Gastkommentar

Irene Fialka © Martina Draper
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Dossier

"Scheitern als Chance? Wir müssen es riskieren"

Gastkommentar

01.03.2018
  • Wien (Gastkommentar) - Es gibt wohl kaum jemanden, der von sich behaupten könnte, immer alle Ziele erreicht zu haben. Schon in der Schule hören wir: "Aus Fehlern lernt man!" Dass das sehr schmerzhaft sein kann und mit schlechten Noten bedacht wird, wissen wir auch. Wann aber kann man im positiven Sinne von Scheitern sprechen und welche Bedeutung hat Scheitern für die Wettbewerbsfähigkeit unserer Ökonomie?

  • Am sprichwörtlichen Boden der Alltagsrealität haben wir alle gehen gelernt. Auf dem Weg zum aufrechten Gang werden vom hartnäckig sein Ziel verfolgenden Kind mitunter sehr kreative und zufällig entdeckte Fortbewegungsarten als Zwischenlösung "erfunden". Mit Robben, Rutschen am Hosenboden, Krabbeln - vor-, rück- oder gar seitwärts - findet sich so manche originelle Lösung im Repertoire des jungen Erfinders. Scheitern und "Fortschreiten" ist also offenbar zutiefst menschlich.

  • Manche Ziele bleiben dennoch unerreichbar, wie das Perpetuum Mobile. Andererseits: Auch das Fliegen, eine Mondlandung oder die Kommunikation mit Menschen auf der ganzen Welt waren früher Utopien und sind heute Normalität. Für den Nachweis, dass es die von Einstein vor hundert Jahren beschriebenen Gravitationswellen gibt, hat es viel Mut, mehrere Jahrzehnte des Probierens und Scheiterns und viele ausdauernde und kritische Wissenschafter gebraucht, bis 2016 als letzte in der Reihe, u.a. auch österreichische Forscher, am LIGO (Laser Interferometer Gravitational-Wave Observatory) jubeln konnten. Generell gesprochen: Wissenschaftliche Experimente sind ein kontrolliertes Ausprobieren und zielen darauf ab, Theorien zu verifizieren oder auch zu falsifizieren. Beide Ergebnisse sind gut, weil sie einen Erkenntnisgewinn darstellen. Gefeiert wird freilich nur das positive Ergebnis, auch wenn die "Irrwege" im Ausschlussverfahren ebenso zur Zielerreichung beigetragen haben.

  • Manchmal stellen sich fehlgeschlagene Experimente sogar als "zufällige" grandiose Erfindungen mit ganz anderen als den ursprünglich geplanten Anwendungen heraus. Bekannte Beispiele sind die allseits eingesetzten "Post-its" (eigentlich sollte ein besonders starker Kleber entwickelt werden) oder das Potenzmittel Viagra (ursprünglich als Herzkreislauf-Medikament gedacht).

  • Was macht aus dem Scheitern aber letztendlich doch noch den Erfolg? Nun, der Chemiker Louis Pasteur wusste bereits 1854 die passende Antwort: "Der glückliche Zufall kommt nur dem darauf vorbereiteten Verstand zugute." Offenbar gilt es also Augen, Ohren und die grauen Zellen dafür empfänglich zu machen, wo denn das eigentliche Potenzial für das Ergebnis des gescheiterten Experiments liegen kann. Was aber, wenn man nicht das wissenschaftliche Genie eines Albert Einstein oder den kaufmännischen Genius eines Steve Jobs besitzt?

  • Bei Start-ups hat sich in den besten Inkubatoren die LEAN Start-up Methode von Eric Ries, einem Silicon Valley-Entrepreneur, als probates Mittel durchgesetzt. Die Gründer stellen Hypothesen z.B. bezüglich Kunden, deren Nutzerverhalten oder dem Geschäftsmodell auf und testen diese Hypothesen am Markt. Es kommen möglichst einfache Messmethoden zum Einsatz: z.B. Klickraten auf einer Website als Messgröße dafür, was die Leute interessiert. Erstes Ziel ist dabei aber nicht das perfekte Produkt zu präsentieren, sondern durch permanentes, auch negatives Feedback von Interessenten, schrittweise einem möglichst einfachen, aber verkaufbaren Produkt näher zu kommen. Oft gibt es bei den ersten Kundeninterviews sogar lediglich eine Produktidee, noch weit weg von einem Prototyp. "Einfach" ist auch bei Weitem kein Widerspruch zur Hochtechnologie. Hier geht es vielmehr um den Fokus auf die wichtigsten Eigenschaften des Produkts und den schnellst realisierbaren Kundennutzen (minimum viable product).

  • Leider hat man als Unternehmer in der Regel nicht die Ressourcen, um 25 Jahre lang an der Messmethode zu arbeiten - wie die LIGO-Wissenschafter; deren jahrzehntelanges Scheitern schlussendlich von Erfolg gekrönt war. Das Zeitfenster für Innovationen ist meist sehr kurz, der Wettbewerb schläft nicht. Als Unternehmer muss man also möglichst früh und möglichst schnell herausfinden, welches Problem die (neuen) Kunden wirklich haben. Das frühe Falsifizieren ist durchaus enttäuschend für manche, verhindert aber das große Scheitern mit hohem Kapitalverlust durch Fehlinvestitionen. Scheitern ist also Bestandteil der Produktentwicklung und Voraussetzung für einen späteren Erfolg.

  • Damit die Methodik optimal funktioniert, braucht es zweierlei: den oben erwähnten "vorbereiteten Verstand". Den eigenen, aber ganz besonders den in Form vieler "Mitdenker". Ganz wesentlich ist auch die Bereitschaft mit den eigenen Hypothesen über die Kunden zu scheitern, sich unangenehmen Wahrheiten zu stellen und sie in sein Tun als Korrektiv einfließen zu lassen. Wie das kleine Kind, das seinen Aktionsradius selbstständig erweitern möchte, braucht also auch der Forscher und Unternehmer ein gewisses Maß an Frustrationstoleranz und muss wirklich laufen lernen wollen. Denn es ist harte Arbeit, so ein Start-up zum Laufen zu bringen.

  • INiTS, als universitärer Business Inkubator von Hightech-Start-ups, übernimmt - in Analogie zum Kleinkind - gleich mehrere Rollen. Der Brutkasten (Inkubator) bietet mit dem Lean Start-up Ansatz Mentoren und seinem Netzwerk an Investoren und etablierten Unternehmen für eine gewisse Zeit ein besonders gutes Umfeld zum Gedeihen des frühen Start-ups. INiTS fordert und lässt die Gründer ihre eigenen Erfahrungen machen. Die Gründer lernen, das Scheitern systematisch einzusetzen und mit den Risiken umzugehen. An den heimischen Fachhochschulen und Universitäten ist ausreichend intellektuelles Wagniskapital vorhanden, das durch kontrolliertes Scheitern - Versuch und Irrtum - in einigen Jahren ausreichend Dividende in Form von Wertschöpfung, Arbeitsplätzen etc. verspricht.

  • Zum Gründen und zum Scheitern gehört gewiss auch eine gehörige Portion Mut. Durch den anhaltenden Start-up-Boom hat sich Bemerkenswertes getan - auch in der heimischen Scheiterkultur. "Kontrolliertes Scheitern" hat nicht mehr ausschließlich den Nimbus des Versagens wie noch vor einigen Jahren, sondern ist mittlerweile durchaus akzeptierte Voraussetzung für späteren Erfolg. Aber auch der Umgang mit dem Scheitern darf nicht unkritisch sein. Wir dürfen nicht auf der anderen Seite des Pferdes herunter fallen und Scheitern per se in den Himmel loben. Scheitern im Unternehmen kostet immer Zeit und Geld. Wenn man es nicht schafft einen gangbaren Weg zu finden (im Start-up Jargon "Pivotieren"), bleibt es ein Verlust. Dennoch ist es ein wahrnehmbarer, positiver Trend. Denn nur wer wagt, gewinnt.

  • Anthony Lacavera, kanadischer Serial Entrepreneur und Investor, hat am World Incubation Summit 2018 in Toronto gemeint: "Nicht ins Risiko zu gehen ist das Riskanteste, was man überhaupt tun kann". Stehenbleiben bei Altbewährtem ist keine Option in einer Welt, die sich jeden Tag schneller ändert - nicht wenn man als Unternehmen oder als Ökonomie wettbewerbsfähig bleiben will.

Zur Person

Irene Fialka, Geschäftsführerin des universitären Gründerservice INiTS

Dr. Irene Fialka ist Geschäftsführerin der INiTS Universitäres Gründerservice Wien GmbH. Die studierte Genetikerin/Molekularbiologin arbeitet seit 2004 mit Start-ups. Als Start-up Consultant mit Erfahrung v.a. in den Bereichen Life Sciences, Geschäftsmodell und Finanzierung, sowie IP/geistiges Eigentum unterstützte sie seitdem viele Start-ups bei der Umsetzung und Finanzierung ihrer Geschäftsideen. Sie war/ist Mitglied von Beiräten, u.a. Management Board von wings4innovation, einer translational research Initiative der österreichischen Universitäten und Forschungseinrichtungen im LifeScience-Bereich, im Board of Directors von Karolinksa Innovation AB, Stockholm oder des S&B-Award der Rudolf Sallinger Fonds. Vor ihrer Karriere bei INiTS war sie 10 Jahre in der Grundlagenforschung tätig, u.a. am I.M.P., einem international renommierten Forschungsinstitut, das am Standort Wien von dem Pharma-Unternehmen Boehringer-Ingelheim betrieben wird und Spitzenforschung leistet. Sie unterrichtet Start-up-relevante Themen an Universitäten und FHs seit 2006.

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