Gastkommentar

Ulrike Schiesser © Bundesstelle für Sektenfragen
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Dossier

"Wem schaden pseudowissenschaftliche Therapien?"

Gastkommentar

25.04.2013
  • Wien (Gastkommentar) - „Mein Mann hat seine Chemotherapie abgebrochen und sich statt dessen ein Kristallbett gekauft, das seine Energiezentren reinigen soll.“ „Meine Psychotherapeutin berechnet mit einem Computersystem die Programmierung meiner Persönlichkeit, die in der DNA festgeschrieben ist.“ „Meine Schwester hat bereits 100.000 Euro für Seelen-Downloads aus dem Internet ausgegeben.“ „Mit diesem Magnetband wird mein Kind seine Rechtschreibschwäche verlieren.“

  • Aussagen wie diese beschreiben einen kleinen Ausschnitt des Spektrums der Probleme, für die sich Menschen durch pseudowissenschaftliche Methoden Hilfe erhoffen. Die Bundesstelle für Sektenfragen bearbeitet im Jahr ca. 600 Beratungsanfragen, dabei werden jährlich etwa 300 unterschiedlichen Gruppen und Einzelanbieter thematisiert. Das Spektrum reicht von alternativen religiösen Bewegungen über Esoterik, Okkultismus und Satanismus bis zu Verschwörungstheorien und Apokalypse, am häufigsten wird zu esoterischen Angeboten angefragt. Es melden sich sowohl direkt Betroffene als auch Angehörige oder Menschen, die beruflich mit diesen Themen konfrontiert sind. Oft geht es bei den Anfragen um die Suche nach Information, Einschätzung der Seriosität und Abklärung möglicher Gefährdungen von diversen Angeboten. Im Hintergrund steht häufig ein Konflikt zwischen einer Person, die von einem Angebot Gebrauch macht, und Angehörigen, die sich Sorgen machen und negative Auswirkungen beobachten: „Seit meine Tochter zu dieser Heilerin geht, zieht sie sich zurück aus der Familie. Sie will nur mehr über diese Inhalte sprechen, hat sich als Person sehr verändert und will, dass wir auch zur Heilerin gehen.“

  • Es kommen in die Bundesstelle aber auch Menschen, die selber schlechte Erfahrungen mit einem bestimmten Angebot, einem Anbieter oder einer Gruppe gemacht haben: „Der Energetiker hat mit einem Bioresonanzgerät festgestellt, dass meine Schwingungen nicht harmonisch sind, deshalb fühle ich mich so erschöpft. Er hat mich mit Quantenenergie behandelt und meinen Schlafplatz gegen Strahlungsfelder abgeschirmt.“

  • Viele Angebote aus der Palette der Esoterik verwenden pseudowissenschaftliche Erklärungen für ihr Wirken. Mit dem Gebrauch technisch-naturwissenschaftlicher Terminologie wird eine Aufwertung der Produkte und Heiltechniken beabsichtigt. Ziel ist die Legitimation als anerkanntes und wirksames Verfahren, wobei im selben Atemzug das naturwissenschaftliche Weltbild als überholt und unrichtig dargestellt wird. Häufig verwendete Begriffe sind dabei z.B.: Biophotonen, Matrix-Quanten-Heilung, Skalarwellen, Bioresonanz, pulsierende Magnetfeldtherapie, Quantenkohärenz, morphologische Felder...

  • Prinzipiell kann jede Person zu einem bestimmten Zeitpunkt in ihrem Leben für die Versprechungen der Pseudotherapien anfällig sein. Oft ist das in einer Zeit von Belastungen, Lebensumbrüchen, Krisen und Konflikten. Auf der Suche nach Lösungen und Orientierung wird mitunter nach jedem Strohhalm gegriffen. Je größer die Verzweiflung umso höher ist die Bereitschaft auch hohe Geldsummen auszugeben. Eine besonders große Ansprechbarkeit haben daher Menschen, die um ihre Gesundheit fürchten, bei denen Krankheiten diagnostiziert wurden, die unter Schmerzen oder gesundheitlichen Beeinträchtigungen leiden. Der Großteil des Marktangebots befasst sich mit dem Thema „Heilung“. Die Beträge die hier ausgegeben werden sind enorm, mehrere tausend Euro für eine Behandlung sind keine Seltenheit.

  • Selbst wenn Betroffene großen Schaden erlitten haben, zeigen sie nur sehr selten an, klagen finanzielle Verluste kaum ein, beschweren sie sich nur selten bei Berufsverbänden und gehen kaum offensiv damit in die Öffentlichkeit. Für Interviews stehen sie nur ungern und meist nur anonym zur Verfügung. Grund dafür ist häufig ein Gefühl der Scham. Sie geben sich selbst die Schuld, auf ein unseriöses Angebot hereingefallen zu sein, und wollen zum Schaden nicht auch noch den Spott. Zudem vermitteln die meisten Anbieter, dass der Erfolg einer Behandlung in hohem Ausmaß vom Engagement, „der inneren Bereitschaft“, der „Reife“ des Hilfesuchenden abhängt. Wenn es funktioniert, ist die Methode gut, wenn nicht, ist die Person nicht ausreichend „bereit“ dafür. Die Schuld eines Misserfolgs suchen Betroffene häufig bei sich. Manche zögern auch, einen Heiler zur Verantwortung zu ziehen aus Angst vor dessen Rache. Die Überlegung lautet: Wenn eine Person mächtig genug ist, mit seinen Kräften Heilung zu bringen, dann kann sie im Umkehrschluss auch mächtig genug sein, mir zu schaden, mir negative Energien zu schicken, mich zu verfluchen. Auch wenn eine Behandlung wirkungslos war, wollen daher viele Betroffene keine energetische „Bestrafung“ riskieren.

  • Der Erfolg vieler esoterischer Angebote liegt darin, dass sie einfache Lösungen für die tiefsten Sehnsüchte und Nöte von Menschen anzubieten scheinen. Durch einen Anstrich von Wissenschaftlichkeit wird Seriosität suggeriert und diese verhilft zu einer vertieften Glaubwürdigkeit. Wenn ein Verfahren auch noch populär ist, vielfach im Bekanntenkreis empfohlen und auch von Fachleuten wie Ärzten angeboten wird, wird es für Konsumenten immer schwerer, unseriöse Angebote zu erkennen. Die gesetzlichen Rahmenbedingungen bieten im Grenzbereich von Spiritualität, Heilsversprechen und Pseudowissenschaft oft nicht genug Schutz vor Missbrauch von menschlicher Not.

Zur Person

Ulrike Schiesser, Mitarbeiterin der Bundesstelle für Sektenfragen

Ulrike Schiesser ist Psychologin und Psychotherapeutin. Als Mitarbeiterin der Bundesstelle für Sektenfragen befasst sie sich mit Konflikten und Gruppendynamik in Zusammenhang mit Spiritualität, Weltanschauungsfragen, Esoterik und Verschwörungstheorien. Zu ihrer Tätigkeit gehört Recherche sowie Beratung und Betreuung von direkt Betroffenen und ihren Angehörigen. Zusätzlich ist sie in der Familienberatungsstelle Courage tätig und in freier Praxis.

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