Gastkommentar

Anke Bockreis © Uni Innsbruck
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Dossier

"Verwertung von getrennt gesammelten Bioabfällen - mehr als Kompostierung!"

Gastkommentar

31.03.2017
  • Innsbruck (Gastkommentar) - Die Verwertung von getrennt gesammelten Bioabfällen ist in Österreich und in vielen EU-Ländern seit Jahren eingeführt und ist die Voraussetzung für deren hochwertige stoffliche und/oder energetische Verwertung. Trotz allem werden nach wie vor nicht alle biogenen Abfälle erfasst und entsprechend behandelt. Gerade im Restabfall befinden sich noch erhebliche biogene Anteile von bis zu 20 Masseprozent. Im Zuge knapper werdender Ressourcen stellen diese Abfälle ein zusätzliches Potenzial für die stoffliche und energetische Verwertung dar, wobei diese Optionen aber auch wirtschaftlich darstellbar sein müssen.

  • Um ökologisch und ökonomisch optimierte Lösungsansätze ableiten zu können, müssen daher verschiedene Aspekte, wie z.B. unerschlossene Potenziale, Bioabfall als Rohstoff und den sich daraus ergebenden Konflikten in Bezug auf stoffliche und energetische Nutzung, miteinander abgewogen werden. Beispielhaft sei hier der Einsatz von biogenen Abfällen als Co-Substrat auf Abwasserreinigungsanlagen genannt, um so eine höhere Auslastung von ungenutztem Faulraumvolumen bei gleichzeitiger Steigerung der Biogasausbeute zu erreichen und die Energiebilanz einer Abwasserreinigungsanlage zu verbessern.

  • Allerdings darf in einigen Bundesländern in Österreich, u.a. auch in Tirol, der Klärschlamm nicht auf die Felder verbracht werden, sondern muss verbrannt werden. Somit stehen die stofflichen Potenziale (Nährstoffe im Bioabfall) nicht mehr zur Verfügung und werden dem Nährstoffkreislauf entzogen. Ein möglicher Lösungsansatz könnte die niederkalorische Fraktion einer mechanischen Aufbereitungsanlage für Restabfall sein, die ansonsten in die biologische Behandlung einer mechanisch-biologischen Restabfallbehandlungsanlage (MBA) oder in die Verbrennung gehen würde, und anstatt des hochwertigen Bioabfalls in der Abwasserreinigungsanlage als Co-Substrat genutzt werden könnte. Eine große Herausforderung ist die Aufbereitung der niederkalorischen Fraktion, bevor sie als Co-Substrat in den Faulturm einer Abwasserreinigungsanlage eingesetzt werden kann, wobei das Hauptaugenmerk auf der Abtrennung der Störstoffe - ebenso wie bei der alleinigen Vergärung von getrennt gesammelten Bioabfällen - liegt.

  • Abhängig von der Herkunft und der Zusammensetzung eignen sich unterschiedliche technische Verfahren bzw. Verfahrenskombinationen für die Behandlung getrennt gesammelter Bioabfälle. Neben der stofflichen Verwertung in Form von Kompost steht immer mehr eine effiziente Kaskadennutzung von biogenen Abfallstoffen und auch Biomasse im Vordergrund. Unter Anwendung verschiedener mechanischer, thermochemischer und biochemischer Verfahren sollen die Inputmaterialien in hochwertige stoffliche und energetische Produkte umgewandelt werden. Die entstehenden Produkte reichen von Chemikalien, Werkstoffen oder auch Futtermitteln bis hin zu Treibstoff und Biogas.

  • Hervorzuheben ist generell, dass es bei Nutzung des Potenzials an Abfällen zu keiner Konkurrenzsituation mit der Produktion von Lebensmitteln oder sonstigen landwirtschaftlich erzeugten Produkten kommt. Diese Konkurrenzsituation kann durch die Nutzung der getrennt gesammelten Bioabfälle als Inputmaterialien anstelle von Nahrungsmitteln vermieden werden. Beachtung findet in Österreich in letzter Zeit die Herstellung von Pflanzenkohlen aus biogenen Abfällen einhergehend mit der Bedeutung als Bodenverbesserungsmittel in Form von Kohlenstoffspeicherung. Verschiedene Ökobilanzen zeigen, dass durch die Herstellung von Pflanzenkohlen aus biogenen Abfällen ökologische Vorteile im Hinblick auf die Kohlenstoffspeicherung erzielt werden können. Generell besteht hier der Bedarf nach Langzeit- und großtechnischen Felduntersuchungen, um das langfristige Verhalten der Pflanzenkohle in den Böden verifizieren zu können.

  • Diskutiert und optimiert werden aktuell Biogasanlagen als zentrale Bausteine in den Energieversorgungssystemen durch erneuerbare Energien. So kann in Biogasanlagen die Energiebereitstellung kontrollierter erfolgen als bei Wind- oder Sonnenenergie. Hier kann die Optimierung einerseits auf technischer Basis erfolgen oder auch durch eine gezielte Einflussnahme auf den biologischen Abbauprozess, um so flexibel Energie bedarfsgerecht bereitstellen zu können. Eine weitere Möglichkeit ist die dezentrale Aufbereitung und Erfassung von Bioabfällen, v.a. von nicht vermeidbaren Speiseresten am Entstehungsort ohne dortige negative Auswirkungen, um so ebenfalls zu einer effizienten und bedarfsgerechten Energiebereitstellung beizutragen. Selbstverständlich sollte jedoch die Vermeidung und Minimierung von Speiseresten und Lebensmittelabfällen an erster Stelle stehen.

  • Abschließend lässt sich festhalten, dass eine getrennte Sammlung von Bioabfällen unabdingbar für eine hochwertige Verwertung ist. Die aerobe Behandlung von Bioabfällen zur Komposterzeugung stellt die grundlegende Behandlungsform dar, die durch verschiedene Verfahren ergänzt und erweitert, aber auch ersetzt werden kann.

Zur Person

Anke Bockreis, Professorin für Abfallbehandlung und Ressourcenmanagement der Universität Innsbruck

Anke Bockreis ist Vizerektorin für Infrastruktur an der Universität Innsbruck. Seit Oktober 2009 hat sie die Professur Abfallbehandlung und Ressourcenmanagement inne. Sie ist Bauingenieurin und promovierte im Themenbereich der Überwachung von Flächenbiofiltern. Von 1996 bis 2009 war sie langjährige Mitarbeiterin am Institut WAR, Fachgebiet Abfalltechnik der TU Darmstadt, Leitung Prof. Dr. Johannes Jager. Dort lagen ihre Arbeitsschwerpunkte auf den biologischen sowie mechanisch-biologischen Abfallbehandlungsverfahren sowie deren Emissionserfassung und -minderung. Zusätzlich war Prof. Bockreis als Projektingenieurin mit Schwerpunkt mechanisch-biologische Abfallbehandlung in den Jahren 2005-2007 bei der IGW – Ingenieurgemeinschaft Witzenhausen tätig. Ebenso konnte sie außeruniversitäre Erfahrungen als freie Mitarbeiterin in weiteren Ingenieurbüros sammeln.

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