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Scheitern auch im Bildungsbereich "vorprogrammiert" © APA (dpa)
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"Schule muss sich wieder auf ihre Stärken besinnen"

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01.03.2018
  • Von Sylvia Maier-Kubala / APA-Science

  • Wien (APA-Science) - Scheitern gehört zum Bildungssystem und lässt sich nicht wegretuschieren: Davon ist Bildungswissenschafter Bernhard Hemetsberger überzeugt. Warum man trotzdem genauer hinschauen sollte, warum jemand scheitert, welche Maßstäbe für Erfolg oder Misserfolg angelegt werden, und dass sich die Schule wieder mehr auf ihre Stärken besinnen soll, erzählt er im Interview mit APA-Science.

  • "Scheitern im Bildungsbereich, ob individuell, institutionell oder gesellschaftlich, ist beinahe vorprogrammiert", lautet die These von Hemetsberger, der am Institut für Bildungswissenschaft der Universität Wien forscht. Bildungsverläufe von der Schule bis zur Universität würden fast immer "mit etwas Negativem, einer Enttäuschung, einer Zumutung von außen" einhergehen - und daran müsse man sich im positiven Sinn abarbeiten. Ob der Schüler an falschen Erwartungen der Eltern scheitert oder am Gegenstand, ob der Lehrer am Schüler oder an der Vermittlung scheitert, oder ein Elternteil an der Erziehung seines Kindes - Scheitern gehört dazu.

  • Verfolgen lässt sich laut dem Wissenschafter derzeit das Scheitern der Schule an den "großartigen gesellschaftlichen Erwartungen", die immer schon an die Bildungsinstitution herangetragen wurden, wenn der Schuh irgendwo gedrückt habe. Wie nach der Wirtschaftskrise 2008, als reflexartig die Forderung laut wurde, Schülern beizeiten den Umgang mit Geld beizubringen. Derselbe Mechanismus sei auch bei gesellschaftlich-sozialen Herausforderungen wie dem Rauchen oder der Fettleibigkeit zu beobachten: "Wir entziehen uns als Erwachsene, die mit dem Thema ja jetzt konfrontiert sind, der Verantwortung und hoffen, dass das Problem in der Zukunft gelöst wird, wenn wir es an die Schule delegieren."

  • Ohne "Nein" erziehen geht auch nicht gut

  • Auch in der Erziehung könne man nicht alles, was das Kind macht, gut und richtig finden, meint Hemetsberger, der sich eingehend mit der Geschichte der Notengebung auseinandergesetzt hat. "Im Bildungssystem werden eben gewisse Anforderungen gestellt. Aber natürlich ist eine ganz zentrale Frage: Wo schauen wir hin und welche Maßstäbe legen wir für Scheitern an? Ein positives Scheitern im Sinne einer Weiterentwicklung kann produktiv genützt werden. Gefährlich wird es, wenn dies nur negativ besetzt ist", betont er.

  • Mitunter werde "Scheitern" auch "hergestellt", um bestimmte Reformen zu legitimieren, meint der Forscher, ohne als Verschwörungstheoretiker gelten zu wollen - Stichwort PISA-Studie. Laut Hemetsberger, der sich in seiner Dissertation mit Bildungskrisenerzählungen ab dem Jahr 1800 bis zur Gegenwart beschäftigt, kommt die Kritik eines Landes an ihrem Bildungssystem immer in Wellen und meist gekoppelt an soziale Krisen. "Dann macht sich die Angst breit, das eigene System stehe am Abgrund und man sucht andere Systeme, die man nachahmenswert findet." So geschehen im englisch- und deutschsprachigen Kulturkreis, wo man die jeweils anderen Systeme paradoxerweise zeitgleich besser fand. Momentan sind es die nordischen Länder, in denen aus Sicht Österreichs alles scheinbar vorteilhafter läuft.

  • Die Parameter, mit denen PISA misst, seien so weit weg vom Unterrichtsgeschehen, dass sie eigentlich nicht mehr viel Aussagekraft darüber hätten, was in einer Klasse geschehe. Gleichzeitig würden Verlierergruppen "produziert", weil der Fokus derart stark auf der Sprache liege. Damit definiere man neue Erfolgsindikatoren und Bruchlinien, an denen Scheitern und Erfolg aufeinandertreffen. Sprache sei natürlich sehr wichtig, unterstreicht Hemetsberger. "Man kann aber dagegenhalten, dass Österreich in der Habsburgermonarchie ein Vielvölkerstaat war, in der die Durchlässigkeit und Mobilität zwischen Ländern und Schulen mindestens ebenso groß war wie heute - und Sprache dabei, zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung, ganz offensichtlich kein so großes Problem darstellte", vermutet er ein durchaus konstruiertes Scheitern.

  • Gemeinschaftsraum Schule: Natürliche Inklusion

  • Aus geschichtlicher Warte betrachtet ist die Schule neben dem Militär und der Kirche der einzige Ort, wo Menschen unterschiedlichster Schichten aufeinandertreffen, und so gesehen "eigentlich ein sehr inklusiver Raum", so Hemetsberger. Um 1900 habe die Psychologisierung der Lernleistungen eingesetzt und damit Hand in Hand die Standardisierung und Kontrolle von "Input" bzw. "Output". Wird Unterricht aber nach gewissen Standards konzipiert, kommt er ganz bestimmten Personengruppen entgegen und schließt andere eher aus. Gleichzeitig gewinnen außerschulische Parameter an Bedeutung und werden ausschlaggebend für Erfolg oder Misserfolg, beschreibt auch Bildungsforscher Stefan Hopmann gemeinsam mit Sonja Bauer-Hofmann mit dem "Equity Paradox".

  • War es in den 60er-Jahren das katholische Arbeitermädchen vom Land, das den Prototyp des am stärksten benachteiligten Schülers verkörperte, so ist es heute das muslimische Migrantenkind aus strukturschwachen städtischen Bezirken: Es hat wenig Anschlussmöglichkeiten, kein großartiges soziales Umfeld, das es auffangen könnte, eben fehlendes soziokulturelles Kapital.

  • Messen, vergleichen, steuern

    Politiker wollen Indikatoren und Messzahlen, um zu entscheiden, wohin welches Budget fließen soll, stellt Hemetsberger fest. Kompetenzen, Bildungsstandards, PISA-Tests - sie alle vergleichen und vermessen Leistungen, teilen Schüler und Standorte in gute, mittlere und gescheiterte. Wohin das Auseinanderdividieren führt, welche desaströsen Folgen das Ausdünnen jeglichen gemeinschaftlichen Schulwesens in Richtung Privatschulen hat, lässt sich am Beispiel der USA verfolgen. "Dort werden sogenannte Brennpunktschulen komplett an den Rand gedrängt, es finden sich kaum mehr Lehrer, weil auch die Bezahlung indexbasiert erfolgt. Das bringt große Unruhe und Dynamik ins System. In solchen Momenten ist Scheitern noch wahrscheinlicher und noch stärker vorprogrammiert als in einem ruhigen Fahrwasser", ist der Bildungsforscher überzeugt.

  • Der Forschung sei bekannt, dass Geschlecht, Ethnie und Armut (Gender, Race and Poverty) Scheitern beeinflussen - für Gegenmaßnahmen gebe es aber natürliche Grenzen. "Hier müsste man viel genauer hinschauen und Geld investieren", betont der Forscher. Und: weniger standardisieren. Ein Patentrezept dafür, wie man dem Scheitern entgegenwirken kann, gibt es nicht. "Aber wir haben im Zuge der NOESIS-Forschung in der niederösterreichischen Schulevaluation, die an unserer Abteilung angesiedelt ist, klar gesehen, dass es immer abhängig ist vom Schulstandort, der Schulkultur und dem Klassensetting, und ganz stark von der Lehrerpersönlichkeit, wie benachteiligte Gruppen aufgenommen, Veränderungen bewirkt werden und Scheitern minimiert wird", so die Erkenntnis.

  • Lehrerpersönlichkeit ist wieder gefragt

  • Schon die aufsehenerregende Hattie-Studie über Bildung und Schulerfolg hatte gezeigt, dass es nur eine einzige kleine Abweichung gab, die einen Effekt auf den Schulerfolg hatte: "Auch hier war es der kompetente, einfühlsame Lehrer, der es schafft, mit den verschiedenen Problemlagen, die es ja in jeder Klasse gibt, egal, wie deren Zusammensetzung ist, umzugehen." Ausschlaggebend ist, wie er sein eigenes Scheitern und das der Kinder minimiert, auffängt und versucht, daraus produktiv ein Vermittlungsprozedere zu gestalten.

  • Auch wenn der Trend zum selbstregulierenden, selbstgesteuerten Lernen anhält, und der Lehrer als Lernbegleiter höchstens eingreifen soll, wenn das Scheitern unmittelbar bevorsteht: Hemetsberger sieht ein Revival des Lehrers, der seine Schüler anleitet und führt. Es gebe durchaus wissenschaftliche Kritik am Lernbegleiter: Indem man versuche, ohne großartige Ansprüche und Einwirkungen eine freie Entfaltung der Kinder zu ermöglichen, werde relativ wenig Leistung erbracht - und vor allem würde das freie Arbeiten jene stärken, die ohnehin schon stark seien. "Schülern, die Probleme haben und im Unterricht generell eher am Rande des Scheiterns stehen, hilft der Lernbegleiter kaum", gibt er zu bedenken.

  • Schule entzieht sich ihrer Verantwortung

  • Gerade in einer diversen Gesellschaft sei es verständlich, dass Scheitern in der Schule an der Tagesordnung stehe. Umso sinnvoller sei es, Sozialarbeiter und Psychologen einzubeziehen, um außerschulische Problemlagen, die auf den Unterricht einwirken, aufzugreifen, meint der Forscher. Denn sehr oft liegt es an schulfernen Ursachen, warum ein Schüler scheitert, und nicht am Fach oder am Intellekt.

  • "Noten sagen meist mehr darüber aus, wie gut jemand das 'Spiel Schule' beherrscht und weniger über die erbrachte Leistung. Nichtsdestotrotz muss Leistung bewertet werden - wenn wir schon alles könnten, müssten wir nichts mehr lernen. Dieses Selbstverständnis, dass Schule die Verantwortung für die Bewertung von Leistungen trage, müsse sie zurückgewinnen, fordert Hemetsberger, denn: "Man kann nicht nur mit Lob wachsen." Schule nehme sich aber immer mehr zurück, überlasse die Selektion und die Verteilung von Schulabgängern weiterführenden Einrichtungen, Universitäten (Stichwort "Akademikerwahn") oder außerschulischen Instanzen wie Unternehmen, wodurch sie einer demokratischen Kontrolle entzogen seien.

  • Bildungsexplosion und Rückkehr des Handwerks

  • Zur "Bildungsexplosion" war es unter dem Schlagwort der "Chancengleichheit" in den 60er-Jahren gekommen. Damals wurde das kürzere Diplomstudium eingeführt, um eine breite Masse an die Universität heranzuführen - zuvor war ein Abschluss nur mit Doktorat möglich. Der Trend zur Akademisierung und die Überzeugung, ein gelungenes Leben sei nur mit Hochschultitel möglich, zieht sich bis heute durch. Doch Hemetsberger sieht einen gewissen Höhepunkt erreicht und ortet durchaus eine Rückbesinnung auf Handwerk und den Willen, in unserer grundsätzlich sehr erfolgsorientierten Gesellschaft auch verschlungene Lebenswege oder Brüche im Curriculum anzuerkennen. "Schule ist bezogen auf den Lebenserfolg nicht alles", verweist Hemetsberger auf viele andere lohnende Karrierewege.

  • Bedeutet die "Herstellung" großer Schichten von Akademikern gewissermaßen doch auch ein Scheitern des Einzelnen: Wo früher ein HTL-Maturant angestellt wurde, sitzt heute ein Absolvent einer technischen Uni. "Diese Verschiebung unter dem Decknamen der Professionalisierung ist sicher an einem problematischen Punkt angelangt, wo man Gegenmaßnahmen überlegt", so der Forscher. Die Erzählung der Wirtschaftsorganisation OECD - die ja auch hinter PISA steckt - vom Staat, der aufgrund fehlender Rohstoffe nur auf das geistige Kapital seiner Bevölkerung setzen kann, um wettbewerbsfähig zu bleiben: "Sie bröckelt schön langsam."

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