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Jonglieren mit dem Risiko © APA (dpa)
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Scheitern mit System

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01.03.2018
  • Von Mario Wasserfaller / APA-Science

  • Innsbruck (APA-Science) - Versuch, Irrtum, noch einmal von vorn: Forschung ist auf dem Weg zur Erkenntnis immer wieder zum Scheitern verurteilt. Fehlschläge führen zu besseren oder ganz neuen Ergebnissen und bereichern die Wissenschaft. Soweit die Theorie. In der Praxis hat das Scheitern noch viel mehr Nuancen - von abgelehnten Projektanträgen und sonstigen bürokratischen Hürden bis zur Diskussion um die ominöse "Fehlerkultur".

  • In der Forschung ist es oft ein schmaler Grat zwischen Erfolg und Misserfolg - weil das eben so ist: "Wissenschaftliche Experimente sind ein kontrolliertes Ausprobieren und zielen darauf ab, Theorien zu verifizieren oder auch zu falsifizieren. Beide Ergebnisse sind gut, weil sie einen Erkenntnisgewinn darstellen", schreibt INiTS-Geschäftsführerin Irene Fialka in ihrem Gastkommentar für dieses Dossier. Gefeiert werde freilich nur das positive Ergebnis, "auch wenn die 'Irrwege' im Ausschlussverfahren ebenso zur Zielerreichung beigetragen haben".

  • Wie also mit den nicht erfolgreichen Versuchen und Projekten umgehen, was bedeutet in dem Zusammenhang die viel diskutierte "Fehlerkultur"? "Ich bin ein bisschen skeptisch bei diesem Begriff", sagte Oliver Som vom Management Center Innsbruck (MCI) im Gespräch mit APA-Science: "Man muss sich einfach dessen bewusst werden, was Innovation ist: Man betritt Neuland. Es wäre vermessen zu glauben, dass hier jeder Schritt in die richtige Richtung geht."

  • Noch härter ins Gericht mit der "Kultur des Scheiterns" geht Melanie Ruff, Expertin für Innovation und Entrepreneurship an der Fachhochschule (FH) St. Pölten. Für sie ist die Diskussion darüber derzeit bestenfalls Phrasendrescherei. Wegen des Start-up-Hypes schwappe das Thema nun auf andere Bereiche über, wobei es oft bei Worthülsen und Inszenierungen ("Fuckup-Nights") bleibe (siehe "Lernen statt Populismus: Vom 'Buchhalter 1' zu 'Scheitern 2.0'"). "Zuerst wird man als Start-up gehypt und dann wird man im Scheitern gehypt. Da erkenne ich keinen Lernprozess, das ist Populismus", so Ruff.

  • Über Fehlschläge zum Erfolg

  • Die Frage nach der Fehlerkultur führt für Soms Kollegen Bernd Ebersberger zunächst zu breiteren Fragen nach dem Innovations- und Wissenschaftsstandort: "In der Wissenschaft hat man das Privileg scheitern zu können, wenn man aus dem Scheitern lernt. Wenn Sie aber eine Karrierekultur haben, in der Sie eigentlich nicht mehr scheitern dürfen, um wissenschaftlich weiterzukommen, ist es mit dieser Kultur auch nicht mehr weit her", spielt der Professor für Innovationsmanagement und Ökonomik am MCI auf quantitative Erfolgskriterien wie Impactfaktoren oder Grants an.

  • Die beiden Experten beschäftigen sich vor allem damit, wie sich Fehler beim Innovieren auf die Innovationstätigkeit von Unternehmen auswirken. Schon aus der Fachliteratur wisse man, dass Geschichten von gescheiterten Projekten mehr zum Nachdenken anregen und inspirierender sind als Erfolgsstorys, so Ebersberger. Oberflächlich betrachtet klingen manche Erkenntnisse fast schon zwangsläufig trivial ("Es ist ganz wichtig, dass Unternehmen aus dem Scheitern lernen"). Die Forschung dahinter ist es keineswegs. Im Detail arbeiten Som und Ebersberger zum Beispiel mit Sekundärdatenanalysen, die sie aus der EU-weiten Innovationserhebung (Community Innovation Survey, CIS) erstellen. Hinzu kommen noch qualitative Ergebnisse aus Interviews und Fallstudien.

  • Jenseits der Scheiternsquote

  • Aus den verschiedenen Parametern lassen sich Rückschlüsse auf den Einfluss von Scheitern auf den Innovationserfolg ziehen. Ein guter Anhaltspunkt für die Innovationsperformance errechnet sich aus der sogenannten "Scheiternsquote". Dabei wird die Anzahl der Innovationsprojekte insgesamt mit jener der abgebrochenen Projekte in Bezug gesetzt. Wird also eines von fünf Projekten nicht zu Ende gebracht, ergibt das eine Scheiternsquote von 20 Prozent.

  • Damit ist man praktisch genau im grünen Bereich, haben die MCI-Experten aus deutschen Unternehmensdaten eruiert. Eine Scheiternsquote bis ungefähr 20 Prozent korreliert demnach mit einem höheren Innovationsoutput und stellt tendenziell keine Bedrohung dar. "In dem Bereich, wo vergleichsweise nur ein bisschen gescheitert wird, können Unternehmen aus dem Scheitern lernen, und das führt letztendlich zu einer höheren Innovationsperformance", erklärt Ebersberger. Ist man deutlich unter dieser Marke von 20 Prozent, ist die Lernkurve zu flach. Ein Wert ab dreißig Prozent schlägt sich negativ auf die Innovationsleistung nieder.

  • "Failure" im Lebenslauf

  • In der Wissenschaft haben Fehlschläge oft weniger mit der wissenschaftlichen Arbeit zu tun als mit Rahmenbedingungen. Das ergab bereits eine Umfrage der APA vor einigen Jahren im Rahmen des Europäischen Forum Alpbach. So gab der frühere Präsident des Wissenschaftsfonds FWF, Christoph Kratky, zu Protokoll, dass die wenigsten Forscher tatsächlich an wissenschaftlichen Misserfolgen scheitern. Vor dem Hintergrund zu knapper Fördermittel und steigender Zahlen guter Projektanträge würden viele von institutionellen Hindernissen wie ständigen Ablehnungen oder etwa dem Nicht-Erreichen permanenter Stellen zermürbt. "Das, was als wirklicher Misserfolg zu werten ist, ist entweder die Ablehnung eines Projektantrages oder das Scheitern eines Forschungsprojektes aus administrativen Gründen", bestätigt auch Wissenschaftsmanager Mario Springnagel in seinem Gastkommentar.

  • Die Auflistung von erfolgreichen Karrierestufen - "erfolgreiches Studium inklusive Doktorat, Postdoc-Erfahrung im Ausland, hier ein Preis, da ein Stipendium, Fachpublikationen, Vorträge", erzähle immer nur eine Seite der Geschichte, wie Melanie Stefan in ihrem Gastkommentar festhält. Die Mathematikerin und Neurobiologin hat 2010 mit ihrem Aufruf an Kollegen in "Nature", doch auch einen "CV des Scheiterns" zu veröffentlichen, einen Stein ins Rollen gebracht. Dieser alternative Lebenslauf sollte alle Misserfolge und Scheiter-Erlebnisse auflisten. Zwar habe sie es seither als "Gesicht des Scheiterns" nicht immer einfach, "aber es ist auch schön, denn es hat dazu geführt, dass Leute mich ansprechen, dass sie ihre Geschichte mir teilen".

  • Ansetzen im Bildungssystem

  • Obwohl Scheitern kein Stigma mehr sein sollte und Jungforscher mit dem Thema mittlerweile recht offen und pragmatisch umgehen (siehe "Wenn Forscher der Unsicherheit strukturiert begegnen"), ist das offenbar noch nicht in allen Köpfen verankert. Ansetzen muss man auch und vor allem in der Bildung, sind sich Experten einig. "Diesem Paradoxon müssen wir uns als Ausbildungseinrichtung natürlich stellen", sagte Ebersberger. "In den Lehrveranstaltungen müssen wir daher - und das tun wir auch - nicht nur von Erfolgsstorys, sondern auch einmal vom Scheitern reden."

  • "Man scheitert vor allem dann, wenn man nicht scheitert", erklärte Hannes Raffaseder, Prokurist der Fachhochschule (FH) St. Pölten, gegenüber APA-Science seinen Ansatz dazu. Wer Seiltanzen wolle, müsse sich nun einmal auf das Seil wagen - das Bild gelte sowohl für die Forschung wie auch die Kunst oder andere Lebensbereiche. Ein ernsthafter Forscher oder Wissenschafter scheitere nicht nur einmal, sondern permanent: "Das gehört dazu." Darum bekenne man sich auch in der neuen Forschungsstrategie der FH explizit zum Scheitern, unter dem Eckpunkt "Offene Lern- und Innovationskultur fördern".

  • Im Bildungsbereich sei Scheitern beinahe vorprogrammiert, konstatiert Bildungswissenschafter Bernhard Hemetsberger (siehe "Schule muss sich wieder auf ihre Stärken besinnen"). Bildungsverläufe von der Schule bis zur Universität würden fast immer "mit etwas Negativem, einer Enttäuschung, einer Zumutung von außen" einhergehen - und daran müsse man sich abarbeiten. Ob der Schüler an falschen Erwartungen der Eltern scheitert oder am Gegenstand, ob der Lehrer am Schüler oder an der Vermittlung scheitert, oder ein Elternteil an der Erziehung seines Kindes - Scheitern gehöre dazu.

  • Scheitern wie Trauer

  • Aus dem Scheitern zu lernen, das ist die nüchterne wie logische Konsequenz. Ob bei einem schiefgegangenen wissenschaftlichen Projekt oder einer unternehmerischen Innovation, dahinter stehen zunächst keine trockenen Analysen, sondern Menschen mit Emotionen. "Was das Scheitern in der Wirtschaft und der Wissenschaft mit den Menschen macht, ist identisch. Es trifft einen immer", so Ebersberger. "Wenn ein Entrepreneur sein Start-up gegen die Wand fährt, dann steckt da mindestens so viel emotionales Commitment drin wie wenn ein naher Familienangehöriger verlustig geht. Die Phasen der Verarbeitung sind ganz ähnlich der Trauerbewältigung", sagte Som.

  • Ratschläge zum Scheitern gibt es viele, aber die Zeit spielt angesichts immer kürzerer Innovationszyklen eine immer wichtigere Rolle. Vielfach würden Innovationsprojekte gar nicht mehr von Anfang bis zum Ende geplant. Heute wollen Projektverantwortliche so schnell wie möglich herausfinden, was alles nicht funktioniert, um rascher die Reißleine ziehen zu können. Generell lasse sich sagen: "Je später man scheitert, desto schlimmer ist es."

  • Hat man eine Idee für eine Innovation oder ein Forschungsprojekt, sollte man explizit nach Gründen suchen beziehungsweise einfach herumfragen, warum es nicht funktionieren könnte, rät Ebersberger: "Holen Sie sich nicht die Bestätigung, sondern versuchen Sie die Zurückweisung zu finden. Wenn Sie die nicht finden, sind Sie auf einem guten Weg. Aber immer nur Freunde und die Familie zu fragen ist blöd. Die Oma wird immer sagen, das wird funktionieren."

Factbox


Links

Förderung für Forschungsprojekte - u.a. "Was tun bei Ablehnung":

http://go.apa.at/R2ZZevPw

"A CV of failures", Melanie Stefan:

http://melaniestefan.net/Mela_24Nov2017.pdf

Termine

- APA-Science-Event: "Wer bestimmt die Forschung?", Wien, 13.3.2018, 18 Uhr http://go.apa.at/WhHARh95

- FuckUp Nights Innsbruck #13, 15.3.2018, 19 Uhr http://go.apa.at/eUXgS7uS

- Fuck Up Nights Vienna, im Rahmen des WSA Golbal Congress, 20.3.2018, 19:30 Uhr http://go.apa.at/RBtznaUJ

Gastkommentare

"Sozialfall Forschung"
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von Irene Fialka
Geschäftsführerin des universitären Gründerservice INiTS
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von Nikolaus Franke
Leiter des Instituts für Entrepreneurship & Innovation der Wirtschaftsuniversität Wien

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