Dossier

3
Dossier

Tiroler Nationalsänger auf Welttournee

Dossier

02.01.2017
  • Wien (FWF) - Die Tiroler Gesangsgruppe Rainer Family und ihre Vorgänger die Geschwister Rainer waren die ersten Schlagerstars internationalen Formats. In einem Projekt des Wissenschaftsfonds FWF wurde erstmals ihre musik- und kulturhistorische Bedeutung aufgearbeitet.

  • Die Geschwister Rainer aus Fügen im Zillertal waren die erste international erfolgreiche Gesangsgruppe aus dem deutschen Sprachraum. In einer Zeit wachsenden Nationalbewusstseins, in der Tirol vom Image eines freiheitsliebenden Landes profitierte und sich die Alpen- und Tirolermode großer Beliebtheit erfreute, reisten sie von 1824 bis 1838 durch Deutschland und Großbritannien und waren selbst am Londoner Hof gern gesehene Gäste. Die ihnen nachfolgende Rainer Family feierte anschließend in den USA große Erfolge. Diesem bisher unerforschten Kapitel der österreichischen Musikgeschichte widmete sich der Musikethnologe Thomas Nußbaumer von der Salzburger Kunstuniversität Mozarteum in einem Projekt des Wissenschaftsfonds FWF.

  • Erfinder volkstümlicher Unterhaltung

  • Gemeinsam mit der Musikwissenschafterin Sandra Hupfauf arbeitete Nußbaumer die Anfänge der erst später so genannten "Tiroler Nationalsängertradition" auf, deren Spuren bis nach Russland und bis in die jüngere Vergangenheit reichen. Den singenden Familien im 19. Jahrhundert und ihren internationalen Erfolgen wurde von der Forschung lange Zeit keine Beachtung geschenkt, weil sie als Modewelle und minderwertige Folklore eingestuft wurden. Dabei waren sie so etwas wie die Erfinder des bis heute beliebten und erfolgreichen volkstümlichen Schlagers, indem sie musikalische mit kommerziellen Interessen geschickt verbanden.

  • Doch inzwischen interessiert sich auch die internationale Forschung für die Tiroler Sänger. "In der neueren amerikanischen Forschung über die Entwicklung der Popularmusik widmet man sich schon länger den "Tyrolese Minstrels", insbesondere den berühmtesten, der Rainer Family aus dem Zillertal", erklärt Projektleiter Nußbaumer.

  • Richtungsweisend für amerikanische Popularmusik

  • Die Rainer Family um den damals 18-jährigen Ludwig Rainer sei im Auftrag eines amerikanischen Geschäftsmannes, dessen Herkunft nicht gesichert ist, förmlich "gecastet" worden, so Nußbaumer. Die Sängergruppe gab von 1839 bis 1843 zahlreiche Konzerte in Großstädten der USA, unter anderem in New York, Boston und New Orleans. Dort feierte sie nicht nur enorme Erfolge, sondern war auch Vorbild für die Entwicklung der Minstrel Show, eine Art musikalisches Kabarett, und des vierstimmigen A-cappella Barbershop-Gesanges. Auch trugen die Rainers wesentlich zur Popularisierung des Jodelns in der amerikanischen Unterhaltungsmusik bei.

  • Liedadaptionen verflachen Originale

  • Etliche Lieder wurden eigens für die Rainers komponiert, andere waren bereits im deutschen und englischen Sprachraum populär, wie die heute noch bekannten Titel "Du, du liegst mir im Herzen" oder "Ach, du lieber Augustin". Fast jedes Lied liegt zweisprachig vor, wie die Analysen des umfassenden Liedrepertoires zeigen, die Sandra Hupfauf in dem FWF-Projekt durchgeführt hat. Die erste Generation, die Geschwister Rainer, ließ ihre Lieder in London übersetzen.

  • Sie wurden von dem in London ansässigen Pianisten Ignaz Moscheles unter dem Titel "The Tyrolese Melodies" zweisprachig herausgegeben: im Tiroler Dialekt und in adaptierten englischen Übersetzungen. "Die Adaptionen sind vielfach auf ein adeliges und bürgerliches Publikum zugeschnittene Verschönerungen", so Nußbaumer. Dabei seien Zweideutigkeiten der Dialektversionen in Richtung Erotik verlorengegangen, um das Bild von den frommen Naturmenschen aus den Alpen nicht zu zerstören, erklärt der Wissenschafter.

  • Das Spiel mit den Klischees

  • Die vielen Beispiele tirolerischer und englischer Versionen der gleichen Lieder offenbaren das Talent der frühen Tiroler Nationalsängergesellschaften, sich mit ihrer Musik einem fremden Publikum verständlich zu machen und als Werbeträger für ihre Heimatregionen zu fungieren. "Dabei haben die Rainers beider Generationen in erster Linie mit Klischees gearbeitet", erklärt der Volksliedexperte. Dazu zählten etwa das Jodeln, das eindeutig mit den Alpen in Verbindung gebracht wird, und eine entsprechende Tracht. Die Rainers haben sich aber auch damaligen Trends wie der deutschen Walzermode nicht verschlossen und gekonnt für sich adaptiert, wie das Stück "Jodeln Waltzes" belegt. Auch ihr Programm wurde schon bald umbenannt von "Tyrolese Singing" auf den mehr Erfolg versprechenden Titel "Tyrolese Singing and Waltzing".

  • Mit dem Alpenklischee spielt die volkstümliche Musikszene bis heute. Versatzstücke aus Folklore, Pop, Dreivierteltakt zählen nach wie vor zu den Ingredienzen erfolgreicher Unterhaltungsmusik. Die Rainers legten im 19. Jahrhundert den Grundstein für diesen prägenden Musikstil, wie der Herausgeber Thomas Nußbaumer und die Autorin Sandra Hupfauf in dem Buch "Die Lieder der Geschwister Rainer und 'Rainer Family'" als Ergebnis des FWF-Projekts anschaulich dokumentiert und aufbereitet haben.

  • Zur Person

  • Thomas Nußbaumer ist Musikwissenschafter am Innsbrucker Sitz der Universität Mozarteum Salzburg. Er ist Experte für Volksmusikforschung mit den Schwerpunkten Musik und Brauch, Fasnacht, Volksmusik und Nationalsozialismus sowie Überlieferung der Volksmusik im Alpenraum.

  • Quelle: scilog

STICHWÖRTER
Musik  | Forschung  | Wien  | Kunst & Kultur  | Kunst  | Wissenschaft  |

Dossier

Musik hat vermutlich schon in prähistorischer Zeit eine wichtige gesellschaftliche Rolle gespielt. Heute ist sie in unserem Alltag omnipräsent und ständig verfügbar, ob im Konzert, via Smartphone ...

Gastkommentare

"Musikstreaming - Das Radio des 21. Jahrhunderts"
von Peter Tschmuck
Professor für Kulturbetriebslehre an der mdw
"Talkin' 'bout my generation"
von Magdalena Fürnkranz
PopNet Austria
Senior Scientist an der mdw
"Zur Akademisierung der Musikwissenschaft"
von Barbara Boisits
Institut für kunst- und musikhistorische Forschungen der ÖAW und Vizerektorin an der Kunstuniversität Graz

Hintergrundmeldungen

Musikempfehlungssysteme sollen besser werden © APA (Schlager)

Hörbar frei - Forscher extrahieren Musik-Persönlichkeiten von Ländern

Mittels Verknüpfung von Daten aus Online-Plattformen lässt sich einiges über ...
Musik muss zur jeweiligen Konsumumgebung passen © APA (dpa)

Marken und Erlebniswelten: Warum sich Metallica nicht als Fahrstuhl-Musik eignet

Im Supermarkt, Restaurant oder Lift: Musik wird seit einiger Zeit zum "Mood ...
Wissenschafter gehen auch der Wirkung der Klänge auf das Gehirn nach © Irmgard Bankl

Mehrdimensionale Wirkung: Musik als Medizin

Mit der Universität für Musik und darstellende Kunst (mdw) besitzt Österreich ...
Die Wurzeln der Musiktherapie liegen im 18. Jahrhundert © Irmgard Bankl

Von den Anfängen der Musiktherapie in Wiens "Irrenanstalten"

Ein aktuelles, vom Wissenschaftsfonds FWF gefördertes Forschungsprojekt ...
Schon während der Schwangerschaft prägt Musik © APA (dpa)

Babygroove, Tierpop, audiophile Rechner - Forscher leuchten in Winkel der Musikalität

Song Contests werden mittlerweile von wissenschaftlichen Kongressen flankiert, ...
An der Uni Wien gehen Forscher einer sehr alten Forschungsfrage nach © APA (Oczeret)

Schlüssel zum Wohlklang dürfte in der Kommunikation liegen

Wohlklang entsteht, wenn Töne in einer bestimmten Beziehung stehen. Diese ...

Mehr zum Thema