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Umfrage: Einblicke in die Forschungszukunft

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31.07.2014
  • Wien (APA-Science) - Wohin steuert die Forschung? Was sind die wichtigsten Einflussfaktoren für die Entstehung neuer Disziplinen? Wie wird sich die Wissenslandschaft verändern, und worauf sollte sich Österreich konzentrieren? Wir haben Wissenschafter aus der Praxis und Experten, die mit Forschung und Technologie im weiteren Sinn befasst sind, um ihre Einschätzung gebeten. Einhelliger Tenor: An breiter Grundlagenforschung führt kein Weg vorbei, Fördertöpfe müssen transparenter werden, Interdisziplinarität wird noch stärker an Bedeutung gewinnen und als Forderung an die Politik: Ausländischen Forschern und ihren Familien soll es endlich leichter gemacht werden, nach Österreich zu kommen.

  • Petra Schaper-Rinkel, Senior Scientist am Austrian Institute of Technology (AIT)

  • Die interessantesten Forschungsgebiete entstehen zurzeit an den Schnittstellen zwischen Forschungsfeldern, z. B. Big Data und Personal Genomics, Neuroforschung und Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT). Eine entscheidende Veränderung in der Grundlagenforschung ist die zunehmende Ausrichtung an den "Grand Challenges". Wie kann sich eine gesellschaftliche Nachfrage nach Technologien artikulieren? Klimawandel, demografische Veränderungen und künftige Mobilitätsanforderungen können nur technologie-, disziplin- und politikübergreifend in Angriff genommen werden. Web 2.0-Tools & "Facebook für Forscher" gewinnen an Bedeutung: etwa Academia.eu, ResearchGate oder Mendeley.

  • Eva-Kathrin Sinner, Leiterin des Instituts für Synthetische Bioarchitekturen, Universität für Bodenkultur (Boku)

  • Die Zukunftsdisziplin heißt Grundlagenforschung, denn daraus entstehen neue Technologien. Parallel dazu sollten sich jedoch Inkubatoren entwickeln, wie das BioM in Martinsried/Deutschland. Größter Forschungsbedarf liegt in der Lösung der Energiefrage, der Individualisierung von Therapien und Medikamenten sowie im Gegensteuern gegen die "Entfremdung" der Gesellschaft von wissenschaftlichen Fakten - ein trauriges Beispiel dafür ist das per Gesetz atom- und gentechnikfreie Österreich. Strukturell werden Cluster an Bedeutung gewinnen: das erfordert Teamfähigkeit und bringt verstärkte inter- sowie transdisziplinäre Zusammenarbeit mit sich. Gerade in vergleichsweise kleinen und finanziell tragfähigen Systemen wie Österreich ist das eine echte Chance, weil Methoden und Themen gezielt gefördert werden können. Leider fehlt hierzulande ein transparent operierendes und finanziell tragfähiges Fördersystem. Ausländische Forscher sind mit administrativen Hürden konfrontiert und treffen nicht immer auf eine weltaufgeschlossene Atmosphäre, die eine Grundvoraussetzung an der Universität sein sollte - eine echte Irritation über ein Land, das auf Zuwanderung von ausländischem "Brain" dringend angewiesen ist.

  • Niyazi Serdar Sariciftci, Leiter des Instituts für Physikalische Chemie und des Instituts für Organische Solarzellen, Johannes Kepler Universität (JKU)

  • Im Kommen ist das Gebiet der "Bio-electronic Integration". In Österreich wird der Fokus auf Nano-Bio-Medical Integration and Applications stärker. Neue Erkenntnisse, aber auch neue Materialien kommen immer aus der Grundlagenforschung. Die Zeit der Einzelkämpfer ist vorbei, zunehmend gefragt sind Institute und Gruppen mit einer starken Netzwerkstruktur über verschiedene Disziplinen und Backgrounds hinweg. Eine engere Zusammenarbeit zwischen den Universitäten wäre wünschenswert. Diese müssten deutlich mehr Spin-Offs gründen, denn die technologische Zukunft liegt in jungen, innovativen Unternehmen. Seitens des Gesetzgebers wäre es wichtig, eine neue Standortpolitik zu definieren, die sich an der Schaffung neuer Technologien orientiert. Dazu gehört auch, ausländische Forscher und ihre Familien mit der größtmöglichen Freiheit und Unterstützung willkommen zu heißen.

  • Ludovit Garzik, Geschäftsführer des Rates für Forschung und Technologieentwicklung (RFT)

  • Zu erwarten ist eine weitreichende Konvergenz von Disziplinen und Technologiefeldern. Grund dafür ist einerseits die technologische Entwicklung, andererseits verlangen die anstehenden großen gesellschaftlichen Probleme eine verstärkte interdisziplinäre Ausrichtung. So sind zum Beispiel moderne Hörhilfen ein Ergebnis der fächerübergreifenden Kooperation einer ganzen Reihe von technologischen Feldern.

  • Neugiergetriebene Grundlagenforschung werden nur noch Wissenschaftler betreiben. Daneben werden immer mehr Teile der Bevölkerung in F& E eingebunden sein. Entstehen werden globale wie auch unzählige lokale Innovationshubs. Vor Ort entwickelte und produzierte, oft radikal einfache und günstige Erzeugnisse aus Schwellen- und Entwicklungsländern werden kapitalintensive Innovationen aus Industrieländern verdrängen ("reverse innovation").

  • Traditionelle Industrien, wie die Automobilsparte, setzten schon jetzt verstärkt auf "Customization" für lokale Märkte. Dabei ist auch ein weiterer Schub für Clusterbildung zu erwarten - lokal sowie überregional (dann aber virtuell vernetzt). "Open innovation" bedeutet, dass die lokalen Endnutzer verstärkt in die Produktentwicklung eingebunden werden. 3D-Printing macht eine dezentrale Produktion möglich und wird zur Demokratisierung der Wissensproduktion beitragen. Auch Lieferanten und andere Unternehmen können im Produktionsumfeld miteinbezogen werden, das Internet erleichtert dabei die Kommunikation.

  • Notwendig wäre auch eine transparente - aber sicher nicht reduzierte - Forschungsförderung, die sinnvoll eingesetzt wird.

  • Georg Kaser, Glaziologe am Institut für Meteorologie und Geophysik der Universität Innsbruck

  • Die Instabilität von großen Gletschern und Eisschilden sind in meinem Fachbereich das größte Thema. Am meisten tut sich diesbezüglich in den USA. Der wichtigste Einflussfaktor für die Entstehung neuer Forschungsfelder ist frei nach dem neuen Wittgensteinträger (Anm.: Josef) Penninger: "Gescheite Köpfe mit ausreichenden Mitteln ausstatten und warten, was passiert". Exzellente Forschung lässt sich in keinen Rahmen pressen, auch nicht, wenn er modern und futuristisch daherkommt. Die heimischen Förderprogramme sind vor allem in der Klimaforschung zu stark diversifiziert, sie sollten auf eine Grundlagen- und eine angewandte Forschungslinie reduziert werden. Damit könnte das Geld effizienter eingesetzt werden. Finanziell besser unterstützt werden müssen die Universitäten.

  • Josef Hochgerner, Wissenschaftlicher Leiter Zentrum für Soziale Innovation (ZSI)

  • Eine Tendenz geht in Richtung wachsender Internationalisierung und Vernetzung von Forschungseinrichtungen. Hinzu kommt, dass es vielfältigere Quellen und Methoden der Generierung und Verbreitung von Wissen - auch außerhalb des klassischen Wissenschaftssystems - geben wird. Das eröffnet Chancen zur Beteiligung bisher wissenschaftsferner Teile der Bevölkerung an citizen science und transformativer Forschung. Als Zukunftsdisziplinen sollten systematisch zusammenhängende Wissenschaftsfelder definiert werden: die wichtigsten wären Lebens- und Kognitionswissenschaften, um Lebensqualität und Gesundheit gesamthaft zu erfassen und zu fördern; Kultur- und Gesellschaftswissenschaften - insbesondere inklusive Ökonomie - weil diese entscheidend für die Zukunft der menschlichen Zivilisation sind; sowie Mathematik, Physik und damit verbundene Naturwissenschaften, um unverzichtbare Grundlagen für zukunftsweisende Technologien wie auch zur Anpassung an den Klimawandel zu schaffen.

  • Ilse Stockinger, Forschungskoordinatorin der Wiener Stadtwerke

  • Künftig zentrales Thema wird interdisziplinäres Arbeiten mit starker Projektsteuerung sein. Man wird erkennen, dass fächerübergreifende Kooperation eine eigene Kompetenz ist und dafür bestimmte Ressourcen, etwa ein übergelagertes "Kompetenz-Level", notwendig sind. Leider sind die Anreize und Kompetenzen für disziplinübergreifende Zusammenarbeit - beispielsweise Sozialwissenschaften mit Gebäudephysik und Verkehrsplanung - derzeitig nicht sehr groß.

  • Vor der Entwicklung neuer Technologien wäre es sinnvoll, vorhandenes Potenzial zu nutzen: beispielsweise ist das Potenzial von Big Data zur Planung und Steuerung im öffentlichen Bereich längst nicht ausgeschöpft. Bei vielen Fragen ist der "Faktor Mensch" zu wenig eingebunden, so etwa bei der Energie- und Verkehrswende. Ein Forschungsflop ist sicher die individuelle E-Mobilität als Alternative zum fossilbetriebenen eigenen Auto, weil es am grundsätzlich ressourcenintensiven Verkehrsmittel, das im Stau steht und öffentlichen Raum verstellt, nichts ändert.

  • Ingolf Schädler, Bereichsleiter Innovation BMVIT

  • Gefragt sind Forschung und (soziale) Innovation auf allen Ebenen. Vor allem geht es um Energie- und Ressourceneffizienz, Mobilität, Transport und Infrastruktur, modernste Formen der Produktion, biogene Rohstoffe und Ernährung, aber auch um Medizin und gesundes Altern. Interessanterweise nähern sich die Vorreiter USA oder Japan vielen Fragestellungen vom Standpunkt der Big Data her an, während es in Europa eher um CO2-Reduktion und Energieeinsparung geht. Teamarbeit, Internationalisierung, Interdisziplinarität und Open Innovation sind die tonangebenden Begriffe in der künftigen Forschungsstruktur. Österreich soll Stärkefelder ausbauen, aber es zeichnen sich auch neue Themen ab, wo das Land bereits große wissenschaftliche Erfolge vorweisen kann, etwa im Bereich Quantenoptik, Quantencomputing bzw. -kryptographie. International herausragend ist die heimische Forschung in der Biotechnologie und Genetik: Hier müssten wir nur noch etwas mehr in die industrielle Umsetzung kommen. Österreich ist ein "Powerhouse" in der modernen industriellen Produktion. Da muss das Land dranbleiben - Stichwort Industrie 4.0.

  • Laut eines Reports der EU-Kommission verfügt Österreich gemeinsam mit Deutschland, Schweden, Finnland und Dänemark über das effizienteste Forschungssystem in der EU. Natürlich gibt es jedoch insbesondere auf der Seite der infrastrukturellen Aufrüstung der Universitäten in Richtung wissenschaftlicher und technologischer Exzellenz noch sehr viel zu tun.

  • Robert Trappl, Vorstand des Instituts für Medizinische Kybernetik und Artificial Intelligence der Universität Wien und Leiter des Forschungsinstituts für Artificial Intelligence

  • Forschung wird immer mehr kooperativ und disloziert betrieben. Über Skype ist eine Zusammenarbeit von jedem Ort der Welt aus möglich, sofern es Internet gibt - sei es auf der Almhütte oder am Strand am Meer. Prinzipiell finde ich es gesamtgesellschaftlich zweckmäßiger, Forschungsanträge aus allen Wissenschaftsdisziplinen anzunehmen, als von "oben" her "Schwerpunkte" vorzuschreiben - siehe die unsägliche "Planification". Dringend wünschenswert wäre die Wiedereinführung der Anbahnungs- sowie Ko-Finanzierung von EU-Projekten. Ändern sollten sich auch bürokratische Hürden: Ein Antrag bei einer heimischen Forschungsförderungsinstitution für eine Projektförderung ist umfangreicher und langwieriger als eine bei der Europäischen Kommission.

  • Forschungsgebiete der Zukunft sind autonome Fahrzeuge, Roboter als "Companions", Ersatz von Sinnesorganen, intelligente Prothesen und Exoskelette bei Behinderungen . Wichtigster Einflussfaktor für Forschung ist die Ökonomie. Die Alterung der Bevölkerung vor allem in Europa und Japan lenkt den Fokus auf medizinische Forschung - Geriatrie, Palliativmedizin, Onkologie, Chirurgie und Implantologie. Auch Big Data ist ein großes Thema. Wissenschaftlich ist ein stark wachsender Bereich die Hirnforschung, Gehirnmodellierung und -simulation, die Forschung über Emotionen und Bewusstsein. Forschung hat leider einen zu niedrigen Stellenwert in Österreich, was sich in der geringeren Finanzierung sowohl durch die öffentliche Hand als auch von Unternehmensseite her widerspiegelt.

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Slideshow: Expertenmeinungen über die Forschungsgebiete der Zukunft

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