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Kein Einzelner wird "Experte" für alle Lungenkarzinomformen sein können © APA (dpa)
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Onkologe Zielinski: "Wir werden eine extreme Spezialisierung sehen"

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31.01.2018
  • Wien (APA) - Jährlich erkranken in Österreich 39.000 Menschen an Krebs. Weltweit sind es bereits mehr als 14 Millionen Neuerkrankungen. Über Stand und Zukunft der Krebsforschung sprach die APA mit dem Wiener Onkologen Christoph Zielinski, Koordinator des Comprehensive Cancer Center (CCC) der MedUni Wien/AKH. Sein Fazit: "Wir werden in der Onkologie bessere Ergebnisse und eine extreme Spezialisierung sehen."

  • APA: Wo steht die Medizin bei Krebs?

  • Zielinski: Die Medizin hat gerade in den vergangenen Jahren bemerkenswerte Fortschritte gemacht. Das war erstens die "zielgerichtete Therapie", bei der es uns gelungen ist, einzelne Ziele bei Krebserkrankungen zu identifizieren, die wir wiederum ganz spezifisch mit Arzneimitteln ansprechen können. Der zweite Punkt ist die neue Immuntherapie zur Überwindung der Strategie von Tumoren, der körpereigenen Immunabwehr zu entkommen.

  • APA: Was haben diese beiden Ansätze bisher gebracht?

  • Zielinski: Ein Beispiel für die mögliche Anwendung von zielgerichteten Therapien bzw. Arzneimitteln, welche spezifische Signalwege in Krebszellen hemmen, ist das Lungenkarzinom. In etwa 30 Prozent der Fälle von nicht-kleinzelligen Bronchuskarzinomen haben wir bereits die Möglichkeit, solche Therapien einzusetzen. Die modernen Immuntherapien führen bei manchen Krebserkrankungen bei etwa 20 Prozent der Behandelten zu einer langfristigen Stabilisierung der Erkrankung.

  • APA: Wohin geht die Krebsforschung derzeit?

  • Zielinski: Bei der zielgerichteten Therapie werden immer mehr Anwendungsgebiete für solche Ansätze erforscht. Ein Arzneimittel, das zum Beispiel ganz spezifisch bei einer Form des Lungenkarzinoms wirkt, kann auch bei molekularbiologisch ähnlichen Zellen einer anderen Krebserkrankung wirken. Jetzt geht es darum, diese einzelnen möglichen Anwendungsgebiete zu identifizieren. Das bedeutet aber auch, dass wir erkennen, dass verschiedene Krebsarten nicht mehr einfach nach den von ihnen betroffenen Organen einzuteilen sind, sondern nach ihren molekularbiologischen Charakteristika.

  • APA: Gibt es weitere Beispiele?

  • Zielinski: Für die Immuntherapie fehlen uns Biomarker, die wirklich aussagen, ob der einzelne behandelte Patient voraussichtlich auf diese Therapie ansprechen wird oder nicht. Wir sprechen hier derzeit von monoklonalen Antikörpern, welche Oberflächenmoleküle von Tumorzellen und/oder Immunzellen - PD-1 oder PD-L1 oder CTLA-4 - blockieren und so die Abwehrreaktion des Körpers wieder in Gang bringen. Krebszellen, welche viele solche Moleküle tragen, sprechen auf die Immuntherapie besser an. Aber das Messen von PD-1 oder PD-L1 bringt nur rohe Aussagen. Wir brauchen genauere Prognosefaktoren, um die richtige Therapieentscheidung treffen zu können.

  • APA: Oft werden in eine neue Therapie gegen Krebs sofort hohe Erwartungen gesetzt. Ist das gerechtfertigt?

  • Zielinski: Die Erwartung, dass wir mit irgendeiner neuen Therapieform gegen eine Krebserkrankung plötzlich sagen können "Jetzt hamma's" ist falsch. Deshalb würde ich das Finden optimaler Kombinationstherapien als dritte wesentliche Forschungsrichtung in der heutigen Onkologie sehen. Bei den Immuntherapien versucht man derzeit den Effekt von Kombinationen zweier solcher Behandlungsmodalitäten zu beforschen. Oder man versucht, ein Immuntherapeutikum mit einem bereits bekannten Antikörper zur Hemmung der Blutversorgung von Tumoren (z.B. Bevacizumab; Anm.) zu kombinieren. Die US-Arzneimittelbehörde FDA hat erst vor wenigen Tagen die Kombination eines Immuntherapeutikums mit einem Arzneimittel der zielgerichteten Therapie zur Behandlung von Nierenzellkarzinomen zugelassen. Die Immuntherapie kann man prinzipiell mit Chemotherapie, zielgerichteten Krebsmedikamenten, neuen Krebsvakzinen und/oder Strahlentherapie kombinieren, um den Effekt der Behandlung zu erhöhen. Dazu benötigen wir aber die entsprechenden wissenschaftlichen Studien."

  • APA: In der jüngsten Vergangenheit ist viel von sogenannter CAR-T-Zell-Therapie bei Krebserkrankungen die Rede, bei denen Immunzellen des Patienten gewonnen, gentechnisch "scharf" gemacht und den Patienten dann wieder zurückgegeben werden. Was ist davon zu halten?

  • Zielinski: Die CAR-T-Zell-Technologie ist prinzipiell ein tolles Verfahren. Die Therapie scheint zum Beispiel bei bestimmten Leukämieerkrankungen gute Ergebnisse zu bringen. Vielleicht werden in Zukunft davon auch Patienten mit manchen Tumorerkrankungen profitieren. Aber es ist noch zu früh, ein endgültiges Urteil abgeben zu können.

  • APA: Sehr schnell wird in den öffentlichen Diskussionen beklagt, dass die neuen Therapien hohe Kosten verursachen. Wie ist da die Situation?

  • Zielinski: Keine Frage, wir werden in diesem Jahr durch viele neue Krebsmedikamente, vor allem bei der Immuntherapie, eine deutliche Kostensteigerung sehen. Aber man muss das in Verhältnis dazu stellen, wie sich die Therapien auf die gewonnenen Lebensjahre auswirken. Das muss man in Relation setzen. Wir können heute 80 Prozent der Frauen mit Brustkrebs im Frühstadium heilen. Das war vor einigen Jahren noch nicht möglich. Bei Brustkrebs in einem fortgeschrittenen Stadium gelingt es uns, den Zustand der Betroffenen oft über Jahre hinweg stabil zu halten. Wir werden immer mehr bisher unheilbare Krebsleiden in längerfristig chronische Erkrankungen überführen können.

  • APA: Bleiben aber trotzdem die Diskussionen über die Kosten ...

  • Zielinski: Ich habe den Eindruck, dass der Pharmaindustrie die Herausforderung auf der Kostenseite zunehmend bewusst wird und es zu einer Preisdämpfung kommen wird. Das könnte auch in der Form geschehen, dass neue Modelle gefunden werden.

  • APA: Da ist die Rede davon, dass erst dann Kosten entstehen sollen, wenn eine Therapie erfolgreich ist ...

  • Zielinski: Auch denkbar. Aber besonders wichtig sind objektive Kriterien zum Wert von Therapien. Ich habe da im Rahmen der Europäischen Gesellschaft für Medizinische Onkologie (ESMO) an einem Bewertungssystem für die Behandlung von frühen Karzinomen und für die Therapie fortgeschrittener Krebserkrankungen mitgearbeitet. Dabei werden vorliegende Daten aus wissenschaftlichen Studien eingestuft. In der Behandlung von Krebserkrankungen im Frühstadium gibt es eine Skala von eins bis vier, je höher das Rating, desto besser. In der Skala für die Behandlung fortgeschrittener Krebserkrankungen ist die Skala komplexer. Ein Beispiel: Um den Wert 4 zu erhalten, muss mit einem neuen Medikament oder mit einer neuen Behandlungsstrategie die Überlebenswahrscheinlichkeit oder der Zeitraum bis zum Fortschreiten einer Krebserkrankung zumindest um 30 Prozent erhöht werden. Solche objektiven Maßstäbe sind wichtig, um auch die Verwendung dieser Therapien zu rechtfertigen.

  • APA: Was würden Sie sich für die Onkologie in Österreich wünschen?

  • Zielinski: Wir brauchen mehr Forschung, mehr Verbindung von Grundlagen- und klinischer Forschung für die Behandlung von Patienten. Diese "translationale" Forschung, in der Fragestellungen bei Patienten schnell in wissenschaftliche Studien "übersetzt" und deren Ergebnisse dann wieder gleich an Patienten getestet werden, werden immer wichtiger. Dafür benötigen wir aber auch das notwendige Geld.

  • APA: Wodurch wird das Fach des Onkologen in Zukunft gekennzeichnet sein?

  • Zielinski: Wir werden eine enorme Spezialisierung sehen. Den Onkologen, der "Krebs" ganz allgemein behandelt, wird es nicht mehr geben. Dazu ist die Sache schon jetzt viel zu komplex. Kein einzelner Onkologe wird zum Beispiel "Experte" für alle Lungenkarzinomformen sein können. Das wird aber auch dazu führen, dass die Betreuung von Krebspatienten zunehmend auf spezialisierte Zentren konzentriert wird, die gleichzeitig in der Forschung engagiert sind.

  • (Das Gespräch führte Wolfgang Wagner/APA)

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