Gastkommentar

Manuel Reiberg © Angelika Schiemer/Asoluto
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Dossier

"Vor Digital Health kommt Digital Research"

Gastkommentar

28.04.2017
  • Wien (Gastkommentar) - Bei Digital Health denkt jeder sofort an bahnbrechende technologische Lösungen, die die Gesundheitsvorsorge bereichern, die Patientenbetreuung über digitale Kanäle ermöglichen oder die Abläufe in Kliniken verändern. Die Bedeutung von "digital" für die Forschung wird jedoch in vielen Betrachtungen ausgelassen. Dabei bedeutet die Digitalisierung gerade für die medizinische Forschung eine echte Disruption.

  • Die zunehmende Digitalisierung ist für die Medizin keine Evolution, sondern eine Revolution. Darüber sind sich die Fachleute weitgehend einig. Denn sie bewirkt weitreichende Veränderungen und betrifft nahezu alle Bereiche des Gesundheitssektors. Am Lebenszyklus eines Menschen skizziert, begleitet uns Digital Health sinnbildlich von der Wiege bis zur Bahre - von der Geburtsvorbereitung über die Akutmedizin im Fall von Schul- und Freizeitunfällen, über die Gesundheitsvorsorge und die Bewusstseinsbildung bis hin zur Langzeitbehandlung chronischer Krankheiten und zur Altenpflege.

  • Internet of Medical Things

  • Das "Internet of Medical Things" umfasst ein regelrechtes Ökosystem von vernetzten medizinischen Technologien, die die unterschiedlichsten Bereiche der Gesundheitsvorsorge und der Betreuung kranker Menschen verbinden: Auf kommunaler Ebene führen digitale Innovationen beispielsweise zu effizienteren, mitunter lebensrettenden Abläufen in der Notruf- und Rettungskette. Im Gesundheitssektor haben sich Online-Beratungsangebote von staatlichen Stellen bis hin zu Selbsthilfegruppen einen nicht mehr wegzudenkenden Platz erkämpft. Im Haushalt unterstützen smarte Tools kranke Menschen in der Bewältigung des Alltags. Rund um den Körper helfen Handy-Apps oder tragbare Geräte chronisch Kranken wie zum Beispiel Diabetikern, notwendige Messungen vorzunehmen, die richtige Medikamenteneinnahme zu managen und so Therapietreue zu erzielen. Bei den Ärzten und in den Krankenhäusern hat die Digitalisierung den Informationsfluss, die Analyse- und Diagnosemöglichkeiten sowie die Patientenüberwachung und -betreuung in eine andere Liga katapultiert. Und auch der Lebenszyklus eines Arzneimittels bzw. Impfstoffes wird heute von der Grundlagenforschung bis zum Einsatz am Patienten von digitalen Abläufen begleitet und beeinflusst. Kurzum, Digital Health durchzieht sämtliche Gebiete.

  • Klare Vorteile

  • Die Vorteile sind dabei evident: Die Digitalisierung erlaubt eine direktere und viel umfassendere Information und Betreuung der Patienten. Sie eröffnet der Diagnose völlig neue Möglichkeiten, indem deutlich größere Daten- und Informationsmengen durchsucht und gezielt analysiert werden können. Und sie bedeutet einen enormen Fortschritt in der Behandlung, weil die Daten des einzelnen Patienten viel besser gemanagt werden, aber auch vergleichbare Fälle auf vielfältigste Behandlungsoptionen gescreent werden können.

  • Damit gewinnen Ärzte und Pflegemitarbeiter wertvolle Zeit, die sie für den persönlichen Kontakt und die psychologische bzw. psychosoziale Betreuung der Patienten verwenden können.

  • Innovationen schneller verfügbar machen

  • Digitale Technologien haben aber auch lange vor den eingespielten Abläufen des "Gesundheits-Alltags" eine enorme Bedeutung. Denn die Digitalisierung beeinflusst auch die (an sich schon hoch vernetzte) Forschung auf neue Weise: Die Datenflut, der sich Forscher weltweit gegenübersehen, kann durch integrierte Plattformen und Entwicklungen wie dem Computerprogramm Watson unvergleichlich schneller strukturiert erfasst und verarbeitet werden. Die Kommunikation zwischen Forschern, Ärzten, Industrie und Patienten wird dadurch auf eine höhere Stufe gehoben.

  • So teilen manche Unternehmen im Rahmen so genannter "open innovation models" ihre Erkenntnisse mit der internationalen Scientific Community, um in Bereiche vorzudringen, wo dringender medizinischer Bedarf und große Herausforderungen bestehen. Ein solches Programm zielt etwa darauf ab, durch intensive Zusammenarbeit zwischen Geldgebern, Forschern und akademischen Gruppen das Verständnis für afrikanische Patienten mit nicht übertragbaren Krankheiten zu erhöhen. Die translatorische Forschung integriert dabei Laboruntersuchungen, klinische Forschung und bevölkerungsbezogene Forschung.

  • Auch klinische Studien verlaufen durch die zunehmende digitale Vernetzung wesentlich zielgerichteter, effektiver und erfolgversprechender. Die MedUni Wien hat beispielsweise vor kurzem ein internationales Big-Data-Projekt präsentiert. Das im Jänner gestartete und über fünf Jahre laufende EU-Projekt hat zum Ziel, vorhandene große Datenmengen aus der klinischen Forschung zu Blutkrebserkrankungen aufzubereiten und zur Zweitverwertung im Bereich der Big-Data-Analyse zur Verfügung zu stellen. Dafür soll eine Plattform für den Datenaustausch aufgebaut werden, die Kliniken sowie nationalen und europäischen Institutionen - insgesamt 51 Partnerinstitutionen aus elf Nationen - die Zusammenarbeit erleichtert.

  • Bei der Entwicklung innovativer Arzneimittel nimmt Digital Research ohnedies einen wesentlichen Stellenwert ein. Beispielsweise werden beim Antibody-Engineering die hochkomplexen Moleküle mit einem 3D-Modelling Verfahren digital simuliert, um bereits in frühen Forschungsphasen zu analysieren, wo und wie ein Wirkstoff am gewünschten Ziel "andocken" kann. Für die Krebsforschung sind die digitale Vernetzung, Auswertung und Analyse aus Bioinformatikdatenbanken wichtig, um neue präzise Ansatzpunkte für die Behandlung von Krebserkrankungen zu finden. Dafür liefern hochmoderne Diagnoseverfahren wie "Next-Generation-Sequenzing" oder "Liquid Biopsy" wesentliche Informationen über genetische Veränderungen im Tumor.

  • Ziel bei all diesen Ansätzen ist es jedenfalls, Innovationen schneller für die Patienten verfügbar zu machen. Vor Digital Health steht also Digital Research - und das ist für uns in der forschenden Pharmaindustrie außerordentlich spannend und vielversprechend.

  • Big Data - Big Benefit?

  • Bei aller Euphorie darf jedoch ein Aspekt nicht übersehen werden: Digital Health basiert auf dem Austausch von Daten - persönlichen, hoch sensiblen Daten, die nicht in die falschen Hände geraten dürfen. Deshalb müssen alle Anstrengungen für noch leistungsfähigere Technologien von ebenso großen Anstrengungen für höchste Sicherheit begleitet werden. Das ist die Herausforderung der Zukunft, der wir uns stellen müssen. Dann bringen Big Data auch Big Benefit.

Zur Person

Manuel Reiberg, Präsident des Forums der forschenden pharmazeutischen Industrie in Österreich (FOPI)

Dipl. Kfm. Manuel Reiberg ist seit Dezember 2016 Präsident des Forums der forschenden pharmazeutischen Industrie in Österreich (FOPI). Parallel zur dieser ehrenamtlichen Funktion ist Reiberg Managing Director der Daiichi Sankyo Austria GmbH, der österreichischen Tochter des japanischen Pharmakonzerns. Die Karriere des gebürtigen Kölners begann Anfang 2005 bei der UK‐Tochter von Daiichi Sankyo, wo er erst als Business Analyst und später als Brand Manager im Bereich Vertrieb und Marketing in London arbeitete. Ende 2006 wechselte der studierte Betriebswirt in die Europazentrale nach München in den Bereich Marketing und übernahm später im Bereich Business Development & Licensing Verantwortung. 2010 übersiedelte Reiberg mit seiner Familie nach Wien, wo er fünf Jahre lang als Manager Country Operations verantwortlich zeichnete, bevor er im August 2015 zum Managing Director ernannt wurde.

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