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Noch eine Schwachstelle: der Datenschutz © APA (Gindl)
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"Nicht Blockchain verändert Bildungsmarkt, sondern das Internet"

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25.10.2017
  • Innsbruck (APA-Science) - Auch im Bildungssektor wird an Einsatzszenarien für die Blockchain-Technologie geforscht. Doch während Gurus wie Shermin Voshmgir durch die von der Blockchain ermöglichte Dezentralisierung der Wissensvermittlung letztlich gar an die Abschaffung der Universitäten glauben, erscheint das Experten wie Rainer Böhme vom Institut für Informatik der Universität Innsbruck als höchst unwahrscheinlich.

  • Die Blockchain ist eine sinnvolle Alternative zu einer Datenbanklösung, wenn ein dezentralisierter Betrieb mit vielen Nutzern, fehlendem gegenseitigen Vertrauen und mit öffentlichen Daten vorgesehen ist, auf deren Vollständigkeit es ankommt. Bildungsinstitutionen könnten eine Blockchain nutzen, um Zeugnisse ihrer Schüler oder Studenten, Zertifikate oder erworbene Berechtigungen verifizierbar abzulegen. Fälschungen sind so gut wie ausgeschlossen. Smart Contracts könnten in einem individualisierten Unterricht zum Einsatz kommen, indem Schülern bestimmte Aufgaben zugeteilt werden.

  • Datenschutz als Schwachstelle

  • Noch sei die Forschung nicht sehr weit gediehen, meint dazu Rainer Böhme: "Bisher bekannte und vereinzelt genutzte Systeme zum Anlegen von Zeugnissen in der Blockchain haben wenige Vorteile, aber erhebliche Nachteile im Bezug auf den Datenschutz der Absolventen." Am Institut für Informatik der Universität Innsbruck erforscht der IT-Sicherheitsexperte mit seinem Team ein System, bei dem Zeugnisse anonym und trotzdem überprüfbar authentisch vorgezeigt werden können, etwa bei Online-Bewerbungen oder in professionellen Netzwerken. "Der Bewerber muss sich erst identifizieren, wenn er in die engere Auswahl kommt, beispielsweise beim Bewerbungsgespräch", erläutert Böhme.

  • Neben dem Schutz vor Manipulation, den die Blockchain bietet, sieht Böhme einen weiteren Vorteil in der Möglichkeit, Bewertungen im Kontext aller von einer Institution vergleichbaren Abschlüsse zu betrachten. Absolventen könnten damit überprüfbar signalisieren, dass sie zum Beispiel zu den besten zehn Prozent gehören. "Auf vielen Zeugnissen fehlt diese Information. So kann eine Noteninflation und die damit einhergehende Entwertung von Abschlüssen verhindert werden", weist der Informatiker auf einen Nebeneffekt hin. Der vielleicht größere Pluspunkt: "Bei unserem Konzept sind Zeugnisse auch dann noch überprüfbar, wenn die Bildungsinstitution nicht mehr existiert oder keine Papierdokumente mehr vorhanden sind." Das könne in Zeiten globalen Wandels und erheblicher Migration für Einzelne sehr ausschlaggebend sein.

  • Eine Herausforderung dabei sei die Frage der digitalen Identität, sprich, jeder sollte künftig die Oberhoheit über all seine persönlichen Daten behalten - das betrifft Facebook und Google ebenso wie das Bankinstitut oder die Uni - und sie nur mit ausdrücklicher Erlaubnis weitergeben. "Hier ist ein Knackpunkt, den wir in unserer Forschung behandeln. Prüfungsleistungen werden immer noch von natürlichen Personen erbracht, die vom Prüfer zu identifizieren sind. In der öffentlichen Blockchain wird nur eine Referenz auf die Identitätsinformation abgelegt, die jeder prüfen kann, der die Identität kennt - aber nichts über die Identität verrät, wenn man sie nicht kennt", erklärt Böhme.

  • Weiterbildung und Recruiting

  • Im englischsprachigen Raum gibt es bereits Blockchain-basierte Plattformen, die Online-Kurse samt "Reward System" und "Achievement Tracking" anbieten, wie BitDegree. Arbeitgeber können nachvollziehen, welche Kurse ein Plattformnutzer absolviert hat und auch Anreize für den Erwerb bestimmter (weiterer) Kenntnisse setzen. Dazu Böhme: "Der Reiz hier liegt in der Neuheit. Vieles geht auch ohne Blockchain." Die Kerntechnik sei in den 2000er-Jahren unter den Begriffen "Identitätsmanagement" und "Anonyme Credentials" erforscht worden. Große Plattformen wie EdX und Coursera würden vormachen, wie Online-Weiterbildung funktionieren könne. "Die Standards in einigen Kursen sind sehr hoch. Leider gibt es keine große österreichische Plattform", bedauert der Professor.

  • Eine Chance für Blockchains sieht der Experte darin, Licht in den Dschungel der Bildungs- und Weiterbildungsangebote zu bringen. "Der Bildungsmarkt wird zunehmend unübersichtlich. Mehr Transparenz kann helfen, die Spreu vom Weizen zu trennen - und zwar gilt das für alle Qualifikationsniveaus", unterstreicht er.

  • "Universitäten sind unersetzbar"

  • Immer wieder hört man von der Chance, mit Blockchain die Bildung zu demokratisieren. Formale und informelle Kenntnisse könnten transparent und überprüfbar einfließen. Das US-Institute for the Future (IFTF) hat etwa die Vision "The Ledger" entwickelt: So soll es künftig möglich sein, sich Fähigkeiten oder Wissen anzueignen und dafür sogenannte Edublocks zu erhalten. Diese Edublocks wiederum würden in Beziehung zum Einkommen gesetzt, das damit generiert wird. Unbeantwortet bleiben dabei viele Fragen, auch für Böhme. "Vielleicht ergeben diese Versprechen aber mehr Sinn, wenn man bedenkt, wie ungerecht der Zugang zu Bildung in den USA im Vergleich zu Österreich ist", meint er.

  • Die Blockchain-Enthusiastin Shermin Voshmgir, Gastdozentin an der Wirtschaftsuniversität Wien, sieht die Zukunft radikal und spricht davon, dass eine ganze Reihe von "Mittelsmännern", was letztlich auch auf die Universitäten zutrifft, dank Blockchain irgendwann überflüssig sein werden, weil der Wissensaustausch komplett dezentralisiert wurde. So weit will Böhme nicht gehen: "Es ist nicht die Blockchain-Technik, sondern das Internet, das den Bildungsmarkt globalisiert. Eine Blockchain hilft nur, gewisse Eigenschaften bei der Verwaltung von Zeugnissen technisch umzusetzen. Und sie ist nur eine von verschiedenen denkbaren Lösungen", so seine Meinung. Universitäten würden zudem Forschung und Lehre vereinen, das sei unersetzbar.

  • "Außerdem: Ein Abschluss ist nur etwas wert, wenn sich die Kandidaten einer schweren Prüfung unterziehen. Irgendjemand muss sich intelligente Fragen ausdenken und die Kenntnis des Stoffes sowie fachspezifische Fähigkeiten kritisch prüfen", gibt Böhme zu bedenken. Das lasse sich nicht so leicht skalieren wie Wissensaufbereitung. Denn das Internet mache es auch einfach, Lösungen auszutauschen, um in computergestützten Prüfungen zu täuschen.

  • Entscheidungsträger brauchen IT-Kenntnisse

  • Als Um und Auf betrachtet es der IT-Experte, dass Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft die Technik richtig einschätzen - "und auch selbst einmal im Selbstversuch bedienen" - lernen, damit die Weichen für die Zukunft weise gestellt würden. Programmieren 'mit den Augen eines Anwalts und dem Bauchgefühl eines Ökonoms' - das heißt, Informatikkenntnisse plus ein Spezialgebiet - werde sicherlich zur Schlüsselkompetenz. Im Grunde sollten wir aber lieber über Bildung und Informatik reden, denn: "Die Blockchain ist eine Modeerscheinung."

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