulation, Aushubmenge und Volumina - Fakten, die früher kaum oder nur mit extremem Aufwand ermittelt werden konnten, sind nun leicht abzurufen und lassen sich zudem global vernetzen. Das Raummodell kann auch (wie eine Stadtansicht zB in GoogleMaps) direkt als 3D-Datenbank genutzt werden, und es lassen sich Zusatzinformationen etwa zu den in situ erhaltenen Inschriften und den Malereien verlinken.

  • Auf der anderen Seite wird diese exakte Dokumentation der vorhandenen Realität dazu verwendet, um neue, virtuelle Realitäten zu schaffen, die dann Zustände rekonstruieren oder Bauphasen und Veränderungen nachvollziehen lassen. Auf diese Weise lässt man nicht nur Ruinen auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse vollständig wieder entstehen, sondern man gibt Besuchern auf der Basis von Game-Software die Möglichkeit zur Interaktion. Dabei kann man etwa Besucherwege selbst bestimmen oder in komplexeren Programmen auch auf antike Gestalten treffen und mit ihnen interagieren, je nach Zweck und Aufwand des konkreten Projektes. Am Institut für Kulturgeschichte der Antike der ÖAW wurde z.B. in Zusammenarbeit mit der TU Wien das ungewöhnliche Bildprogramm einer spätantiken Mosaikkuppel einer Villa in Centcelles/Spanien, die zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt, erst gescannt und dann in einem virtuellen Besuch erschlossen (derzeit als Youtube-Film im Web: http://youtu.be/pIHYRd_thuM). Für die interaktiven Anwendungen wird die Datenmenge der Dokumentation maximal reduziert, so werden etwa Räume als einfacher Kubus dargestellt, dem eine Oberfläche aufgelegt wird, damit die Prozessoren des Computers die komplexen Rechenleistungen von Bewegungen und Interaktionen fließend darstellen können.

  • Links:

  • http://www.oeaw.ac.at/antike/index.php?id=376&L=0

  • http://baugeschichte.tuwien.ac.at/site/category/forschung/aktuelle-forschungsprojekte/

  • http://www.cg.tuwien.ac.at/research/publications/2008/Scheiblauer-2008-DCW/

  • Service: "When the Past meets the Future. Workshop on Digital and Virtual Archaeology". Internationaler Workshop über Chancen und Möglichkeiten der virtuellen und digitalen Archäologie (10.4.2014), gemeinsam veranstaltet von der Jungen Kurie und dem Institut für Kulturgeschichte der Antike (ÖAW). Anmeldung und weitere Informationen unter: http://junge-kurie.oeaw.ac.at

Zur Person

Norbert Zimmermann, Senior Scientist am Institut für Kulturgeschichte der Antike der ÖAW

Norbert Zimmermann ist Archäologe und als Senior Scientist am Institut für Kulturgeschichte der Antike der Österreichischen Akademie der Wissenschaften tätig. Er studierte in Bonn und München. 2005 erhielt er den START-Preis des FWF für das Projekt „Die Domitilla-Katakombe in Rom“. Seine Schwerpunkte sind Wandlungsprozesse in der Spätantike, insbesondere im Bereich des Wohnens, des Grabwesens und der Verbreitung des Christentums, ein Spezialgebiet ist die Wandmalerei. Zahlreiche Projekte in Italien, Spanien und der Türkei zur Weiterentwicklung von High-Tech-Methoden in der Archäologie, insbesondere unter Einsatz des 3D-Laserscannings. Zur Zeit arbeitet er mit den 3D-Modellen der Domitilla-Katakombe und des Sieben-Schläfer-Zömeteriums in Ephesos und erforscht unterschiedliche Grabsitten und ihre Entwicklung im Osten und Westen des römischen Reiches. Von 2007-2013 war er Präsident der Association Internationale pour la Peinture Murale Antique (AIPMA), seit 2009 ist er Mitglied der Jungen Kurie der ÖAW. Zahlreiche Publikationen und Vorträge zu den römischen Katakomben, den Wandmalereien in Ephesos und dem Einsatz von 3D-Laserscanning in der Archäologie.

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