Dossier

Forscher arbeiten an Maßnahmen gegen das Eschensterben © APA (Lang)
5
Dossier

Rettungsaktion samt "Vaterschaftstest" soll Eschensterben beenden

Dossier

31.05.2017
  • Wien (APA) - (Artikel vom 15.5.2017)

  • Vor rund zehn Jahren wurde eine tödliche Bedrohung für den Eschenbestand in Österreich erkannt: Hymenoscyphus fraxineus, ein vermutlich mit asiatischen Eschenarten eingeschleppter Schlauchpilz. "Das Erhalten überlebensfähiger Populationen ist die einzige Möglichkeit, dem zu begegnen", sagte Thomas Geburek vom Bundesforschungszentrum für Wald. In einem Versuchsgarten bei Tulln wird das umgesetzt.

  • Der Schlauchpilz führt normalerweise zum Absterben des gesamten Baumes. Das sogenannte Eschentriebsterben hat inzwischen in fast ganz Europa eingesetzt. Aktuell ist deswegen sogar der Donau-Auwald in Korneuburg seit vergangenem Dezember gesperrt, da die toten, umstürzenden Bäume auch potenzielle Lebensgefahr für Menschen bedeuten können.

  • Suche nach Überlebenden

  • Doch es gibt Ausnahmen, denn einzelne Exemplare der verschiedenen heimischen Eschenarten können sich gegen den Schädling behaupten. Und das ist der Ausgangspunkt der vor zwei Jahren vom Bundesforschungszentrum für Wald (BFW) und der Universität für Bodenkultur Wien (Boku) gestarteten Initiative namens "Esche in Not". "Wir haben gute Chancen, die Esche langfristig zu erhalten", prognostizierte Geburek, der am BFW das Institut für Waldgenetik leitet, die Zukunft des nicht nur für die Forstwirtschaft wichtigen Baumes.

  • Mit der Vorgehensweise, die etwa auf mehrfache Selektionsschritte setzt, befindet sich Österreich an vorderster Front im Kampf und den Erhalt der Baumart, so der Experte. Trotzdem werde der Bestand sicherlich auch weiterhin zahlenmäßig zurückgehen.

  • Anlage und Umwelt machen resistent

  • Ganz einfach gestaltet sich die Rettungsaktion jedenfalls nicht, denn wenn man auch gesunde oder resistente Bäume in der Natur findet, so gibt es trotzdem keine eindeutige Antwort darauf, warum das so ist. "Es ist nicht so, dass es zu 100 Prozent resistente Eschen gibt", erläutert der Experte im Gespräch mit der APA. Das bedeutet wiederum, dass es für diese Krankheit, die durch das Falsche Weiße Stängelbecherchen hervorgerufen wird, auch keine 100-prozentig genetisch bedingte Toleranz gibt. Diese macht wissenschaftlichen Schätzungen zufolge 40 bis 60 Prozent aus. Denn zusätzlich ist ein beträchtlicher Teil der Resistenz auch durch Umweltfaktoren zu erklären: "An den verschiedenen Standorten gibt es etwa eine unterschiedliche Wasser- und Nährstoffversorgung", sagte Geburek beispielsweise.

  • Daher gilt es zur Auslese der überlebensfähigen Eschen, diese unter standardisierten Umweltbedingungen dem Schädling auszusetzen - und das geschieht im Versuchsgarten bei Tulln. "Hier erzeugt man einen künstlichen, aber kontrollierten starken Infektionsdruck und stellt dann eine Rangfolge der Überlebensfähigkeit der Pflanzen auf", erklärte der Wissenschafter die Vorgehensweise. Diese Pflanzen sind sozusagen die "Kinder" von zuvor rund 1.000 als überlebensfähig identifizierten Mutterbäumen in ganz Österreich. "Einen Großteil davon haben wir schon, und von diesen wurde das Saatgut für den Anbau in Tulln geerntet." Für diese "Resistenzprüfung" ist eine Anzahl von 50 bis 60 Nachkommen pro Mutterbaum vorgesehen, die noch dieses Jahr erreicht wird, womit man auf eine Population von bis zu 60.000 Eschen kommen wird.

  • Suche nach richtigem "Vater"

  • Auch dann ist die Rettungsaktion noch nicht zu Ende, denn nach dem Ranking der überlebensfähigsten Eschen-"Kinder" muss als nächster Schritt der männliche "Paarungspartner" gefunden werden. Dazu muss noch einmal der Standort der jeweiligen beernteten Mutterbäume aufgesucht werden, wo man im Umkreis den Pollenspender, also den "Vater" der resistenten Esche suchen muss. "Hat man einen Baum, der infrage kommt, nimmt man von diesem eine Probe, um einen 'Vaterschaftstest' zu machen", erklärte Geburek. Dann erst kann man von den "Elternbäumen" mittels kleiner Astzweige endlich neue Jungbäume auf einer Erhaltungsplantage pflanzen, die dann später einmal resistentes Saatgut produzieren werden. Letzteres wird laut dem Experten 15 bis 20 Jahre dauern.

  • "Es wird aber auch davor schon eine Zwischenlösung geben", kündigte Geburek an. Denn in zwei bis drei Jahren werden aus den kontrollierten Sämlingen in Tulln die besonders überlebensfähigen per Stecklingsvermehrung dupliziert und können so schon vorher wieder in das Ökosystem Eingang finden.

  • Service: http://www.esche-in-not.at

STICHWÖRTER
Eingeschleppte Arten  | Wald  | Botanik  | Wien  | Österreich  | Dossier  | Österreichweit  | Umwelt  | Natur  | Ressourcen  | Flächenreserven  | Wissenschaft  | Naturwissenschaften  | Biologie  | Genetik  |

Dossier

Bereits seit Hunderten von Jahren siedeln sich Tiere, Pflanzen, Pilze oder Mikroorganismen durch Aktivitäten des Menschen fern ihrer Heimat an und erobern neuen Lebensraum. Die Hauptverschleppung aber ...

Gastkommentare

"Einfuhrkontrolle auf invasive Arten - Umsetzung der EU-Verordnung"
von Christina Topitschnig
Expertin des Amtlichen Pflanzenschutzdienstes
"Neophyten sind in Tirol allgegenwärtig"
von Konrad Pagitz
Institut für Botanik der Universität Innsbruck
"Mit Hilfe der Bürger Neobiota aufspüren"
von Daniel Dörler
Florian Heigl und Johann G. Zaller; Arbeitsgruppe für Citizen Science
"Neobiota im Garten - eine differenzierte Betrachtung"
von Peter Fischer-Colbrie
Ehrenpräsident der Österreichischen Gartenbau-Gesellschaft
"Evolution im Fluss?"
von Erika Dorn
Nationalpark Donau-Auen

Hintergrundmeldungen

Auf Hawaii gibt es weltweit die meisten Neobiota © APA (AFP)

Invasive Arten befallen vor allem Inseln und Küstenregionen

In vielen Regionen der Erde verdrängen vom Menschen eingeschleppte Pflanzen und ...
Kommerzielle Nützlinge wie Schlupfwespen fressen Eier des Maiszünslers (Bild) © APA (Harald Berger/US)

Landwirte haben ein Auge auf exotische Schädlinge

Der Europäischen Union entstehen durch eingeschleppte Arten ("Neobiota") ...
Ragweed ist derzeit der gefährlichste Neophyt für Menschen © APA (dpa)

Neobiota als Krankmacher: Risiken überschaubar

Eingeschleppte Arten können in Umwelt und Landwirtschaft großen Schaden ...
Der Karpfen wird in Europa als "invasive Art" klassifiziert © APA (dpa)

Neobiota beschäftigen Wissenschaft schon eine Weile

Der Zuzug und Einfluss von Tieren, Pflanzen, Pilzen oder gar Mikroorganismen in ...
Forscher arbeiten an Maßnahmen gegen das Eschensterben © APA (Lang)

Rettungsaktion samt "Vaterschaftstest" soll Eschensterben beenden

(Artikel vom 15.5.2017)Vor rund zehn Jahren wurde eine tödliche Bedrohung für ...
Erstmals wurden Proben österreichischer Tiere analysiert © Vetmeduni Vienna/Tanja Duscher

Eingewanderter Marderhund könnte heimische Parasiten gut verteilen

(Artikel vom 05.04.2017)Ursprünglich in Nordamerika und in Asien heimisch, ...

Mehr zum Thema