Gastkommentar

Natascha Zeitel-Bank © MCI
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Dossier

"Telefonische Erstberatung entlastet Patienten und Gesundheitspersonal"

Gastkommentar

28.04.2017
  • Wien (Gastkommentar) - Akute Schmerzen in der Nacht, noch dazu am Wochenende, erzeugen Ängste und Sorgen. Gesundheitliche Beschwerden verunsichern und halten sich nicht an Öffnungszeiten. Vor allem bei Kindern oder älteren Menschen beunruhigen plötzlich auftretende Symptome. In der Vergangenheit führte diese Unklarheit zu unnötigen Besuchen in der Arztpraxis bzw. Ambulanz.

  • Dies soll sich nun ändern. Nach dem Vorbild internationaler Standards und auf der Basis eines Beschlusses der Bundeszielsteuerungskommission im Juni 2015 wurde in Österreich eine wichtige Säule im Gesundheitssystem errichtet: Die telefonische Gesundheitsberatung "Wenn's weh tut! 1450" startete am Weltgesundheitstag, dem 7. April 2017, zunächst in den Pilotbundesländern Niederösterreich, Vorarlberg und Wien und soll bei Gelingen ab 2019 auf das gesamte Land "ausgerollt" werden.

  • Gemeinsame Projektträger sind das Bundesministerium für Gesundheit und Frauen, der Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger und die erwähnten drei Bundesländer. Letztere besitzen unterschiedliche Strukturen und sollen so ein möglichst breites Bild über die Akzeptanz ermöglichen: Wien als Ballungsraum mit starker Infrastruktur (Partner Fonds Soziales Wien), Niederösterreich als großflächiges, vielfältiges Bundesland (Partner Notruf Niederösterreich GmbH) und Vorarlberg mit seinen alpinen, dezentralen Strukturen und dem Landesverband des Roten Kreuz als Partner für die professionelle Umsetzung des Gesundheitsservices.

  • Unter der Rufnummer 1450 (ohne Vorwahl aus allen Netzen) werden beunruhigte Anrufer rund um die Uhr und sieben Tage die Woche kostenlos von speziell geschultem und diplomiertem Gesundheits- und Krankenpflegepersonal beraten. Dies erfolgt durch ein von Experten entwickeltes medizinisch-wissenschaftliches und international bewährtes Abfragesystem. Der qualitätsgesicherte und protokollgestützte Fragebaum wurde vom Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger nach einer internationalen öffentlichen Ausschreibung erworben bzw. ausgearbeitet. Dabei unterstreicht der Verband, dass sich dieses bereits seit Jahren in Institutionen und Ländern wie Australien und den USA bewährt hat.

  • Schwerwiegende und zeitkritische Krankheitsbilder sollen so im Gespräch identifiziert bzw. ausgeschlossen werden. Die weitere Vorgehensweise wird abhängig von Tageszeit, Aufenthaltsort, Alter und Vorerkrankungen gemeinsam mit dem Anrufer besprochen und geplant. Das kann die Entsendung eines Visitenarztes sein, die Empfehlung zur Konsultation des Hausarztes oder die Empfehlung, eine Notfallaufnahme in einem Spital aufzusuchen. In akuten medizinischen Notfällen wird sofort die Rettung alarmiert.

  • Welche Vorteile sind nun von diesem Pilotprojekt zu erwarten?

  • 1. Durch die Beantwortung des strukturierten Fragebaums und der damit verbundenen Dringlichkeitseinschätzung und Verhaltensempfehlung können unnötige Weg- und Wartezeiten erspart bleiben.

  • 2. Die bestehenden Versorgungsstrukturen und die dort tätigen Personen dürften erheblich entlastet werden. Dies betrifft vor allem die Bereitschafts- und Notfalldienste, insbesondere in den Rand- und Pausenzeiten sowie in der Nacht, an den Wochenenden und Feiertagen: Eine Selbstzuweiserstudie in allen Vorarlberger Krankenanstalten im Jahr 2010 hat aufgezeigt, dass die Ambulanzen jährlich von rund 125.000 Patienten ohne ärztliche Überweisung aufgesucht werden. 65 Prozent von diesen hätten allerdings nicht durch Spitalsambulanzen betreut werden müssen. Dies deckt sich mit einer Studie aus der Schweiz: Hier hätten grundsätzlich 80 Prozent der Patienten in den Praxen der Grundversorger behandelt werden können.

  • 3. Eine telefonische Gesundheitsberatung dürfte durch die niederschwellige Erstberatung zu Kosteneinsparungen und somit zu einer Entlastung des Gesundheitsbudgets als Ganzes führen.

  • Diese Erwartungen decken sich mit Erfahrungen und Studien aus anderen europäischen Ländern wie der Schweiz, Großbritannien, Schweden, Dänemark oder den Niederlanden. Hier zeigt sich zusammenfassend, dass etwa 70 Prozent der Bürger ihre gesundheitlichen Beschwerden hinsichtlich Dringlichkeit falsch einschätzen und somit eine Beratung zielführend ist. Allein 80 Prozent der Anrufer brauchen aus medizinischer Sicht gar keine notfallmäßige Konsultation. 60 Prozent der Anrufe können durch das Gespräch mit der Selbstbehandlung abgeschlossen werden. Rund 90 Prozent der Patienten halten sich an die Empfehlungen der telemedizinischen Berater (sog. Compliance-Rate), vor allem wenn es sich um eine hohe Dringlichkeitsstufe handelt. Erfahrungen aus den Niederlanden belegen zudem, dass 80 Prozent der Patienten mit der ärztlichen Anweisung bzw. der medizinischen Dringlichkeitseinschätzung sehr zufrieden sind.

  • Die Chancen auf Erfolg stehen also nicht schlecht. Die tatsächliche Akzeptanz in der Bevölkerung wird nun den Ausschlag geben, ob dann auch die übrigen Bundesländer bzw. die dort lebenden Menschen, die Nummer 1450 "Wenn's weh tut!" in akuten Fällen ab 2019 wählen können...

Zur Person

Natascha Zeitel-Bank, Management Center Innsbruck

FH-Prof. Dr. Natascha Zeitel-Bank lehrt am Management Center Innsbruck, u.a. in den Bereichen Politikwissenschaft / Medien und Public Health / Health Promotion. Ihre Interessensgebiete umfassen hierbei insbesondere die Bereiche Öffentlichkeitsarbeit / Stakeholder Management sowie strategische Kommunikation und Kampagnenmanagement, vor allem auch unter Berücksichtigung des Einsatzes neuer Medien (e-health) bzw. von Social Media Strategien. Dabei interessiert sich Frau Dr. Zeitel-Bank nicht nur für den nationalen Rahmen, sondern sieht ihr Forschungsgebiet auch in der vergleichenden empirischen Sozialforschung; ein Schwerpunkt während ihres Studiums an den Universitäten Mannheim und Erlangen-Nürnberg. Hierbei fließen auch die Erfahrungen von mehrjährigen beruflichen Tätigkeiten bzw. Forschungsaufenthalten im Ausland, u.a. bei der Europäischen Kommission in Brüssel sowie an den Universitäten in Bloomington / Indiana sowie Graduate School of Business / Kapstadt mit ein.

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