Gastkommentar

Brigitte Karigl © Umweltbundesamt/B.Gröger
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Dossier

"Produziert für die Deponie? Einblick in die letzten Senken"

Gastkommentar

31.03.2017
  • Wien (Gastkommentar) - Die Abfallwirtschaft in Österreich ist in vielerlei Hinsicht vorbildlich. Immerhin hat sich in den letzten drei Jahrzehnten aus der Notwendigkeit, Abfälle zu sammeln und umweltgerecht zu behandeln, ein bedeutender Wirtschaftszweig mit ca. 40.000 Beschäftigten entwickelt. Europaweit muss Österreich den Vergleich nicht scheuen, weisen doch Studien von Eurostat und der europäischen Umweltagentur auf eine Vorreiterrolle Österreichs bei der Erreichung von Recyclingquoten hin.

  • Was das Recycling betrifft, kann die österreichische Abfallwirtschaft auf einem hohen Niveau aufbauen und ist gut gerüstet für zukünftige Anforderungen aus zunehmender Ressourcenknappheit, Ressourceneffizienz und den Rahmenbedingungen der Kreislaufwirtschaft. Dazu kommt, dass in der österreichischen Abfallwirtschaft bereits viele innovative technologische Verfahren zum Einsatz kommen. Damit ist ein guter Ausgangspunkt für erfolgreichen Know-how-Transfer ins Ausland gegeben.

  • Die Deponien sind Teil dieser Erfolgsgeschichte. Mit den wilden Kippen der 1960er und -70er Jahre und den damit verbundenen Umweltproblemen oder sogar -skandalen haben die geordneten Deponien der 2000er Jahre nichts mehr gemein. Dass die endgültige Abfallbeseitigung mittlerweile so selbstverständlich erscheint, ist das Ergebnis jahrzehntelanger gesellschaftlicher und finanzieller Anstrengungen, Umweltschäden aus der Vergangenheit zu beseitigen und zukünftige Auswirkungen auf Gesundheit und Umwelt so gering wie möglich zu halten. Die Ausstattung und der Betrieb von Deponien sind heute genau geregelt. Betreiber und Behörden stehen in der Praxis des Deponiebetriebs, aber auch bei der Stilllegung, immer wieder vor ökologischen, aber auch wirtschaftlichen Herausforderungen, die im Einzelfall gelöst werden müssen.

  • Mit Status 2015 gibt es in Österreich 198 Deponien (Reststoff-, Massenabfall, Baurestmassen- und Inertabfalldeponien) mit einer freien Kapazität von insgesamt ca. 60 Mio. m3, auf denen überwiegend vorbehandelte Abfälle abgelagert werden. Der größte Anteil entfällt auf Abfälle mineralischen Ursprungs, wie Schlacken und Aschen aus thermischen Prozessen (Abfallverbrennung, Metallerzeugung) oder mineralischer Bauschutt. Für die Ablagerung von nicht kontaminiertem Bodenaushubmaterial stehen weitere 801 Bodenaushubdeponien mit einer freien Kapazität von rd. 88 Mio. m3 zur Verfügung. Aushubmaterialien sind die mengenmäßig größte Abfallfraktion, die in Österreich anfällt, und auch die Art von Abfällen, die mengenmäßig bei der Deponierung die größte Rolle spielt: Das gesamte Abfallaufkommen in Österreich betrug im Jahr 2015 ca. 59,8 Mio. Tonnen, davon rund 32,8 Mio. Tonnen Aushubmaterialien. Auf den Deponien wurden 2015 ca. 25,8 Mio. Tonnen Abfall abgelagert, der Großteil davon - rund 23,3 Mio. Tonnen - wiederum Aushubmaterial.

  • Im europäischen Spitzenfeld liegt Österreich bei der Deponierung von Siedlungsabfällen. Die rechtlichen Regelungen haben das ihre dazu beigetragen: Seit 2004 ist in Österreich die Ablagerung von unbehandelten Abfällen mit hohem organischem Anteil, dazu zählen insbesondere auch Haushaltsabfälle, grundsätzlich verboten, seit 2009 wird ausnahmslos kein solcher Abfall mehr deponiert.

  • Was heute auf die Deponie gebracht wird, unterliegt einem strengen Annahmeverfahren. Vorbehandelte Abfälle dürfen -bis auf wenige Ausnahmen - maximal fünf Masseprozent organischen Anteil aufweisen. Davon profitiert die heimische Klimabilanz. Diese Maßnahme hat zu einer beachtlichen Reduktion der Treibhausgas-Emissionen aus den Deponien geführt, zwischen 1990 und 2014 sind diese ausgehend von ca. vier Mio. Tonnen um knapp 64 Prozent auf ca. 1,4 Mio. Tonnen CO2-Äquivalente gesunken. Dieser Trend wird sich zukünftig - wenn auch deutlich langsamer - fortsetzen.

  • Auf der Suche nach wiederverwertbaren Ressourcen sind die Deponien in den letzten Jahren erneut ins Blickfeld gerückt. Aktuelle Forschungsansätze widmen sich dem Landfill Mining, also der Gewinnung potenzieller Rohstoffe aus Deponien. Aus der Zeit vor dem Jahr 1998 weiß man noch zu wenig über die Zusammensetzung der abgelagerten Abfälle auf den Deponiestandorten, um nutzbare Rohstoffe zu detektieren. Inwieweit diese Erschließung der Ressourcenlager in den Deponien wirtschaftlich ist, hängt aber nicht zuletzt auch von einigen wirtschaftlichen Faktoren ab, wie den Kosten von Rückbau und Aufbereitung, erzielbare Erlöse für das Recycling ausgewählter Wertstoffe, die wiederum abhängig sind von Weltmarktpreis und Sekundärrohstoffmarkt. Kosten können auch bei der Nachsorge bestehender Deponien anfallen, aber auch zusätzliche positive Effekte sind möglich, wie die Gewinnung von Deponieraum oder Flächen zur Nachnutzung. Die letzten Senken haben jedenfalls noch nicht ausgedient und werden auch in den nächsten Jahren unverzichtbarer Bestandteil einer nachhaltigen Abfallwirtschaft in Österreich bleiben.

Zur Person

Brigitte Karigl, Leiterin der Abteilung Abfall und Stoffflussmanagement im Umweltbundesamt

Dr.in Brigitte Karigl ist seit mehr als 20 Jahren im Umweltbundesamt, der nach eigenen Angaben "führenden ExpertInneneinrichtung" für Umwelt in Österreich, tätig und leitet seit 2003 die Abteilung Abfall und Stoffflussmanagement. Die ausgebildete Technische Chemikerin ist Expertin für Fragestellungen zur Abfallwirtschaft. Gemeinsam mit ihrem Team bearbeitet sie Themen rund um Umweltauswirkungen der Abfallbehandlung, Abfallvermeidung und Abfallstatistik in Österreich. International leitet Brigitte Karigl Projekte zur Implementierung der EU-Abfallgesetzgebung in den Ländern des Westbalkans.

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