Gastkommentar

Christoph Gisinger © Haus der Barmherzigkeit
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Dossier

"Roboter als Pflegekräfte?"

Gastkommentar

05.05.2017
  • Wien (Gastkommentar) - Sooft mir die Frage "Würden Sie sich von einem Roboter pflegen lassen?" gestellt wird, kann ich nur mit "Ja, natürlich" antworten, jedoch nicht ohne großes nachfolgendes "Aber". Denn es kommt darauf an, was man genau unter "Roboter" versteht: ein technisches Hilfsmittel mit intelligenter und zumindest teilweise autonomer Steuerungs- und Interaktionsfunktion, oder einen "Ersatzmenschen". Mit einem "intelligenten Badelifter" oder einer "Smart-Toilette" hätte ich keine Probleme, wenn ich dadurch länger unabhängig und selbstständig leben könnte. Allerdings würde ich einen Pflegeroboter ablehnen, der einen Menschen bzw. eine Pflegeperson vortäuscht, wenn so etwas überhaupt einmal technisch tatsächlich möglich sein sollte.

  • Derzeit kommen in Österreich noch keine humanoiden bzw. täuschend anthromorphen Roboter zum Einsatz, doch gibt es solche "Pflegeroboter" bereits in Video-Clips. Diese funktionieren jedoch ausschließlich in Laborsituationen. Ein kabelloser Betrieb ist nur begrenzte Zeit (ca. 20 bis 30 Minuten) möglich und er ist auf die Unterstützung einer Unzahl von Technikern und Spezialisten angewiesen. Allerdings sind solche "Aufführungen", bei denen keine echten pflegebedürftigen Menschen sondern Puppen bzw. gesunde Versuchspersonen gezeigt werden, wichtig, um das Potenzial der technischen Möglichkeiten aufzuzeigen und die Forschung voranzutreiben. Bei den gegenwärtig in der Praxis eingesetzten "Robotern" handelt es sich um mehr oder weniger autonome Assistenz-Systeme, die im Bereich Sicherheit, Kommunikation und Tagesstruktur eingesetzt werden können. Das Haus der Barmherzigkeit ist selbst Partner bei zwei von der EU geförderten, großen internationalen Projekten und wir hatten Gelegenheit, hier praktische Erfahrungen zu sammeln. Unsere Ergebnisse begeisterten die Techniker, weil wir zeigen konnten, dass diese - allerdings mit beschränkter Funktionalität ausgestatteten Systeme - tatsächlich auch außerhalb des Labors über mehrere Wochen bis Monate eingesetzt werden können. Menschen, die in ihrem Alltag tatsächlich in der Pflege arbeiten, waren aber eher enttäuscht, weil die Funktionalität dieser Assistenzsysteme sehr rasch an ihre Grenzen gestoßen ist.

  • In unserem Pflegekrankenhaus in der Seeböckgasse werden Roboter von den Bewohnerinnen und Bewohnern erstaunlich offen angenommen. Es gibt überhaupt keine Berührungsängste. Unsere Workshops haben auch gezeigt, dass die Erwartungshaltung gegenüber diesen "technischen Assistenz-Systemen" die ist, dass das Aussehen irgendwie an Menschen erinnern sollte, also anthropomorph gestaltet sein sollte. Die Maschine sollte zwar so etwas wie Kopf oder Arme haben, aber der Roboter-Charakter sollte klar erkennbar bleiben. Viele unserer Bewohner nennen unseren Roboter aus dem Strands-Projekt bei seinem Namen (Henry) und sprechen mit ihm, so wie vielleicht früher mit ihrem Auto. Insbesondere bei intimen Angelegenheiten (beispielsweise bei der Körperhygiene) sind Menschen eher dazu bereit, technischen Hilfen den Vorzug gegenüber der Unterstützung durch Personen zu geben.

  • Pflegeroboter können jedoch das Pflegepersonal niemals ersetzen, schon aus physikalischen, technischen und wirtschaftlichen Gründen wäre dies nicht denkbar. Gerade die Navigation in Wohnbereichen stellt eine besondere Herausforderung dar: häufig ist es sehr eng, unvorhergesehene Hindernisse treten auf, andere "Verkehrsteilnehmer" kreuzen den Weg und das alles ohne die Regeln einer Straßenverkehrsordnung. Hinzu kommt die Notwendigkeit, einerseits relativ schmal und wendig zu sein und andererseits große Stabilität aufzuweisen und das bei einem möglichst geringen Gewicht. Theoretisch ist zwar vieles machbar; allerdings stößt man im Langzeiteinsatz bald an Grenzen. Vor allem durch eine beschränkte Akku-Laufzeit. Außerdem bewegen sich die Kosten von solch komplexen Systemen wirtschaftlich auf dem Niveau von Einfamilienhäusern. Pflegepersonen werden und sollen daher auf absehbare Zeit keinesfalls ersetzt werden, schon gar nicht im Hinblick auf die zwischenmenschliche Interaktion. Für Teilaufgaben könnten Roboter im Pflegebereich jedoch das Pflegepersonal unterstützen.

  • Nicht außer Acht lassen darf man natürlich auch die Gründe, die gegen den Einsatz von Pflegerobotern sprechen. Denn wir wissen aus Studien, dass Menschen, sollte das überhaupt jemals technisch machbar sein, Roboter ablehnen, die einem Menschen täuschend gleichen. Weitere Probleme umfassen natürlich den Datenschutz, die Gefahr von "Cybercrime" und den Schutz der Privatsphäre.

  • Die Einsetzbarkeit von Robotern in naher Zukunft wird zunächst eher in den Privathaushalten zunehmen: Sogenannte "Staubsauger-Roboter" und verschiedene Smartphone-Applikationen, deren Selbststeuerungsfähigkeit ebenfalls an Roboter erinnert, sind ja bereits heute weit verbreitet. Für spezialisierte Anforderungen werden sich relativ rasch diverse Systeme bzw. spezialisierte Assistenz-Roboter etablieren. Vor allem Geräte mit einem maximalen Anschaffungspreis von 5.000 Euro oder monatlichen Miet- und Betriebskosten von maximal rund 150 Euro. Roboter als "Alleskönner" die eine Pflegeperson ersetzen können sind jedoch, zumindest für die nächsten zwei Generationen, völlig unrealistisch. Unter zusätzlicher Berücksichtigung der demographischen Entwicklung gehören daher Pflegeberufe für die nächsten Jahrzehnte zu jenen Berufen, die durch die Automatisierung am wenigsten gefährdet sind.

Zur Person

Von Christoph Gisinger, Haus der Barmherzigkeit

Univ.-Prof. Dr. Christoph Gisinger ist Institutsdirektor der gemeinnützigen Haus der Barmherzigkeit-Gruppe, die in Wien und Niederösterreich rund 1.500 geriatrische BewohnerInnen und jüngere KlientInnen mit mehrfachen Behinderungen betreut. Weiters leitet Gisinger die Akademie für Altersforschung am Haus der Barmherzigkeit und lehrt seit 2005 an der Donau-Universität Krems.

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