Gastkommentar

Sabine Pohoryles-Drexel © Astrid Knie
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Dossier

"Spielerisch zu neuen Forschungsideen"

Gastkommentar

30.11.2017
  • Wien (Gastkommentar) - Mehr als 60 Forscher und Projektleiterinnen ließen sich dieses Jahr in von der FFG geleiteten Workshops auf gemeinsames Querdenken ein. Sie bastelten Prototypen aus bunter Kinderknete, bauten Projektideen aus LEGO-Steinen und probierten Problemlösungstechniken aus. In dieser vom BMWFW-Programm w-fFORTE ermöglichten Workshop-Reihe "Innovative Forschungsideen entwickeln", die von Charlotte Alber, FFG, geleitet wurde, erlebten die Teilnehmenden, wie man mit spielerischen Innovationsmethoden systematisch zu neuen Sichtweisen kommt. Anfängliche, mit Neugierde vermischte Skepsis wich in kurzer Zeit dem Aha-Erlebnis: Erfrischend anderer Zugang, sinnvoll investierte Zeit.

  • "Forschende sind darauf trainiert, möglichst analytisch an komplexe Sachverhalte heranzugehen. Die spielerische Herangehensweise wird zunächst belächelt, da sie ja als offensichtlicher Gegensatz zur wissenschaftlichen Methode erscheint", so Andrea Handsteiner, Leiterin der Personalentwicklung der Universität für Bodenkultur (BOKU) und Kooperationspartnerin von w-fFORTE. "Im Ergebnis eröffnen spielerische Methoden allerdings einen Zugang zu einer anderen Wissensebene. Außerdem macht es Spaß und im gemeinsamen Lachen und eifrigen Basteln entstehen Kontakte auf einer neuen und konstruktiven Basis." Bei einem gemeinsamen Design Thinking-Workshop arbeiteten Forscherinnen aus Unternehmen mit BOKU-Mitarbeitern einen Tag lang intensiv zusammen. Die entstandenen Prototypen illustrieren, wie schnell interdisziplinäre, aus Wissenschaft und Wirtschaft kommende, durchmischte Teams zu kreativen Lösungen kommen können. "Für jeden, der es wagt, sich auf diese Kreativtechniken einzulassen, ist es eine äußerst bereichernde Erfahrung und höchst effizient für die Ideenentwicklung", berichtet Sabine Nadherny-Borutin, Forschungsleiterin in einem Unternehmen und Teilnehmerin der Workshop-Reihe. "Man versteht plötzlich am eigenen Leib, was der Maler Paul Klee mit seinem Zitat 'aus aufgeweckten Kindern werden eingeweckte Erwachsene' meint. In der Schul- und Ausbildung wird man im 'richtig oder falsch'-Denken trainiert, das man dann als Erwachsene perfektioniert. Um komplexe Ideen und knifflige Aufgabenstellungen zu lösen, muss man aber raus aus diesem Einweckglas."

  • Die Design Thinking-Pioniere David und Tom Kelley beschreiben in ihrem Buch "Creative Confidence", wie selbstverständlich spielerisches Lernen und Experimentieren im Kindergartenalter noch ist. Mit zunehmendem Alter wird die Kreativität durch Angst vor sozialer Zurückweisung immer mehr blockiert. Sie betrachten kreatives Verhalten als eine dem Menschen natürlich angeborene Fähigkeit, die man wie einen Muskel trainieren kann. Es geht darum, Kreativität als Innovationshaltung zu verinnerlichen und Ideen rasch in konkrete Innovationen umzusetzen.

  • Workshops, die mit spielerischem Lernen arbeiten oder das "Denken mit den Händen" fördern, ermöglichen den Beteiligten, ihr gesamtes kreatives Potenzial auszuschöpfen. Systematisch eingesetzte Methoden fördern das Vertrauen in die eigenen Problemlösungsfähigkeiten. Im Idealfall gelingt es dabei, Erwachsene in das schon als Kind empfundene spielerische Flow-Gefühl zu versetzen. Der Wissenschafter Mihály Csíkszentmihályi beschreibt Flow als einen selbstvergessenen schöpferischen Zustand, in dem die menschlichen Kompetenzen mit den Herausforderungen in Einklang stehen.

  • "Das begeisterte Feedback der Teilnehmenden und die Projektideen, die sich im Zuge der Workshop-Reihe herauskristallisierten, klingen jedenfalls vielversprechend", so Henrietta Egerth, Geschäftsführerin der Forschungsförderungsgesellschaft FFG. "Von einer digitalen Plattform als Erweiterung des Geschäftsmodells eines Start-ups, einem neuen biotechnischen Verfahren für die pharmazeutische Industrie bis hin zu ganz konkreten Ideen für neue Projekteinreichungen." Die Workshopreihe zeigt eindeutig, dass es sich lohnt, neue Wege zu gehen, um innovative Projektideen für den Innovationsstandort zu stimulieren. "Für das Jahr 2018 plant die FFG gerade weitere w-fFORTE Veranstaltungen. Außerdem fließen die Erfahrungen der FFG mit den neuen kreativen Formaten auch in das Design neuer Ausschreibungen ein, so Egerth.

Zur Person

Sabine Pohoryles-Drexel, stv. Leiterin der Abteilung FTI-Strategie und Internationale Forschungs- und Technologiekooperationen im BMWFW

Sabine Pohoryles-Drexel begann nach einer siebenjährigen sozialwissenschaftlichen Tätigkeit im außeruniversitären Forschungsinstitut „Interdisziplinäres Forschungszentrum Sozialwissenschaften (IFS)“ ihre Karriere im Wirtschaftsministerium. Ihre Aufgaben lagen von Anfang an im Bereich der anwendungsorientierten Forschung unter spezieller Berücksichtigung der Kooperation von Wissenschaft und Wirtschaft. Im Besonderen engagiert sie sich für das Thema „Frauen in Forschung und Technologie“. In diesem Kontext entstand vor nunmehr über zehn Jahren das Programm „w-fFORTE“ - Wirtschaftsimpulse von Frauen in Forschung und Technologie, http://www.w-fforte.at. Das Förderprogramm gibt über die „Laura Bassi Centres of Expertise“ http://www.w-fforte.at/laura-bassi-centres/innovative-forschung.html und Workshops und Veranstaltungen Impulse zu einer gendergerechten Forschungspolitik. Mit neuen Methoden in Ideenfindung und Problemlösen werden zusätzliche Impulse für mehr Kreativität und Leichtigkeit im Forschungsalltag gesetzt.

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