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Studierende wollen Räume, um gemeinsam zu arbeiten © Martin Lifka Photography
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"Nicht darauf warten, dass der da vorne die Welt erklärt"

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22.08.2017
  • Von Sylvia Maier-Kubala / APA-Science

  • St. Pölten (APA-Science) - Mit der Sicht Studierender und Vortragender auf aktuelle und zukünftige Anforderungen an die Hochschullehre beschäftigt sich Christian Freisleben-Teutscher vom Hochschuldidaktikzentrum SKILL an der Fachhochschule (FH) St. Pölten. Vieles sei im Umbruch und Rollen, Ansprüche sowie Zugänge würden neu definiert. Für Studenten gelte es etwa, nicht darauf zu warten, "dass der da vorn die Welt erklärt", sagte der Experte im Gespräch mit APA-Science.

  • Als zentrale Anlaufstelle der FH für Lehren und Lernen sei man um eine kontinuierliche Qualitätsentwicklung bemüht. So setze man etwa das didaktische Modell des Inverted Classroom oder Lehrprojekte zu Game Based Learning um und unterstützt Lehrende bei der Integration von neuen Methoden. "Die Studierenden wollen Gestaltungsmöglichkeiten", sagt Freisleben-Teutscher. "Sie brauchen 'Selbstlernräume', wo sie arbeiten oder sich in Kleingruppen treffen können." Die physische Anwesenheit in einer Lehrveranstaltung mache nur einen kleinen Teil des Studiums aus. Aus diesem Grund schätzt der Medienpädagoge den Inverted Classroom, bei dem die Studierenden ein Thema zuhause vorbereiten. "In der Präsenzphase geht es dann um die Vertiefung und Anwendung", erklärt er das Konzept, das eigentlich aus der Schule kommt. "Die Studierenden sind eben nicht immer anwesend - aber wenn, wollen sie arbeiten", erzählt er von sehr positiven Rückmeldungen zu seinen Methoden.

  • Vorbereitung mit Kollegen, Vertiefung vor Ort

  • "Ein möglichst vielfältiges Angebot bei den Vorbereitungsmaterialien, wie Lückentexte oder Mini-Assessments, ist wichtig", betont Freisleben-Teutscher. Ein zweites Merkmal sei der Fokus auf Peer Learning. "Ich kann mit vier Leuten in der Kleingruppe ein Video erstellen oder einen Artikel schreiben", erklärt er weiter. Doch auch in der Lehrveranstaltung selbst arbeitet der Lehrende mit vielen verschiedenen Methoden. "Man muss raus aus der Rolle des Vortragenden, auch in einer Vorlesung."

  • Das gelinge beispielsweise gut über sogenannte Audience Response Systems, eine Art Abstimmungssystem über Funk oder WLAN. Es ermöglicht im Hörsaal die Interaktion der Studenten mit dem Lehrenden. Dieser kann etwa Fragen stellen und sich über die erhaltenen Antworten einen Eindruck verschaffen, inwieweit die Studierenden mit einer Thematik vertraut sind. "Die Studenten drücken auf A, B, C oder D auf dem Smartphone. Das funktioniert gut, allerdings bei 250 Leuten vielleicht nicht mehr", schränkt er ein. Eine Alternative sei der Einsatz von QR-Codes, die mit dem Handy eingescannt werden. Der Nachteil: "Für diese Methoden benötigt man WLAN, und nicht jeder hat das am Handy".

  • Eine weitere Methode, um die Leute zur Mitarbeit zu bringen, sei das "aktive Plenum". Dabei stellt der Lehrende eine Aufgabe und die Studierenden arbeiten in Kleingruppen. In der anschließenden Auswertungsphase übernehmen Studierende die Moderationsrolle. Was macht die Lehrperson? "Sie greift dann ein, wenn jemand totalen Humbug redet", so der Medienpädagoge. Der "Shift from Teaching to Learning" ist eine zentrale Leitlinie in der FH-Strategie 2017, dennoch würden von den gut 100 hauptberuflich und 700 nebenberuflich Lehrenden nur 40 das Modell des Inverted Classroom intensiv umsetzen, wie Freisleben-Teutscher einräumt.

  • Damit diese Methoden funktionierten, sei eine möglichst gute didaktische Planung erforderlich. Eine Option ist laut dem Fachmann der Einsatz von Lernvideos, "aber nicht nur". Oder man könne die Studierenden in zwei Gruppen teilen - eine erstellt ein Quiz, die andere muss es lösen und umgekehrt. "Entscheidend ist dabei einfach, dass die jungen Leute sich aktiv mit einer Sache auseinandersetzen und nicht nur frontal bespaßt werden."

  • Anspruchsvolle Kleingruppen-Arbeit braucht Tutoren

  • Bei welcher Größenordnung stößt innovatives Lehren an seine Grenzen? "Ein Mathe-Professor in Marburg arbeitet auf diese Weise mit 500 Leuten. Ehrlicherweise muss man aber sagen, dass anspruchsvolle Kleingruppen-Arbeit auf Dauer sicher Tutorinnen und Tutoren braucht, auch wenn es für den Einstieg einfachere Methoden gibt", weist der Didaktiker auf eine gewisse Herausforderung hin. Bei vielen Lehrenden würde das didaktische Design ausschließlich oder zu stark auf die Präsenzphase fokussieren - auf Peer Learning in Kleingruppen werde gänzlich verzichtet.

  • Ein wesentliches Element für eine innovative Lehre ist für den Experten die Rollenflexibilität - auch bei den Studierenden. "Sie sollen nicht darauf warten, dass der da vorn die Welt erklärt, sondern ins Tun kommen", betont der Medienpädagoge. Natürlich bedeute dieses "Hinausbewegen aus der Komfortzone" für jene Studenten, die zuvor einen anderen Unterricht gewöhnt waren, eine Umstellung und führe zu Fragen wie: "Warum müssen wir bei Ihnen jetzt mehr hackeln?" Doch es gehe um "Learning by doing: Selber fragen, selber recherchieren, selber Literatur finden und sie auseinandernehmen - dabei geht es auch stark um Kompetenzen. Um fachliche, aber auch weit darüber hinaus, bis hin zu einer aktiveren Haltung der Welt gegenüber und mehr bürgerschaftlichem Engagement", ist Freisleben-Teutscher überzeugt.

  • Gute Didaktik fällt nicht vom Himmel

  • Gute Didaktik falle nicht vom Himmel, meint er. "Bei uns steht der Inverted Classroom in der FH-Strategie. Das heißt aber noch nichts. Das Management muss dahinterstehen. Und es geht um die laufende Weiterbildung und Coaching des Personals", erklärt er. Um die Qualitätsentwicklung in der Lehre voranzubringen, gibt es an der FH den Lehrgang "Zertifikat hochschuldidaktische Kompetenz", dessen Absolvierung vor allem neu eintretenden Dozenten nahegelegt wird.

  • Darüber hinaus sei wichtig, das Wissen um moderne Didaktik noch mehr unter den Kolleginnen und Kollegen zu verbreiten und sie etwa bei der Vorbereitung für Lehrveranstaltungen zu unterstützen. "Wir wollen Didaktik als Designprozess in noch mehr Studiengängen verankern. Es geht um eine stärkere Kommunikation des Themas gegenüber Lehrenden, aber auch Studierenden. Leuchtturmprojekte oder Erfahrungsberichte stellen wir auf unserem Blog vor. Geplant ist auch eine verstärkte interdisziplinäre Zusammenarbeit und ein Ausweiten der für Lehrgangsteilnehmer verbindlichen kollegialen Hospitation." Dieses "anderen Lehrenden bei der Arbeit über die Schulter schauen" habe als systematische Methode der hochschuldidaktischen Kompetenzentwicklung großes Erkenntnispotenzial, sei aber nach wie vor an Hochschulen wenig etabliert, heißt es dazu in den Informationsunterlagen für die Lehrgangsteilnehmer.

  • Neuer Campus soll 2020 fertig sein

  • Für die Studierenden sei der FH-Campus ein Stück Lebensraum. "Sie wollen hier Gestaltungsmöglichkeiten, das merken wir daran, wie schnell Tische, die etwa für Veranstaltungen aufgestellt werden, von Studierenden für das gemeinsame Lernen belegt werden. Die Studierenden wollen sich zum gemeinsamen Arbeiten treffen können." Diese Erkenntnisse seien in den Planungen für das neue Unigebäude, das neben der alten FH bis zum Frühjahr 2020 entstehen soll, berücksichtigt worden. In einem partizipativen Prozess wurden Ideen gesammelt, wie der "FH Campus der Zukunft" aussehen soll. "Im alten Gebäude haben wir schwere Möbel, zum Teil festangeschraubte Stühle - im neuen Haus wollten wir leicht stapelbare Sessel und Tische, 'bespielbare' Wände zum Hängen und Beschreiben, und Räume, die vernetzt sind mit digitalen Devices." Klar sei auch, dass man nicht einen Ort, an dem Milch und Honig fließen, schaffen und daneben auf das alte Gebäude vergessen wollte. "Auch dort werden Adaptionen und teilweise Umbauten vorgenommen", so die Auskunft.

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