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Gebeshuber forscht an einem "Soft Landing" für die Menschheit © TU Wien
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"Schöpfungsverantwortung" als Forschungsmotor

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30.08.2018
  • Wien (APA-Science) - Grundlagenforschung ist das Fundament des Wissens der Menschheit, ist die Physikerin Ille C. Gebeshuber überzeugt. Auch wenn sie eher an der Schnittstelle zur Anwendung forscht, ist es der Expertin für Bionik, Nanotechnologie und Tribologie ein Anliegen, die Ergebnisse ihrer Arbeit der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die Steirerin, deren Buch "Wo die Maschinen wachsen" 2016 zum Wissenschaftsbuch des Jahres nominiert wurde, über die Rolle der Grundlagenforschung für ihren Werdegang und darüber, was sie antreibt.

  • APA-Science: Woran forschen Sie im Moment?

  • Gebeshuber: Ich forsche an sogenannten positiven Technologien, die für den Menschen und für Lebewesen - Pflanzen, Tiere, Mikroorganismen - positiv sind. Ganz besonders geht es um ein "Soft Landing" für die Menschheit anstatt eines Crashs, wie er sich leider Gottes ja anbahnt, wo wir mitten im sechsten Massenaussterben der Arten sind, und angesichts drohender anderer Katastrophen.

  • APA-Science: Ist das immer so eindeutig, ob sich etwas langfristig positiv oder negativ auswirkt?

  • Gebeshuber: Na, da muss man mit Leuten zusammenarbeiten, die sich in dem Bereich sehr gut auskennen, zum Beispiel mit Forscherinnen und Forschern des Instituts für Technikfolgenabschätzung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.

  • APA-Science: Betreiben Sie auch Grundlagenforschung?

  • Gebeshuber: Ich bewege mich eher an der Schnittstelle. Mir geht es hauptsächlich darum, gute Technologien unter die Leute zu bringen. Ich bringe keine Produkte zur Marktreife, sondern ich setze Impulse.

  • APA-Science: Wie gefällt Ihnen die Einteilung in Grundlagen- und angewandte Forschung? Gibt es da mittlerweile nicht einen fließenden Übergang?

  • Gebeshuber: Ich finde diese Trennung schon sinnvoll. Am Kompetenzzentrum für Tribologie (AC2T Research) habe ich ja 2003 bis 2006 die strategische Forschung geleitet. Dort wurde die kostenintensive Grundlagenforschung von den verschiedenen, auch miteinander konkurrierenden, Unternehmen gemeinsam finanziert und alle haben die gesamten Ergebnisse bekommen. Wenn es dann aber um spezifische Resultate, umsetzbare Technologien oder die Marktführerschaft gegangen ist - das würde ich als angewandte Forschung bezeichnen - , haben die einzelnen Unternehmen jeweils eigene Forschungsprojekte mit den Forscherinnen und Forschern gestartet. Grundlagenforschung bedeutet für mich: es wird etwas publiziert, ist für alle zugänglich und frei verfügbar und trägt zum Grundstock des Wissens für die Menschheit bei. Bei angewandter Forschung spielen eher Patente und geschütztes Wissen eine Rolle.

  • APA-Science: War es wichtig für Ihren Werdegang, dass Sie in der Grundlagenforschung begonnen haben?

  • Gebeshuber: Absolut. Für mich war das ein sehr, sehr schöner Weg. Ich vergleiche die Grundlagenforschung gern mit dem Fundament eines Gebäudes. Wenn Sie einen hundert Meter hohen Turm ohne Fundament bauen, stürzt er ein. Aber hat man eine breite Basis, ein gutes Fundament des Wissens, dann kann man da sehr schöne "angewandte" Türmchen oder auch mächtige Türme bauen. Ich finde immer beides wichtig und beides interessant.

  • APA-Science: Muss man am Beginn der Karriere zwangsläufig mit den Grundlagen starten?

  • Gebeshuber: Nein. Es hängt davon ab, welche Vision ein Mensch für sein Leben hat. Wenn es ihm um Sichtbarkeit geht, um Public Outreach, um das Informieren der Bevölkerung, um Vermehren, um Bildung allgemein, ist es natürlich wichtiger, in der Grundlagenforschung zu sein. Geht es einem Forscher darum, viel Geld zu verdienen und muss er seine Arbeit nicht unbedingt publiziert haben, und münden diese aber in Produkten oder Anwendungen, in wirklich umsetzbare Dinge, kann das genauso erfüllend sein. In der Grundlagenforschung besteht das Ergebnis ja meist "nur" aus Worten und Ideen. Es hängt wohl davon ab, was sich die Menschen für ihr Leben wünschen. Ich glaube, dass man sehr glücklich werden kann, indem man bei einem Unternehmen arbeitet und nie irgendwelche Artikel über seine Arbeit publiziert. Aber man trägt dazu bei, dass diese Firma - nehmen wir beispielsweise einen Gewürzmühlenhersteller - bessere Mühlen herstellt und Menschen mit besser gemahlenen Gewürzen tolleres Essen kochen können.

  • Ich habe generell immer großen Wert darauf gelegt, dass meine Studenten verstehen, was sie tun, warum sie es tun und was dabei herauskommt. Und mir macht es einfach auch Freude, über meine Arbeit zu erzählen und Forschungsergebnisse öffentlich zugänglich zu machen.

  • APA-Science: Spielt es für heutige Studierende eine Rolle, dass in der angewandten Forschung mehr Geld wartet?

  • Gebeshuber: Ach nein, ich denke, da spielt so viel zusammen, warum jemand wo landet - da geht es um Sympathie zu Lehrenden, zu Vorlieben für bestimmte Themen, um solche zufälligen Dinge. Obwohl es eigentlich wichtig wäre, Studenten - auch wenn sie erst vor ihrer Bachelor-Arbeit stehen - aufzuzeigen, welche Pfade sie einschlagen können und welcher Weg wohin führt.

  • APA-Science: Wie wichtig sind oder waren für Sie Netzwerke oder Mentoren?

  • Gebeshuber: Ganz, ganz wichtig. Wir hatten auf der Technischen Universität Wien ein tolles Mentoring-Programm, das damals als Pilotprojekt lief. Ich hab bei all diesen Empowerment- und Mentoring-Programmen geschaut, dass ich entweder als Mentee - zu Anfang meiner Karriere - oder später als Mentorin dabei war. Es ist nicht nur wichtig, dass einem Netzwerke geöffnet werden, sondern auch, dass man überhaupt erkennt, dass es so etwas gibt und wie sie funktionieren. Jemanden zu kennen, der jemanden kennt, ist von großem Vorteil. Denn über solche Netzwerke, auch informelle, funktionieren viele Dinge viel besser oder schneller. Mentoring-Programme erweitern auch den Horizont: Man ist ja immer in seiner eigenen Sphäre, umgibt sich mit gleichen oder gleichgesinnten Menschen. Und wenn man als Studentin dann diese Welt der Professoren und Professorinnen kennenlernt und anfängt, darin heimisch zu werden, mit den Leuten redet und vielleicht auch privat einmal einen Kaffee trinken geht, dann ist das plötzlich nicht mehr ein unerreichbares Idol, sondern ein angreifbarer Mensch. Dann kann und will man sich vorstellen, einmal auch eine von ihnen zu sein. Das war für mich sehr motivierend.

  • APA-Science: Was treibt Sie zu Ihrer Forschungsarbeit an?

  • Gebeshuber: Mich motiviert eine tiefe Ehrfurcht und ein tiefer Respekt vor dem Leben. Am liebsten würde ich das im Wort "Schöpfungsverantwortung" zusammenfassen. Als denkendes Wesen mit Verantwortung mit langjähriger Ausbildung möchte ich mein Wissen ganz einfach nutzen, um zukünftigen Generationen - seien es Menschen, Tiere oder Pflanzen - ein gutes Leben zu ermöglichen.

  • APA-Science: Ihr Buch "Wo die Maschinen wachsen", in dem Sie Lösungen aus dem Dschungel für Probleme der Menschheit beschreiben, wurde zum Wissenschaftsbuch des Jahres 2016 nominiert. Gibt es schon eine Idee für ein nächstes Buch?

  • Gebeshuber: Mich hat ein großer deutscher Verlag gebeten, ein neues Buch zu schreiben. Ich bin jetzt gerade dabei, das Konzept zu entwerfen. Details sind natürlich noch streng geheim, aber es wird um diese "sanfte Landung" für die Menschheit gehen.

  • Zur Person:

  • Ille C. Gebeshuber ist Professorin im Forschungsbereich für Atom- und Plasmaphysik am Institut für Allgemeine Physik an der Technischen Universität Wien. Sie ist Mitglied des Direktoriums der International Society of Bionic Engineering mit Sitz in China und war mehrere Jahre am Institute of Microengineering and Nanoelectronics der Universität Malaysia tätig. Sie studierte Technische Physik an der TU Wien und absolvierte dort auch das Doktoratsstudium der technischen Wissenschaften. Nach einem Post Doc-Aufenthalt am Physics Department der University of California in Santa Barbara kehrte sie zurück nach Österreich, um als Experimentalphysikerin zu arbeiten. Ihre Hauptarbeitsgebiete sind Bionik, Nanotechnologie und Tribologie.

  • Das Gespräch führte Sylvia Maier-Kubala / APA-Science

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