Gastkommentar

Julia Bock-Schappelwein (li.) und Ulrike Huemer © WIFO
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Dossier

"Warum sind Basiskompetenzen so wichtig?"

Gastkommentar

20.12.2018
  • Wien (Gastkommentar) - Die Wirtschaft ist einem ständigen Wandel unterworfen. Ausgelöst durch technische und organisatorische Innovationen, internationale Arbeitsteilung, Änderungen im Konsumverhalten oder durch die Alterung der Gesellschaft verändert sich das Ausmaß und die Zusammensetzung der Produktion von Waren und Dienstleistungen, mit erheblichen Konsequenzen für den Arbeitsmarkt: Manche Arbeitsplätze verschwinden, andere entstehen neu oder ändern teilweise ihre Arbeitsplatzbeschreibung.

  • Für die Arbeitskräfte heißt das, sich den wandelnden Qualifikations- und Kompetenzanforderungen anzupassen. Vor allem Arbeitskräfte mit geringen formalen Qualifikationen geraten unter Druck. Für sie gibt es einerseits immer weniger Beschäftigungsmöglichkeiten, andererseits geraten sie zunehmend in Konkurrenz zu höher qualifizierten Personen.

  • Für den Einzelnen mindern ein fehlender formaler Ausbildungsabschluss bzw. unzureichende Basiskompetenzen die Arbeitsmarktchancen: Die Beschäftigungs- und Einkommenschancen sinken, während das Arbeitslosigkeitsrisiko steigt. So haben Arbeitskräfte mit maximal Pflichtschulabschluss mittlerweile eine fast dreimal so hohe Arbeitslosenquote (2017: 25,3 Prozent) wie Personen mit Universitäts- oder Fachhochschulabschluss (2017: 3,4 Prozent), ihre Beschäftigungsquote liegt deutlich niedriger (2017: 46,9 Prozent) als jene von Hochqualifizierten (2017: 84,6 Prozent) und ihr Einkommen fällt im Vergleich zu Personen mit abgeschlossener oberer Sekundarausbildung um rund 30 Prozent (OECD, 2017) geringer aus. Gesamtwirtschaftlich betrachtet wirkt sich ein geringes Qualifikationsniveau negativ auf die Produktivität, die Wertschöpfung und das Wirtschaftswachstum aus; mögliches Volkseinkommen geht verloren. Betroffene sind bei Erwerbslosigkeit und geringem Erwerbseinkommen auf Transferleistungen des Staates angewiesen und können zugleich selbst keinen Beitrag zu den sozialen Sicherungssystemen leisten.

  • Die Zahlen zu den Integrationschancen auf dem Arbeitsmarkt nach Qualifikationsniveau unterstreichen somit die Rolle der formalen Ausbildung für den Arbeitsmarkterfolg. Der Erwerb von Basiskompetenzen, wie sie im Erstausbildungssystem zu vermitteln sind, ist folglich ein unverzichtbarer Grundstein für jede weitere Lernphase, sei es in der Schule, am Arbeitsmarkt oder im Privatleben. Sie sind die Voraussetzung, dass eine weiterführende Ausbildung im Anschluss an die Pflichtschulzeit fortgesetzt werden kann, für den Erwerb von berufsrelevantem Wissen, für die Verankerung von Lernen im Lebensverlauf und für die Bewältigung des Alltags.

  • Mangelnde Kompetenz in Lesen oder Schreiben sind kein aussterbendes Phänomen, wie empirische Befunde zu den Kompetenzen von Schülern und Schülerinnen belegen, seien es die Bildungsstandards auf nationaler Ebene oder auch internationale Leistungsvergleiche der OECD (PISA, TIMMS, PIRLS). Nicht alle Schülerinnen und Schüler in Österreich können während bzw. bis zum Ende ihrer Pflichtschulzeit die nötigen Kompetenzen erwerben. Der Anteil der leistungsschwachen Jugendlichen in Lesen oder Rechnen lag in den letzten zehn Jahren relativ stabil bei rund einem Fünftel aller Schüler und Schülerinnen. Um diesem Phänomen zu begegnen und den Anteil der Jugendlichen mit Lese-, Schreib- oder Rechenschwäche zu verringern, bedarf es verschiedener, präventiver Ansätze: Hierzu zählen erstens Investitionen im frühkindlichen Bereich, da die Lernfähigkeit eines Kindes vor allem in den ersten Lebensjahren geformt wird, und zweitens Investitionen am Beginn der Schulkarriere, da in der Volksschulzeit die Weichen für den späteren Bildungsverlauf gestellt werden.

  • Dazu bedarf es einer aktiven Bildungspolitik im frühkindlichen Bereich, damit Kinder mit Kompetenzschwäche (etwa Sprachproblemen) rechtzeitig gefördert werden. Dazu bedarf es auch der finanziellen Unterstützung von Schulstandorten mit besonders vielen benachteiligten Kindern und schwierigeren Unterrichtsbedingungen. Je schlechter die Ausgangsbedingungen des Schulstandortes sind, desto mehr Unterstützung sollte dieser erhalten.

  • Hinweis: Dieser Artikel erschien in ungekürzter Form als WIFO-Monatsbericht: Bock-Schappelwein, J., Huemer, U., 2017, Österreich 2025 — Die Rolle ausreichender Basiskompetenzen in einer digitalisierten Arbeitswelt, WIFO-Monatsberichte 2/2017, S. 131-140.

Zur Person

Julia Bock-Schappelwein und Ulrike Huemer, Forscherinnen am WIFO

Mag. Julia Bock-Schappelwein studierte Volkswirtschaft an der Universität Wien und ist seit 2004 Referentin am Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO) im Bereich Arbeitsmarkt, Bildung und Migration. Ihre Arbeitsschwerpunkte umfassen arbeitsmarkt-, bildungs- und migrationsspezifische Fragestellungen, insbesondere die Schnittstelle zwischen Aus-/Weiterbildungssystem und Arbeitsmarkt, strukturelle Aspekte von Erwerbstätigkeit und Arbeitslosigkeit und die Analyse der Arbeitsmarktsituation von ausländischen Arbeitskräften in Österreich. Aktuell arbeitet sie zu genderspezifischen Fragen sowie zu Digitalisierung und Arbeit. Sie ist in die Erstellung der WIFO Konjunkturprognose (Kurz- und Mittelfristprognose) eingebunden, nationale Expertin im skillsnet-Netzwerk von CEDEFOP und arbeitet für das "Mutual Learning Programme" der "DG Employment, Social Affairs, Skills and Labour Mobility". Sie hat an zahlreichen Studien des WIFO mitgewirkt und in international referierten Fachzeitschriften publiziert.

Mag. Ulrike Huemer ist seit 2001 wissenschaftliche Mitarbeiterin am WIFO. Sie hat im Jahr 2001 ihr Studium der Volkswirtschaftslehre in Graz abgeschlossen. Ulrike Huemer befasst sich schwerpunktmäßig mit den Bestimmungsgründen und der strukturellen Entwicklung von Erwerbstätigkeit und Arbeitslosigkeit, mit dem Zusammenhang von Bildung und Arbeitsmarkt, mit Strukturwandel und Anpassungsprozessen auf dem Arbeitsmarkt, sowie insbesondere auch der Entwicklung der Nachfrage nach Berufen und Qualifikationen und des Qualifikationsangebots. Sie ist an der Erstellung der WIFO Konjunkturprognose beteiligt und nationale Expertin im skillsnet-Netzwerk von CEDEFOP.

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