Gastkommentar

Alexandra N. Lenz und Manfred Glauninger © Stefanie M. Moog/Sandra Lehecka
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Dossier

"Warum in Österreich jeder Mensch mehrsprachig ist"

Gastkommentar

02.08.2018
  • Wien (Gastkommentar) - Als "mehrsprachig" gelten Menschen in der Regel dann, wenn sie mindestens zwei verschiedene Sprachen sprechen. Diese Art von Mehrsprachigkeit spielt(e) in Österreich sowohl historisch (im Kontext der Habsburgermonarchie) als auch in der Gegenwart (im Zusammenhang mit Migrationsbewegungen) eine bedeutende Rolle. Es gibt aber auch eine "innere" Mehrsprachigkeit, nämlich die Fähigkeit, mehrere Erscheinungsformen (in der Linguistik: "Varietäten") ein und derselben Sprache kompetent einzusetzen. In dieser Hinsicht sind letztlich alle deutschsprachigen Österreicherinnen und Österreich "mehrsprachig" - weil sie je nach Situation, Thema, Intention und Gesprächspartner z. B. den "Dialekt" oder das "Hochdeutsche" verwenden (können).

  • Nun wird aber Mehrsprachigkeit - gerade auch in Österreich - seit jeher kontrovers beurteilt. Einerseits gilt eine Art von Eliten-Mehrsprachigkeit, deren Komponenten Prestigesprachen wie Englisch, Spanisch oder Französisch bilden, unhinterfragt als Zeichen für Intelligenz sowie Weltläufigkeit und wird als Voraussetzung für beruflichen Erfolg propagiert. Auf der anderen Seite hingegen wird die Mehrsprachigkeit bestimmter Gruppen von Migrantinnen und Migranten, die das Deutsche zusammen mit ihren Herkunftssprachen verwenden, traditionell stigmatisiert und nicht selten - wie wir es auch von der Stigmatisierung von Dialekten kennen - als Hindernis auf dem Weg hin zur gesellschaftlichen Integration angesehen.

  • Vor dem Hintergrund dieses Spannungsfeldes bzw. insbesondere im Zusammenhang mit bildungspolitischen Diskussionen ist das Phänomen Mehrsprachigkeit in den letzten Jahren zunehmend ins Zentrum des öffentlichen Diskurses gerückt. Vonseiten der Sprachwissenschaft wird dabei davon ausgegangen, dass "innere" und "äußere" Mehrsprachigkeit theoretisch sowie methodisch aufeinander bezogen und entsprechend analog untersucht werden müssen. Aus dieser Sicht reflektieren beide Formen von Mehrsprachigkeit stets in gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge eingebettete lebensweltliche Erfahrungen der Sprecherinnen und Sprecher. Beide Arten von Mehrsprachigkeit, die "innere" wie die "äußere", stellen eine wesentliche Facette des Repertoires sowohl individueller als auch gruppenspezifischer kommunikativer Möglichkeiten dar, die soziale Interaktionen ausmachen. Darüber hinaus fungieren "innere" und "äußere" Mehrsprachigkeit und ihre (Varietäten von) Sprachen immer auch als bedeutende Instrumente der Identitätskonstruktion.

  • Wesentlich ist bei all dem die Erkenntnis, dass man keinesfalls nur dann als mehrsprachig gilt, wenn man eine "umfassende" (muttersprachliche) Kompetenz hinsichtlich der jeweiligen Sprachen bzw. Varietäten aufweist - unter dieser Voraussetzung wäre Mehrsprachigkeit gar nicht möglich. Was vielmehr zählt und in der Realität zu beobachten ist: Mehrsprachige Menschen nutzen bestimmte Merkmale oder Ausschnitte der Grammatik, des Wortschatzes oder etwa der Sprachmelodie "ihrer" Sprachen und Varietäten für bestimmte mündlich oder schriftlich zu bewältigende Kommunikationserfordernisse. Dabei lassen sich entsprechende gesellschaftliche Konventionen in Bezug auf Domänen wie Familie/Freizeit, Berufsleben, Öffentlichkeit, soziale Medien etc. beobachten.

  • Genau dies charakterisiert die "innere" Mehrsprachigkeit der (auch) Deutsch sprechenden Österreicherinnen und Österreicher. Ganz allgemein gesehen bewegen sich diese - domänen-, situations-, funktions- und intentionsspezifisch erklärbar - sehr flexibel innerhalb eines Kontinuums an Formen der deutschen Sprache, dessen Pole "Hochdeutsch" und der Dialekt bilden. In Ostösterreich - und hier im Besonderen unter jungen Menschen im großstädtischen Ballungsraum Wien - scheinen "hochdeutsche" Sprachformen dieses Variationsspektrums der deutschen Sprache häufiger Verwendung zu finden als dialektale bzw. dialektnahe Sprechweisen. In ländlichen Regionen hingegen, vor allem aber in Westösterreich, dürfte diese Art von "Dialektabbau" erheblich geringer ausgeprägt sein. Dies meint freilich keinesfalls, dass sich die entsprechenden Dialekte bei "innerer" Mehrsprachigkeit der in diesen Regionen lebenden Bevölkerung nicht verändert haben bzw. nicht kontinuierlich verändern. Ganz im Gegenteil: Wie alle sprachlichen Erscheinungsformen müssen sich auch die Dialekte fortwährend wandeln, um "(über-)leben" zu können - das heißt: weiterhin (im ebenfalls sich ständig verändernden gesellschaftlichen Kontext) kommunikativ "funktionsfähig" zu bleiben. Die Vorstellung von einem "echten", möglichst archaischen und über Generationen hinweg unveränderten (also statischen) Dialekt als Sprachform und kulturelles Erbe einer "autochthonen" Bevölkerung ist ein mit der Realität nicht in Einklang zu bringendes Wunschbild, das die ältere linguistische Forschung prägte und außerhalb der Sprachwissenschaft oft nach wie vor weit verbreitet ist.

  • Was nun den "hochdeutschen" Pol des sprachlichen Gesamtspektrums der deutschen Sprache in Österreich anbelangt, ist auf ein weiteres, schillerndes Phänomen hinzuweisen: Neben den charakteristisch österreichischen Ausprägungen des "Hochdeutschen", den sogenannten "Austriazismen", bilden auch Elemente des "bundesdeutschen" Hochdeutsch einen Bestandteil der (zumindest passiven) Sprachkompetenz der meisten Österreicherinnen und Österreicher. Während man diese Tatsache früher aus "sprachpatriotischer" Sicht durchwegs negativ beurteilte bzw. als Gefahr oder Bedrohung für das Deutsche in Österreich ansah, erkennt man nunmehr zusehends den sich daraus für die Österreicherinnen und Österreicher ergebenden kommunikativen Mehrwert: Diese kennen bzw. verstehen (und verwenden zum Teil) auch "bundesdeutsches" Deutsch, während die Bevölkerung in Mittel- und Norddeutschland so gut wie keine Vorstellung vom Deutschen in Österreich hat. Nicht zuletzt deshalb ist in Österreich jeder Mensch mehrsprachig, und die hier fokussierte "innere" Mehrsprachigkeit der Österreicherinnen und Österreicher darf in diesem Licht als besonders elaboriert bezeichnet werden.

Zur Person

Alexandra N. Lenz und Manfred Glauninger, Universität Wien/ÖAW

Alexandra N. Lenz ist Universitätsprofessorin für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Wien und zugleich stellvertretende Direktorin des Austrian Centre for Digital Humanities der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), wo sie die Forschungsabteilung "Variation und Wandel des Deutschen in Österreich" leitet. Seit Jänner 2016 ist sie Sprecherin des vom FWF finanzierten Spezialforschungsbereichs "Deutsch in Österreich. Variation - Kontakt - Perzeption".

Manfred Glauninger ist Soziolinguist und Projektleiter in der Abteilung "Variation und Wandel des Deutschen in Österreich" am Austrian Centre for Digital Humanities der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Er lehrt an der Universität Wien und ist kooptiert im FWF-Spezialforschungsbereich "Deutsch in Österreich. Variation - Kontakt - Perzeption". Sein Forschungsinteresse gilt v. a. der historisch-soziologischen Dimension des sprachwissenschaftlichen Wissens, das er als Konvention im gesamtgesellschaftlichen Kontext deutet.

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