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Open Innovation: Von Einzelfällen zur Systematik

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27.11.2015
  • Von Stefan Thaler / APA-Science

  • Wien (APA-Science) - An Open Innovation führt kaum mehr ein Weg vorbei, allerdings steht Österreich hier erst am Anfang. Warum eine mangelhafte Umsetzung im Desaster enden kann, Kunden ihre Probleme selber lösen, wenn die Unternehmen zu langsam sind und welche Rolle Lead User spielen, erklärten Experten gegenüber APA-Science.

  • Open Innovation ist nicht nur ein Trend, sondern eher schon ein Hype, erklärte Johann Füller, Professor für Innovation und Entrepreneurship an der Universität Innsbruck sowie Gründer und Vorstand der HYVE AG (München). Es gelte mittlerweile als en vogue, mit externen Partnern, Kunden, Zulieferern, Unis, ja sogar der Masse zu innovieren. „Von einer tatsächlichen systematischen Nutzung von Open Innovation sind wir jedoch noch weit entfernt“, so Füller. Derzeit würden – wenn überhaupt – meist erst Piloten durchgeführt und erste Anwendungserfahrungen gewonnen.

  • Ein professionelles Innovationsmanagement hätten derzeit eher größere Unternehmen, etwa Swarovski. Allerdings wäre das Thema gerade für kleine, mittelständische und sogar Kleinstbetriebe spannend, wie Open Innovation Südtirol zeige. „Die Ressourcen eines Mittelständlers sind zunächst einmal begrenzt. Gleichzeitig kann er aber besonders stark profitieren, wenn er den Hebel vergrößert“, sieht auch Nikolaus Franke, Gründer und Chef des Instituts für Entrepreneurship und Innovation an der Wirtschaftsuniversität (WU) Wien, Potenzial für KMUs. Für sie könne es besonders hilfreich sein, sich an die Außenwelt zu wenden.

  • Großbetriebe als Vorreiter

  • In Kontinentaleuropa sei man generell etwas abwartender als in Nordeuropa – Stichwort Lego – oder den USA gewesen. Seit einiger Zeit habe man aber verstärkt bemerkt, dass das kein Strohfeuer, keine Modeerscheinung ist, sondern hier ein Megatrend stattfindet – eine Sache, die sich auch nicht mehr umkehren werde. „In Österreich gab es schon lange Bewusstsein dafür. OMV, Ottakringer, Palfinger, Magna, Kapsch und Co. wollten beispielsweise sehr früh wissen, was sich da tut und das gleich ausprobieren“, so Franke. Der Großteil der Unternehmen hätte aber erst in den vergangenen Jahren erkannt, dass man in diesem Bereich aktiv werden sollte.

  • Der klassische Vorteil des Unternehmens sei gewesen, dass es eine Aggregation von Wissen zustande bringt. „In der Forschungs- und Entwicklungsabteilung sitzen 20 Leute beisammen, die miteinander arbeiten. Das ist mehr als ein einzelner User kann.“ Inzwischen gebe es laut internationalen Studien aber Millionen um Millionen User, die selbst innovativ werden. „Das sind keine Einzelfälle mehr, sondern eine Systematik, die da dahinter steckt – und die wird natürlich sehr stark begünstigt durch Online-Communities, Foren, Co-Working-Spaces und anderen Möglichkeiten, sich auszutauschen“, erklärte Franke im Gespräch mit APA-Science.

  • Unternehmenskultur und Expertise

  • Hemmnisse scheinen nach wie vor die Unternehmenskultur und die mangelnde Expertise im Umgang mit den neuen Möglichkeiten zu sein. „Von einer geschlossenen auf eine offene Vorgehensweise umzuschalten, das klingt so einfach und braucht dennoch Überzeugungsarbeit und einen Perspektivenwechsel“, meint Füller. Es gehe darum, nicht mehr alles selbst und im Geheimen zu machen, sondern sich erst umzuschauen, welche Lösungen bereits existieren oder welche Expertise und Teams auch außerhalb des Unternehmens vorhanden sind. „Diese Erkenntnis ist für Bildungs- und Forschungseinrichtungen gleichermaßen schwer wie für Industrie und Verwaltung“, so Füller.

  • Darüber hinaus brauche es natürlich auch eine gewisse Expertise, die man sich aneignen oder mit entsprechenden Open Innovation-Experten anreichern könne. „In Märkten, die sich radikal und rasch ändern, ist die Öffnung umso wichtiger, da man das notwendige Know-how meist nicht – nicht vollständig – in den eigenen Reihen hat“, ist der Experte überzeugt. Entwicklungsabteilungen, egal welcher Größe, könnten nicht alles wissen, da sie nicht überall und ständig präsent seien. „Aber gerade ein lokales, spezifisches Erlebnis kann Auslöser für eine neue Innovation sein. Deshalb sind es oft Anwender, die radikal neue Lösungen hervorbringen“, erklärte der Experte der Uni Innsbruck.

  • Großer interner Widerstand

  • Die Unternehmen müssten mehr machen als nur schnell eine neue Methode – Lead User, Crowdsourcing und Co. – einsetzen, so Franke: „Wenn man im Unternehmen nichts ändert, wird man mit einer hohen Wahrscheinlichkeit scheitern. Einfach auch, weil die Abwehrreaktionen im Unternehmen sehr stark sein werden.“ Er verweist auf das sogenannte „Not-invented-here-Syndrom“, also dass Ideen, Gedanken und Erfindungen von außerhalb des Unternehmens abgelehnt werden. „Das ist ein Riesenproblem. Da gibt es hervorragenden Input von Usern und dann verläuft das im Sand oder es wird problematisiert, boykottiert und am Schluss kommt nichts raus, weil die entsprechenden Fachabteilungen es einfach nicht tun wollen.“

  • Füller verweist diesbezüglich auf unterschiedliche Incentives, die man Mitarbeitern für ihre Mitwirkung am Innovationsprozess anbieten kann. Diese reichen von der bloßen Anerkennung über fundiertes Feedback bis hin zur Teilnahme an interessanten Veranstaltungen und sogar monetären Preisen. „Am wichtigsten, damit Mitarbeiter engagiert mitwirken, ist es aber, dass Innovation in Unternehmen und Organisationen an sich einen Stellenwert besitzt und Innovation auch in die Prozesse und sogar in die täglichen Abläufe verankert wird. Schließlich handelt es sich hierbei nicht nur um ein bloßes Hobby, sondern um eine absolute Notwendigkeit.“

  • Anreizsysteme könnten durchaus erfolgreich sein, allerdings müsse auch klar sein: „Wer sich jetzt dagegen stemmt, der führt letztlich einen verlorenen Kampf“, erklärte Franke, der gerade erst vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston (USA), an dem er als Gastprofessor tätig war, zurückgekehrt ist. Die Firmen sollten rechtzeitig darüber nachdenken, wie sie Open Innovation gemeinsam mit den Mitarbeitern umsetzen können und welche Funktionen es auch weiterhin im Unternehmen braucht, um Ideen und die Kreativität von außerhalb zu kanalisieren.

  • Fairness gegenüber dem User

  • „Wer glaubt, dass das wie in einem Supermarkt ist, in dem die Kassen abmontiert sind, und man sich frei bedienen kann, wird ein Desaster erleben. Unsere Untersuchungen zeigen, dass die Bedeutung von Fairness für die User ungeheuer groß und sogar wichtiger als der Eigennutz ist.“ Unternehmen sollten sich laut Franke in einem ausbalancierten Ökosystem mit ihrer Umwelt positionieren. Man müsse darauf schauen, dass es für Unternehmensexterne auch dauerhaft eine sinnvolle, faire Beziehung sei und ihnen ihre Kreativität nicht einfach weggenommen werde.

  • Dass die User inzwischen oft schneller auf einen hohen Problemdruck reagieren als die Unternehmen, zeige die Initiative „We Are Not Waiting“: „Diabetes Typ 1-Patienten berechnen permanent, wieviel Insulin sie sich zuführen müssen. Deshalb haben sich die User an die Hersteller gewandt und ein Gerät gefordert, das das übernimmt und die Kalkulation verbessert. Die Hersteller antworteten, dass sie daran arbeiten und ein entsprechendes Produkt in rund fünf Jahren auf den Markt kommt.“

  • Daraufhin hätten sich die Patienten – „darunter Experten für alles Mögliche“ – weltweit organisiert und gemeinsam ein Gerät entwickelt, das das Problem löst. „Das ist kennzeichnend dafür, wie aus dem Nichts heraus Initiativen entstehen können. Unternehmen müssen sich darauf einstellen, dass die Leute sehr schnell Mittel und Wege finden, wenn sie ein Problem dringend lösen wollen. Und diese Mittel und Wege haben sich sehr stark verbessert.“

  • Weisheit der Masse vs. Lead User

  • An diesem Beispiel zeige sich auch ein wichtiger Punkt bezüglich der viel zitierten „Weisheit der Masse“: „Es geht nicht um den Durchschnitt, sondern um diejenigen, die aus der Masse herausragen, die nicht repräsentativ sind für die Masse, sondern die einen Trend als Lead User anführen“, erklärte Franke. Wenn die NASA nach einem Algorithmus suche, der die Weltraumstrahlung bei Reparaturarbeiten im All minimiert, könne die Masse das Problem nicht lösen. „Aber dann gibt es vielleicht einen Statistiker oder Mechatroniker, der zufällig an etwas Ähnlichem gearbeitet hat und für den die Lösung relativ einfach ist. Die Wahrscheinlichkeit, dass der zufälligerweise gerade bei der NASA arbeitet, ist sehr gering.“

  • „Im Innovationsprozess kommt es nicht auf den Durchschnitt aller Meinungen an oder auf die durchschnittliche Qualität aller Ideen, sondern auf herausragende Ideen, sogenannte Outlier. Es gilt, diese zu identifizieren und weiterzuentwickeln“, erklärte auch Füller. Das komme aber oft einer Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen gleich.

  • Innovationsleistung auslagern

  • Stark im Aufwind seien derzeit Innovationsplattformen wie InnoCentive, auf die Unternehmen ihre Probleme auslagern und dort Kreative nach Lösungen suchen lassen. Kritik daran, dass dabei nur einer das Preisgeld bekommen kann und viele durch die Finger schauen, relativieren die Experten. „Man verdient sein Geld nicht dadurch, dass man irgendwo eingestellt wurde, sondern dass man Lösungen generiert. Es wird sehr stark ein Marktprinzip eingeführt“, so Franke. Er weist auch darauf hin, dass die Teilnehmer die Plattform üblicherweise nicht als Haupteinnahmequelle, sondern die Probleme als Herausforderung sehen. „Laut Untersuchungen sind das Probleme, die außerhalb der Kompetenz des Unternehmens liegen, respektive an denen sie gescheitert sind. Und wenn sie dazu Lösungen bekommen, dann schafft das Wert.“

  • Diese Plattformen würden dazu beitragen, „dass selbst Kreativität und Ideenreichtum zur Commodity werden“, so Füller. „Allerdings ist dies nicht wirklich neu, denn schon frühere Philosophen und Denker sagten, dass eine Idee alleine nichts wert ist, sondern dass es um die Umsetzung und Realisierung geht. Gerade in diesen späteren Innovationsphasen ist die Würdigung sicherlich vorhanden, nur trennt sich da auch die Spreu vom Weizen.“

  • Dass Firmen gewisse Vorbehalte hätten, sich zu öffnen, weil sie nicht zu viel von sich preisgeben wollen, hält Franke für eher unbegründet. „Es geht ja für Unternehmen nicht primär darum, das Innerste nach außen zu kehren.“ Würde beispielsweise über Crowdsourcing-Plattformen wie InnoCentive ein bestimmtes Problem veröffentlicht, gehe es meist um isolierte technologische Einzelaspekte, die kaum Rückschlüsse erlauben – etwa an welchem Produkt man arbeitet. Meist werde auch das Unternehmen gar nicht genannt. „Außerdem ist die Vorstellung des Unternehmens als eine Art Informationsfestung sowieso falsch. Da wechseln Mitarbeiter, da trifft man sich auf Messen. Die Unternehmen wissen wechselweise sehr gut was läuft. Insofern würde ich denken, diese Risiken werden eher überschätzt“, so der Experte gegenüber APA-Science.

  • Bewusstseinsbildung nur erster Schritt

  • Einen Schub für Open Innovation erwartet sich Franke durch die Schaffung von mehr Bewusstsein. Wichtige Einflussfaktoren dabei seien klarerweise Politik und Medien. Angesprochen auf die Open Innovation-Initiative der Bundesregierung, meinte er: „Bewusstseinsbildung ist ein erster Schritt. Es sollte nicht der letzte sein.“ Auch Füller wünscht sich, „dass es nicht nur bei einer geistigen Auseinandersetzung bleibt, sondern dass es zu einer konkreten Umsetzung kommt.“

  • Vor allem sei eine weitere Unterstützung in Hinblick auf die Rahmenbedingungen – konkret mehr Förderung und Forschung in dem Bereich – notwendig, sagte Franke. Derzeit würden viele Unternehmen getrennt vor sich hin experimentieren, um herauszufinden, wie man Open Innovation erfolgreich umsetzt, um dann etwaige Erkenntnisse für sich zu behalten. Hier könnte die akademische Forschung als Multiplikator fungieren. „Wir publizieren unsere Erkenntnisse und das wird dann Allgemeingut.“

  • Blick in die Zukunft

  • Open Innovation ist gekommen, um zu bleiben. Das zeigt auch ein Ausblick der Experten. „Bereits jetzt und in naher Zukunft wird sich die Vorgehensweise und Art des Innovierens nochmal schlagartig ändern und sozusagen selbst innovieren, da wir mit der Digitalisierung zu ganzheitlichen Wertschöpfungsangeboten kommen und die Lösungen immer schneller von sogenannten Ökosystemen und Plattformen angeboten werden“, ist Füller überzeugt. Eine Zusammenarbeit und Innovation in Netzwerken innerhalb von Unternehmen und außerhalb mit unterschiedlichen Partnern der Wertschöpfungskette sei daher unerlässlich. „Hierfür entsteht ein ganzes Spektrum von neuen Methoden, Tools, ja sogar Organisationsstrategien.“

  • Dass die Anzahl der Plattformen und Intermediäre zunehmen und sich differenzierter ausprägen wird, prognostiziert auch Franke. Beispielsweise entstünden hybride Organisationen, die ein Mittelding zwischen User-Community und Unternehmen sind. „Es wird ganz normal sein, dass wir uns bei bestimmten Fragen oder Aufgaben nach außen orientieren. In fünf bis zehn Jahren wird man nicht mehr verstehen, dass es Unternehmen oder Organisationen gegeben hat, die dem zögerlich oder negativ gegenüber getreten sind.“

  • „Es werden sich Veränderungen ergeben, die aus heutiger Sicht, radikal sind. Aber wir werden die Radikalität nicht so stark merken, es wird einfach Schritt für Schritt passieren“, so Franke.

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